Kinder in Buenos Aires bauen an ihrer Zukunft

  • Reisetagebuch - 12.05.2016

Einmal im Leben auf der Panamericana zu fahren, auf der Schnellstraße, die Alaska mit Feuerland verbindet und sich über die gesamte Nord-Süd-Achse des amerikanischen Kontinents erstreckt, das war schon als Kind mein großer Traum. Am Mittwoch wurde er Wirklichkeit.

Allerdings fuhr ich nicht in den Abenteuerurlaub, den ich mir als Kind immer ausgemalt hatte, sondern Schwester Marta Yavarone, die Projektkoordinatorin der Kongregation der Schwestern von Jesus-Maria, fuhr mich aus der quirligen Hauptstadt Argentiniens hinaus in eine Vorstadt, wo die sozialen Probleme Argentiniens offen auf der Hand liegen: Drogen, Kriminalität, Gewalt gegen Frauen, jugendliche Schwangerschaften, um nur einige zu nennen.

Bildung und Pastoral im sozialen Brennpunkt

Und was tut die vor über 200 Jahren in Frankreich gegründete Schwesterngemeinschaft dagegen? Sie baut Schulen und versucht, den Kindern von Grund auf mit Bildung das nötige Rüstzeug zu geben, um den Gefahren des Viertels zu entkommen. Pablo Nogués heißt dieses Viertel, in dem Reiche und Arme Tür an Tür nebeneinander leben. Gerade das vergrößert die sozialen Spannungen. Die Schwestern fingen mit einer Grundschule an, die mittlerweile durch eine weiterführende Schule ergänzt wurde. 950 Schüler werden hier zurzeit unterrichtet. Rund 100 Lehrer stehen dafür zur Verfügung, die allerdings oft nur in Teilzeit arbeiten. Ihre Gehälter bezahlt der Staat. Trotzdem müssen die Eltern ein geringes Schulgeld entrichten, damit der Wert der Bildung präsent ist. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart unterstützte die Schule 2014 beim Bau der Kapelle, in der nicht nur die Gottesdienste der Schüler gefeiert werden, sondern auch Katechesen und Gottesdienste für die umliegende Nachbarschaft stattfinden, da die nächste Kirche weit entfernt ist.

Doch geht es in diesem sozialen Brennpunkt nicht nur um Schulunterricht und Pastoral. Als flankierende Maßnahmen bieten die drei jungen Schwestern, die auf dem Schulgelände leben und beten, als ausgebildete Sozialarbeiterinnen zusammen mit den Lehrern und Fachleuten von außen auch Programme zur Gewaltprävention und psychologische Beratung an. Doch dafür sind die Gebäude längst zu klein geworden und es sollen neue Besprechungsräume gebaut werden, wobei die Schwestern wieder auf Hilfe aus Rottenburg hoffen.

Unterstützung für Kinder mit Behinderung

Die Arbeit der Schwestern wird gestützt durch die Stiftung Claudina Thévenet, die schon vor 20 Jahren gegründet und nach der Gründerin der Kongregation benannt wurde. Am Vormittag besuchte ich in der Hauptstadt das Centro Claudina Thévenet, das ebenfalls von der Stiftung getragen wird. Was geschieht in einer Stadt mit fast drei Millionen Einwohnern und einem umgebenden Großraum mit 17 Millionen Menschen zur Unterstützung behinderter Kinder? Es ist erschreckend zu erfahren, wie wenige Einrichtungen es gibt, wo die Entwicklung dieser Kinder gefördert wird. Das Centro ist eines der wenigen. Hier werden Kinder mit Down-Syndrom, Autismus, Sprachbehinderungen und vielfältigen anderen Behinderungen unterstützt. Sie leben weiter in ihren Familien und werden so weit gefördert, dass sie möglichst eine öffentliche Schule besuchen können. Wo das nicht möglich ist, steht eine eigene therapeutische Schule im Haus zur Verfügung. 120 Mitarbeitende kümmern sich um insgesamt 230 Kinder an zwei Standorten.

Die Finanzierung erfolgt über die Sozialversicherung, die aber Maßnahmen am Gebäude nicht abdeckt. Hierzu werden immer wieder Spenden benötigt und die Unterstützung aus Rottenburg, mit der es schon 2010 möglich wurde, das wunderschöne Haus vom Beginn des 19. Jahrhunderts zu restaurieren, das 1995 mit Mitteln der Stiftung gekauft werden konnte, aber sich in einem erbarmungswürdigen Zustand  befand. Die Kinder fühlen sich ganz offensichtlich wohl in diesem malerischen Haus, nicht weit entfernt von dem Prachtboulevard 9 de Julio, der mit 14 Fahrstreifen das Zentrum von Buenos Aires durchzieht und den Vergleich mit jeder europäischen Hauptstadt spielend aufnehmen kann.

In dem 2011 von der Diözese Rottenburg-Stuttgart unterstütztem Auditorium treffen sich Expertenteams und beraten gemeinsam, wie jedes einzelne Kind am besten gefördert werden kann. Von der Schwangerschaft, nachdem die zukünftige Mutter gerade von der Behinderung ihres Kindes erfahren hat, bis zum 40. Lebensjahr findet hier eine intensive Beratung und Ausbildung statt. Es gibt im Haus auch täglich Mittagessen für die Kinder und eine Ernährungsberatung steht ihnen zur Verfügung. Die Eltern werden auch bei Behördengängen unterstützt und die Anwaltschaft für Menschen mit Behinderungen ist ein weiteres wichtiges Thema neben der wissenschaftlichen Forschung. Keine andere Einrichtung bietet in der Hauptstadt ein solches Komplettpaket für Eltern und Kinder an. Der schönste Erfolg für die Mitarbeitenden ist es, wenn sie ehemalige Schützlinge nach erfolgreicher Ausbildung, auch an staatlichen Universitäten, als neue Mitarbeitende einstellen können.

Von Msgr. Dr. Heinz Detlef Stäps

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Domkapitular Heinz Detlef Stäps leitet die Hauptabteilung Weltkirche im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Vom 10. bis 23. Mai 2016 reist er durch Argentinien und besucht dort Projektpartner seiner Diözese. Alle Berichte im Überblick finden Sie in unserem Reisetagebuch.

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