Sauberes Wasser!

  • Reisetagebuch - 30.03.2015

Nach einer Stunde mit dem Jeep auf staubiger Piste haben wir das Ende des Tales erreicht. La Paz liegt weit weg. Hier ist es atemlos still. Nur die Lamaherden mit ihrem Nachwuchs weiden und schauen uns neugierig an. Über uns die nur noch leicht schneebedeckten Sechstausender, die Königskordilleren. Die letzten Gletscher werden in wenigen Jahren verschwunden sein. Das einzige Skigebiet Boliviens ist schon „trocken“.

Wir genießen die atemberaubende Kulisse. Die kleine Touristenlodge hat geschlossen. Ein Trampelpfad führt an einen glasklaren See. Hier möchte man bleiben, ganz nahe am Himmel (4.500 Meter), frische Luft, saubere Böden – ein kleines Paradies nach den Tagen im wuseligen und lebhaften La Paz.

Als wir uns umdrehen, parkt ein weiterer Jeep neben uns: Die Kamera auf dem Dach und die Schrift auf der Ladeluke holt uns in die Realität zurück: Google Street View digitalisiert auch dieses entlegene Stück Erde für alle, die klicken können.

Auf dem Rückweg tauchen schon bald die ersten kleinen Steinbrüche und Minen auf: Sie nutzen das frische Gletscherwasser zum Spülen und Säubern der Erze, Steine und Maschinen. Ebenso die nebenan gelegenen, kleinen Dörfer. Kommunale verordnete Handlungseinschränkungen, so hört man, stehen nahezu syndikalistischen Dynamitdrohungen gegenüber. Winzige Felder in den steilen Hängen zeugen davon, dass man auch hier noch Nahrung mit viel Mühe erzeugen kann.

An den Ausläufern von La Paz

Nochmal eine halbe Stunde später erreichen wir die Ausläufer von La Paz. Die roten, unverputzten und einfachen Ziegelsteinhäuser fressen sich die Steilhänge hinauf in die Landschaft. In wenigen Jahrzehnten ist aus der Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern eine Millionenstadt geworden. Es gibt keine Absicht, das Wachstum zu beschränken. Von 3.200 bis in 4.000 Meter Höhe stapeln sich die Stadtteile und gehen übergangslos auf dem Hochplateau über in die Millionenstadt El Alto. Der Untergrund der Stadt besteht nicht aus gewachsenem Fels. Eine Mischung aus Lehm, Mergel und Geröll wird überbaut und jedem Geologen oder Bodenkundler wird der Anblick der Häuser an diesen instabilen Steilkanten eine Gänsehaut verursachen. Aber warum eigentlich: Es scheint doch alles zu funktionieren ...

Der Bachlauf, dem wir folgen, ist jetzt tief eingeschnitten, die Schlucht ist praktisch: man kann den Abfall reinwerfen und dann ist er „weg“, vor allem nach Starkregen und Hochwasser. Die nun braunen Wassermassen kommen von allen Seiten des riesigen Talkessels auf die Innenstadt zu. Seit Generationen transportieren sie auch die Abwässer durch die Stadt hinab in die Yungas. Die Schaumberge auf den kaskadierten Gewässern geben dem Fluss seinen umgangssprachlichen Namen: Rio Omo, oder Omowasser-Fluss. Es gibt keine kommunale Kläranlage. Man sucht noch einen Platz für diese. Ein ehemals gefundener Standort ist bereits verbaut. Doch eine Anlage für Industrieabwässer gibt es und die eingeleiteten vorgereinigten Wasser werden auch im kommunalen Labor regelmäßig untersucht – erste Schritte, weitere sollten folgen.

Wir lieben Regenwasser!

Stadtrand von El Alto: Seit 15 Jahren leben die meisten Familien hier, oft bestehend aus alleinerziehenden Frauen oder Witwen. Einige Ehemänner arbeiten weit weg im Bergbau oder als Taxifahrer „unten in der Stadt“. Die NGO „Red Habitat“ hat hier mit viel Engagement und einer beeindruckenden Kommunikationskultur und Bildungsarbeit Projekte initiiert, die zum Nachahmen herausfordern.

Die Dorfbewohner sind stolz auf ihre Regenwasseranlage. Johannes Hill

Das Projekt zur Regenwassernutzung hat nicht nur uns begeistert: Ein amerikanisches Filmteam begleitet uns zufällig auf dem Weg zu mehreren kleinen Ziegelhäusern. Die Grundstücke sind alle von einer unverputzten Ziegelmauer umgeben. Das schafft für jede Familie Privatsphäre und einen verbesserten Diebstahlschutz. Sie begrenzt zugleich auch einen Lebensraum, der jeweils eine Mischung aus Baustelle, Kleingarten und Abenteuerspielplatz für die Kleinsten, aber auch Kommunikationsraum für die Erwachsenen ist. Gegessen wird nach gemeinsamer Projektarbeit zusammen. Jeder bringt dazu das mit, was er hat: Linsen, verschiedenste Kartoffelarten, Hühnchen, Omelett, gekochte Eier, etwas Gemüse und Obst, aber vor allem Eiweißhaltiges. Für uns wird extra Cola besorgt – und nach ein paar Minuten auch Gläser aus der Nachbarschaft. Je nach Wohlstand wird am Tisch oder auf dem Boden hockend gegessen, bei Sonne jedoch vorwiegend im Schatten. Die Nahrung wird immer hübsch angerichtet und auf den herrlich farbigen Tüchern dekoriert.

Nach dem Empfang am Haustor durch die jeweilige „Chefin“ der Gemeinschaft streut jede anwesende Frau eine handvoll Konfetti auf unsere Köpfe, dann folgen Handschlag, Wangentest und Umarmung und ein weiterer Handschlag, gefühlte 50 Mal. Wir besuchen fünf verschiedene Häuser, alle Besitzerinnen und Besitzer berichten stolz vom Bau ihrer Regenwassersammelanlage: Vom Dach wird das Wasser über einen Filter in einen Tank geleitet, der meistens 450 Liter fasst. Erstes Spülwasser vom Dach kann abgezweigt, weiteres Wasser aus der Leitung über einen extra Hahn hinzugegeben werden. Über Schwerkraft kann aus dem Tank ein großes Waschbecken für die Wäsche und Küchenarbeiten sowie für die Bewässerung der kleinen, grundstückseigenen Gärten entnommen werden. Zudem wurde im Zuge der Projektarbeit jeweils ein schön gefliestes Bad mit Dusche mit Sparkopf und WC errichtet. Die hiesigen 120 Liter Wasser pro Einwohner und Tag werden in La Paz mit rund 85 Litern unterschritten, doch man muss sparen, wo man kann. Vor zwei Jahren noch mussten die Frauen und ihre Kinder zum Waschen an einen Bach gehen, der schmutzig und gefährlich in der Nähe vorbeifließt. Das große Geschäft wurde auf dem Grundstück in einem sichtschutzumgebenen Loch verrichtet, doch dank der Arbeit von Red Habitat hat sich einiges verändert. Das Material für die neue Einrichtung stellt die Organisation. Ebenso werden für die Bewohnergruppen Lehrgänge organisiert, in denen die Bewohnergruppierungen lernen, wie die Regenwassersammelsysteme aufzubauen und zu betreiben sind. Das schafft auf beispielhafte Weise ein Wert- und Verbundenheitsgefühl, weil zur materiellen Spende ein großer Anteil Eigenleistung hinzukommt.

Die Begeisterung der Frauen über das für sie unglaublich Geschaffene (eigene Sanitäreinrichtung mit fließend Wasser!), ihre Gastlichkeit und ihr Glück über diese für uns so selbstverständlichen Errungenschaften haben uns in der einfachen, luxusfernen Umgebung tief bewegt. Die abendliche Dusche im Hotel, mit warmem Wasser und Seife waren anschließend befreiend und bedrückend zugleich – die Welt ist nicht fair, Freude aber relativ.

Die Mitarbeiter der Anlage sortieren die gesammelten Plastikflaschen nach Farben, lösen Etiketten und trennen die Reste nach Papier und Metallanteil. Johannes Hill

Klimaschutz wird in Bolivien häufig direkt mit Umweltschutz gleichgesetzt. Und was können wir gegen Klimaverschmutzung und Klimawandel unternehmen? Erst einmal Müll sammeln und trennen! Die Abfallwirtschaft steckt in La Paz noch in den Kinderschuhen. Niemand ist bereit, für Abfall und seine Entsorgung zu bezahlen. Fürs Wassergeld bekommt man etwas, fürs Abfallgeld nichts, oder? Nicht umsonst versucht man daher die Entsorgungsgebühren mit Versorgungsgebühren zu koppeln – auch hier. Bis man mit Abfall sogar richtig gut Geld verdienen kann (bei uns zahlt man ja über den Grünen Punkt plus Abfallgebühren genug in die Solidaritätskasse der Entsorger und Verwerter ein) ist es noch ein weiter Weg. Das Pfandsystem ist für viele Bolivianer ein ungewöhnlicher Gedanke – auch in Kreisen leitender Ingenieure, wie wir merken.

Wir haben nichtsdestotrotz die ersten Schritte in Richtung Abfallwende in La Paz besuchen können: ein recht modernes Recyclingcenter, in dem händisch täglich 20 Tonnen Pappe und Plastikabfälle, vor allem aber Kunststoffflaschen recycelt werden. Ich kenne solche Anlagen bei uns noch aus den 90er Jahren. Rund ein Dutzend Personen sortiert aus Abfallsäcken die bereits sortenrein gesammelten Plastikflaschen nach Farben. Etiketten werden gelöst und nach Papier und Metallanteil getrennt. Anschließend werden die Flaschen wie auch die Pappe in einer halbautomatischen Presse zu Ballen gepresst. Fünf bis sechs Ballen aus Plastikflaschen á 150 Kilogramm sind die Tagesproduktion. Der Restmüll, etwa 550 Tonnen pro Tag, wird in einer Schlucht deponiert, die auf einer abenteuerlichen Lehmpiste täglich von einigen dutzend LKW mühsam angefahren wird. Batterien und weiterer Sondermüll werden dort angeblich ebenfalls vergraben. Zukünftige Generationen können sich schon auf das urban-mining freuen.

Von Johannes Hill, Stadt Trier (Umweltberatung), und Christian Görlich, TU Braunschweig

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Die gemeinsame Verantwortung für die Schöpfung ist eines der zentralen Themen der Partnerschaft zwischen den Diözesen Hildesheim und Trier und der Kirche in Bolivien. Um zu verdeutlichen, wie sich die globalisierte Weltwirtschaft und die Folgen des Klimawandels auf die Menschen und die Natur in ihrem Partnerland auswirken, veranstalten die beiden deutschen Bistümer vom 6. bis 16. März 2015 eine Exposure-Reise nach Bolivien.

In einem Reisetagebuch für das Internetportal Weltkirche und die Kirchenzeitung im Bistum Hildesheim berichten die Teilnehmenden von ihren Erlebnissen.

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Seit vielen Jahren pflegen die Diözesen Hildesheim und Trier lebendige Partnerschaften zu der Kirche in Bolivien. Weitere Informationen zu einzelnen Initiativen, Projekten und Aktiviäten der Bolivien-Partnerschaften finden Sie auf den Webseiten der beiden Bistümer:

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