Begegnungen in Sarajevo

  • Reisetagebuch - 25.09.2013

Bei strahlend blauem Himmel wachten wir heute Morgen in Sarajevo auf und gingen noch vor dem Frühstück um 8 Uhr zur Messe in den Dom. Im Anschluss stand eine intensive Kennenlernphase des Bildungsbereichs des Erzbistums Sarajevo auf dem Programm.

An einem großen, runden Tisch kamen vormittags verschiedenste Leitungspersönlichkeiten des Erzbistums zusammen, um uns von ihrer Arbeit zu berichten. So erführen wir viel über die Strukturen, die Geschichte und die Gegenwart des Seminariums in Sarajevo, das System der theologischen Erwachsenenbildung, die Kindertagesstätten und die Europaschulen in der Diözese. Auch die Medien- und Jugendarbeit hier vor Ort lernten wir kennen. Am Nachmittag hatten wir Gelegenheit, uns in Kleingruppen aufzuteilen und eine der Einrichtungen zu besuchen.

Sehr spannend war darüber hinaus die Begegnung mit den Franziskanern, die in der pastoralen Arbeit in den Pfarreien eine zentrale Rolle spielen. Von den rund 190.000 Katholiken in der Erzdiözese Sarajevo werden zwei Drittel der Gläubigen von Franziskanerpriestern der Provinz Bosnien seelsorgerisch betreut. Sie leiten die Pfarreien und stellen mit 200 Priestern mehr als doppelt so viele wie es dem Erzbistum Sarajevo möglich ist. Trotzdem ist das Verhältnis zwischen Diözese und Orden oftmals angespannt und durch Geschichte und Althergebrachtes belastet.

Unsere Tischgemeinschaft am Abend in der Pfarrei Stup Treike / Bistum Limburg

Neue Wege gehen

Doch so wie auch die Kirche in Deutschland in Bewegung ist und immer nach neuen Wegen des Miteinanders sucht, so ist auch hier in der Region einiges im Werden. Gerade auch im Rahmen des Bildungssektors gibt es Kooperationen, Rückkopplungen und Synergien zwischen dem Orden der Franziskaner und der Erzdiözese. Unser wirklich gutes, offenes und angenehmes Beisammensein hat uns gezeigt, dass hier ein Wille besteht, das Miteinander zu gestalten und Synergieeffekte noch besser zu nutzen.

Gleichzeitig konnten wir wieder feststellen, dass es einige Baustellen gibt, die beiden Seiten gut bekannt sind. Sowohl in Sarajevo als auch in Limburg steht im Zentrum der Überlegungen, wie unser Kirche-Sein zukünftig gestaltet werden kann. Wo die Orte des Glaubens sind und wie diese mit Leben gefüllt werden, ist eine Fragestellung, der sich beide Seiten intensiv widmen.

„Das Zusammenleben von Bosniaken und Kroaten, Muslimen und Katholiken erfordert tagtäglich diese Toleranz und den guten Willen für ein gelingendes Miteinander.“

Europaschulen - das Zeichen am Klassensaal, in dem die Geschichte der verschiedenen Religionen für alle Schüler unterrichtet wird. Treike / Bistum Limburg

Toleranz und Miteinander

„Toleranz“ und „ das Miteinander“ sind Worte, die im Alltag des Erzbistums Sarajevo, in der Kirche und im Bereich der Bildung eine zentrale Rolle spielen. Die Toleranz gegenüber anderen Religionen und Volksgruppen macht einen Kernpunkt der Gestaltung von Bildungsangeboten für Kindertagesstätten und katholische Schulen, die Europaschulen, aus. Das Miteinander in der Stadt und auch im ganzen Land zu gestalten, ist bei Weitem kein einfaches Unterfangen und erfordert immer wieder aufs Neue kreative Herangehensweisen. Die Realitäten und Identifikationsmuster hier vor Ort sind vielschichtig und für Außenstehende teils undurchsichtig, aber dennoch omnipräsent. Unterschieden wird auf verschiedensten Ebenen: religiöse Zugehörigkeit, nationale Identifikation mit einer Bevölkerungsgruppe, die verschiedenen Hierarchieebenen, etc. Das Zusammenleben von Bosniaken und Kroaten, Muslimen und Katholiken erfordert tagtäglich diese Toleranz und den guten Willen für ein gelingendes Miteinander.

Wir haben viel gelernt heute – im Speziellen über den Bildungssektor des Erzbistums Sarajevo und auch allgemein über die Mentalität im Land. Die Offenheit der Menschen uns gegenüber ist überwältigend und berührend. Wir haben schnell eine Ebene gefunden, auf der wir uns vertrauensvoll austauschen können, einander zuhören, bereichern und zugleich gemeinsam eine Menge Spaß haben können. Zum Abendessen waren wir in der Pfarrei in Stup eingeladen. „Nicht nur Liebe geht durch den Magen, (Gast-) Freundschaft tut es auch“, sagt einer der Pfarrer. Recht hat er.

Von Vanessa Treike

Die Bistümer im Vergleich

Limburg:

  • gegründet: 1821
  • Fläche: 6.182 km²
  • Einwohner: 2.360.000
  • Katholiken: 669.250
    Anteil in Prozent: 28,7 %
    Anteil der Muslime in Prozent: 0,1 %
  • Anzahl Pfarreien: 340

Sarajevo (Vrhbosna):

  • gegründet: 1881 (Ursprung im 7. Jh.)
  • Fläche: 22.401 km²
  • Einwohner: 1.955.000
  • Katholiken: 208.920
    Anteil in Prozent: 10,7 %
    Anteil der Muslime in Prozent: ca. 45 %
  • Anzahl Pfarreien: 151

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