Viele positive Strategien

  • Reisetagebuch - 01.04.2015

Zinnminen in Huanuni, eine landwirtschaftliche Universität in den Yungas, Kartoffelfelder auf knapp 4.000 Meter Höhe und Wasserwege in der Millionenstadt La Paz: Zu diesen unterschiedlichen Orten in Bolivien hat sich eine Reisegruppe aus den Bistümern Trier und Hildesheim im März auf den Weg gemacht.

Acht Tage lang haben sich sieben Frauen und Männer zusammen mit bolivianischen Partnern mit Fragen des Klimawandels, der nachhaltigen Landwirtschaft, der Wasserwirtschaft und den Folgen des Rohstoffabbaus beschäftigt. Mit dieser thematischen Reise haben die Veranstalter, die Diözesanstellen Weltkirche der Bistümer Trier und Hildesheim und die Partnerschaftskommission in Bolivien, die Frage nach der Schöpfungsverantwortung erneut aufgegriffen, die von 2011 bis 2013 ein Schwerpunkt der Partnerschaftsarbeit war.

Großes Engagement und Interesse an Umweltthemen auf der einen Seite, aber auch mangelndes Hintergrund- und Risikowissen oder schlechte Umsetzungsmöglichkeiten guter Ansätze auf der anderen Seite stellten die Reiseteilnehmer nach ihren Aufenthalten in verschiedenen Projekten – sogenannten Exposure-Tagen – fest.

Besuch der Minenarbeiter in Oruro

So besuchten Barbara Schartz, Referentin für den Themenschwerpunkt Schöpfung der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum Trier, und Katharina Bosl von Papp von der Diözesanstelle Weltkirche in Hildesheim Minen in Oruro – und registrierten, dass die Minenarbeiter, die oft auch gleichzeitig Bauern sind, mit der einen Arbeit ihre zweite Lebensgrundlage zunichte machen. „Die Häuser in Santa Anna etwa stehen direkt an dem Fluss, der durch die Ausflüsse aus den Minen verseucht ist“, berichtete Schartz. Trotzdem würden die Frauen in dem Fluss Wasser holen und Wäsche waschen und die Bauern mit dem verseuchten Wasser die Felder bewässern. Zudem schrumpfe die Dorfbevölkerung immer weiter, weil junge Leute in die Städte gingen.

Besuch in der landwirtschaftlichen Universität in Carmen Pampa Spatz/Bistum Hildesheim

Landwirtschaftsprojekte der Universität in Carmen Pampa

Martin Spatz, der in der Bauabteilung der Diözese Hildesheim arbeitet und für deren Klimaschutzinitiative mitverantwortlich ist, hat die landwirtschaftliche Universität in Carmen Pampa besucht, mitten in den Yungas, einer Region, die den Übergang zwischen dem Hochland der Anden und dem tropischen Tiefland mit dem Amazonas-Regenwald bildet. „An dieser Universität mit etwa 700 Studenten wird zum Beispiel der Kampf gegen verschiedene Plagen geführt; es gibt es großes Projekt zum Aufbau einer ‚Samenbank‘; und vom Aussterben bedrohte Pflanzen konnten wieder kultiviert werden“, fasste Spatz einige Eindrücke zusammen. Auch Koka-Anbau wird dort betrieben – ein umstrittenes Thema in Bolivien, gehört die Pflanze doch zum einen zur Kultur des lateinamerikanischen Landes und wird für Tee oder als eine Art Kautabak verwendet, liefert andererseits aber den Rohstoff für die Droge Kokain. „Die Strategien zum Umgang mit den ausgelaugten Koka-Böden hat mich begeistert“, erklärte Spatz.

Trinkwasserschutz und Recycling

Christian Görlich von der Technischen Universität Braunschweig und Johannes Hill, Umweltberater der Stadt Trier, beschäftigten sich mit Zugängen zu Wasser. Sie besuchten in La Paz und El Alto eine Universität, Institute und die Stadtverwaltung und informierten sich unter anderem über Trinkwasserschutz und Mülltrennung. Besonders beeindruckt zeigten sich die beiden nach dem Besuch eines Wohnviertels in El Alto, das erst kürzlich an die Wasserversorgung angeschlossen worden ist. Im Bereich Abwasser etwa werde „viel geforscht, aber die praktische Umsetzung läuft noch nicht“, erklärte Hill. Hier könnten sich die deutschen Partner einbringen. Er lobte, gerade die Kommune arbeite stark im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Bewusstseinsbildung.

Ein grünes Paradies in luftiger Höhe: In den Modellbeeten werden unter anderem Kartoffeln und Mais angebaut. Kuhn/Bistum Trier

Die Campesinos von Aramasi

Johannes Zehfuss, rheinland-pfälzischer Landtagsabgeordneter aus Bröhl-Iggelheim und Landwirt, hat gemeinsam mit Ludwig Kuhn von der Trierer Diözesanstelle Weltkirche drei Tage in Aramasi verbracht, in einer Anden-Pfarrei in der Nähe von Cochabamba, die in ihrer gesamten Ausdehnung zwischen 2.800 und gut 4.000 Metern Höhe liegt. Die Sozialpastoral der Pfarrei ist auf die Bedürfnisse der Campesinos, der Bauern, abgestimmt. Er sei angenehm überrascht von dem „agrarisch-religiösen Ansatz, von der Geduld und der Kondition“, mit der dort gearbeitet werden, sagte Zehfuss. Gleichzeitig habe ihn die aus seiner Sicht fehlende Infrastruktur erschreckt. Die Campesinos bauten auf Flächen zwischen 100 und 2.500 Quadratmetern vor allem Kartoffeln, aber auch Obst und Bäume an, „alles in Handarbeit“.

Symposium zum Thema Atomenergie

Während der Exposure-Tage hatten die Reiseteilnehmer in Gastfamilien oder Gemeinderäumen gewohnt – für die meisten ebenfalls eine neue Erfahrung, die von allen positiv bewertet wurde. Zum Reiseprogramm gehörte neben Einführungstagen in Santa Cruz und einem Treffen mit dem deutschen Botschafter in La Paz auch der Besuch eines Symposions, das die Partnerschaftskommission und die Stiftung Jubileo zum Thema Atomenergie veranstaltet hatte. Hier brachte Zehfuss die Perspektiven der deutschen Politik zum Atomausstieg ein, während Bosl von Papp und Spatz die Sicht der Diözese Hildesheim vorstellten.

Die Teilnehmer der Exposure-Reise sind überzeugt: In Bolivien gibt es viele positive Strategien für Klimaschutz und eine nachhaltige Ladnwirtschaft. Mettlach/Bistum Trier

Die Frauen und Männer nehmen unterschiedliche Impulse von der Reise mit nach Hause. Barbara Schartz will sich weiterhin mit dem Thema Bergbau befassen. Sie wird aber auch prüfen, inwieweit die Arbeit der Erwachsenenbildung und der Diözesanstelle Weltkirche stärker vernetzt werden können. Für Martin Spatz hat sich gezeigt, dass es in Deutschland kein „richtiges Bild“ von Bolivien gebe. Daher will er seine Erlebnisse darstellen und veröffentlichen: „Ich will aufzeigen, dass es auch in Bolivien viele positive Strategien gibt.“ Christian Görlich mahnt einen stärkeren Wissensaustausch an, gerade mit Blick auf einfachere, aber wirkungsvolle Technologien. Denn er ist der Ansicht: „Jede Gesellschaft muss letztlich selbst in der Lage sein, sich zu entwickeln.“ Johannes Hill fühlt sich in seiner Arbeit zu den Themen Wasser und Schöpfungsverantwortung bestärkt. „Ich möchte in diesem Bereich mein Engagement weiter vorleben.“ Hill plant, seine Kontakte auf mögliche Kooperationen abzuklopfen. Johannes Zehfuss sieht einmal mehr bestätigt, dass im Bereich der Bildung der duale Ansatz – also Theorie und Praxis gemeinsam – der „einzig funktionierende Ansatz“ ist.

„Unser Ziel muss es sein, die Jugend ganzheitlich zu bilden.“

— Pater Freddy Villar, Generalvikar der Diözese Coroico

Positive Bilanz und Blick in die Zukunft

Die bolivianischen Gastgeber bewerteten den Austausch mit den deutschen Gästen positiv. So betonte etwa Pater Freddy Villar, Generalvikar der Diözese Coroico und Gastgeber von Martin Spatz, der Hildesheimer habe „uns motiviert, weiterzuarbeiten“. Er dankte den Verantwortlichen der Partnerschaft für deren Arbeit: „Unser Ziel muss es sein, die Jugend ganzheitlich zu bilden.“ Umweltfragen seien ein Querschnittsthema.

Auch die Veranstalter der Reise, Katharina Bosl von Papp und Ludwig Kuhn sowie Magnus Brüning als Geschäftsführer der Partnerschaftskommission in Bolivien, zogen ein positives Fazit der Reise. Dass die Kooperation und Vernetzung der Partner zum Thema Klimawandel weiter gefördert werden soll, stand außer Frage; ebenso die Übereinstimmung, dass verstärkt im Bildungsbereich gearbeitet werden muss. Als eine mögliche Aufgabe für die Zukunft benannten die Reiseteilnehmer die Schwäche politischer Strategien, die sich gerade im Zusammenhang mit Umweltfragen gezeigt hätten. „Es fehlt dieser ‚Zwischenbereich‘ zwischen der vorhandenen Gesetzgebung und der Praxis, zum Beispiel durch Sanktionsmöglichkeiten“, fasste Bosl von Papp ihren Eindruck zusammen. Außerdem sei die politische Bedeutung von Umweltfragen noch unklar; eine politische oder ideologische Vereinnahmung von Umweltschutzthemen sei zu befürchten.

„Begegnung und Austausch sind die Stärken der Partnerschaft zwischen Bolivien und den Bistümern Hildesheim und Trier.“

— Magnus Brüning, Geschäftsführer der Partnerschaftskommission in Bolivien

Kuhn hob den Zusammenhang zwischen Schöpfungsverantwortung und Maßnahmen der politischen und technischen Umsetzung hervor: Es gelte, diesen Zusammenhang als „Teil der christlichen Dimension und als Teil der christlichen Botschaft stärker zu implementieren“. Für Bosl von Papp hat es sich bewährt, einen thematischen Fokus bei einer Reise zu setzen. „Ich würde das gerne bei zukünftigen Reisen fortsetzen.“ Für Brüning lohnt es sich auch, mit wenigen den Austausch zu suchen und dabei einen thematischen Schwerpunkt zu setzen: „Begegnung und Austausch sind die Stärken der Partnerschaft zwischen Bolivien und den Bistümern Hildesheim und Trier.“

Von Judith Rupp, Presstelle Bistum Trier

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Die gemeinsame Verantwortung für die Schöpfung ist eines der zentralen Themen der Partnerschaft zwischen den Diözesen Hildesheim und Trier und der Kirche in Bolivien. Um zu verdeutlichen, wie sich die globalisierte Weltwirtschaft und die Folgen des Klimawandels auf die Menschen und die Natur in ihrem Partnerland auswirken, veranstalteten die beiden Bistümer vom 6. bis 16. März 2015 eine Exposure-Reise nach Bolivien.

In einem Reisetagebuch für das Internetportal Weltkirche und die Kirchenzeitung im Bistum Hildesheim berichteten die Teilnehmenden von ihren Erlebnissen.

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Bolivien-Partnerschaft

Seit vielen Jahren pflegen die Diözesen Hildesheim und Trier lebendige Partnerschaften zu der Kirche in Bolivien. Weitere Informationen zu einzelnen Initiativen, Projekten und Aktiviäten der Bolivien-Partnerschaften finden Sie auf den Webseiten der beiden Bistümer:

www.bistum-hildesheim.de

www.bistum-trier.de/bolivienpartnerschaft

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