Freundschaft will gepflegt werden

  • Reisetagebuch - 15.05.2016

Wenn man eine Freundschaft pflegen will, dann reicht es nicht, ab und zu einen Brief oder eine E-Mail zu schreiben, oder den Telefonhörer in die Hand zu nehmen. Wer eine Freundschaft pflegen will, der muss sich auf den Weg machen, seine Freunde besuchen, schauen, wie es ihnen geht und ihre Lebenssituation teilen. Dazu dient meine Reise nach Argentinien in erster Linie.

Vor 50 Jahren saßen die beiden Bischöfe Manuel Tato von Santiago del Estero und Carl Joseph Leiprecht von Rottenburg beim Zweiten Vatikanischen Konzil nebeneinander und tauschten ihre Sorgen und Träume aus. So wurde eine Partnerschaft geboren, die bis heute beiden Seiten sehr wichtig ist. Dies konnten Bischof Vicente Bokalic, seit gut zwei Jahren Bischof von Santiago del Estero, und ich uns gegenseitig versichern. Dass daraus im Laufe der Jahrzehnte ein von Rottenburg ausgehendes Netzwerk von Partnerschaften mit Ortskirchen in über 80 Ländern werden würde, hätte damals sicherlich niemand zu träumen gewagt. Die Keimzelle war aber die Partnerschaft mit Santiago del Estero, die damals in Rom entstand.

Austausch, Bildung, Schulen bauen – die drei Säulen der Partnerschaft

Kurz danach, im Jahr 1967, schickte Bischof Leiprecht zwei Priester nach Santiago, wie es sich Bischof Tato in Rom gewünscht hatte. Dieser personelle Austausch dient nicht nur dem Zweck, das Personal der Partner zu verstärken. Es geht auch darum, sozusagen in den Mokassins der anderen zu gehen und am eigenen Leib zu erfahren, wie es ihnen geht. Dies ist bis heute eine wichtige Säule der Partnerschaft und wird verstärkt durch den Austausch von jungen Freiwilligen, die in beide Richtungen für ein Jahr über den Atlantik reisen. Mit vier deutschen Freiwilligen konnte ich in Santiago sprechen und mich aus erster Hand davon überzeugen, wie wichtig für sie die Erfahrungen sind, die sie in unserer argentinischen Partnerdiözese machen.

Zum größten Teil arbeiten sie in den katholischen Schulen mit, denn das gemeinsame Engagement für Bildung ist die zweite Säule,  welche die Partnerschaft stützt. Eine Dachorganisation („SAED“) koordiniert alle katholischen Schulen des Bistums Santiago, ähnlich wie das katholische Stiftungsschulamt in Rottenburg. So gibt es eine intensive Zusammenarbeit der beiden Organisationen im personalen und im inhaltlichen Bereich. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat immer wieder bei Baumaßnahmen an den katholischen Schulen geholfen – auch auf dem Weg direkter Gemeindepartnerschaften, wie zum Beispiel zwischen der Gemeinde Espiritu Santo, wo ich heute den Pfingstgottesdienst mit Bischof Bokalic mitfeiern durfte, und der Gemeinde Herz Jesu in Fachsenfeld bei Aalen.

ANCADI – eine Stiftung für Kinder mit Behinderung

Verhältnismäßig jung ist die Zusammenarbeit mit ANCADI, einer katholischen Stiftung, die es sich unter der Leitung des hochengagierten Arztes Dr. Mario Ferreyra zur Aufgabe gemacht hat, behinderte Kinder, die oft von ihren Familien auf dem Land versteckt werden, zu finden und sie mit umfangreichen Reha-Maßnahmen zu unterstützen. Um die Kinder jeden Tag aus den umliegenden Gemeinden zu den Beratungen und Schulungen zu bringen, haben wir ANCADI 2015 beim Kauf eines Minibusses geholfen. Jetzt werden wir gegen 22.00 Uhr (früher ließ uns unser Zeitplan keine Lücke) von Dr. Ferreyra abgeholt und zum Sitz der Stiftung gebracht. Dort sehen wir, dass eine ihrer Aufgaben darin besteht, Prothesen für Beinamputierte selbst herzustellen und die Betroffenen bei den ersten Gehversuchen zu unterstützen. Da dazu viel Platz benötigt wird, möchte die Stiftung das Nachbarhaus erwerben, das derzeit günstig zum Kauf angeboten wird und hofft erneut auf die Unterstützung der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Dass die Hauptabteilung Weltkirche auch immer bereit war, bei den Schulbauten in Santiago zu helfen, ist sicher der Grund, dass Silvia Carreras, die Leiterin von SAED, gestern mit uns eine Stunde mit dem Auto nach Fernandez fuhr, um uns eine fast 100 Jahre alte Grundschule zu zeigen, die erst vor einigen Jahren von SAED übernommen wurde. Mittlerweile ist die Schule geschlossen worden, weil das Betreten des Gebäudes für die Schüler zu gefährlich war. Die Dächer sind marode, die Wände sind feucht und das ganze Gebäude kaum noch zu retten. Unsere „alte“ Freundin Silvia erklärt uns deshalb den Plan, an eine bestehende Sekundarschule weitere Räume anzubauen und die Grundschule dorthin zu verlegen. Natürlich hofft sie dabei auf die Unterstützung der Hauptabteilung Weltkirche, denn dies ist ohne Zweifel die dritte Säule, ohne die unsere Partnerschaft nicht so lebendig wäre bis auf den heutigen Tag.

Darüber denke ich nach im Bus, der uns von Santiago nach Resistencia bringt. Dafür habe ich genug Zeit, denn die Fahrt dauert 9 Stunden. In Resistencia werden wir den 86-jährigen Pfarrer Gerhard Vogt treffen. Er war einer der beiden Priester, die 1967 als erste nach Argentinien fuhren (damals natürlich noch mit dem Schiff) und ist so verwurzelt in der argentinischen Erde, dass er dort bleiben wird. Ich bin gespannt, was er mir über die abenteuerliche Anfangszeit unserer Partnerschaft erzählen wird.

Von Msgr. Dr. Heinz Detlef Stäps

© weltkirche.katholisch.de

Zum Autor

Domkapitular Heinz Detlef Stäps leitet die Hauptabteilung Weltkirche im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Vom 10. bis 23. Mai 2016 reist er durch Argentinien und besucht dort Projektpartner seiner Diözese. Alle Berichte im Überblick finden Sie in unserem Reisetagebuch.

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