Er ist selbst ein Armer geworden

  • Reisetagebuch - 17.05.2016

Wenn man sein Haus betritt, meint man, die Hütte eines Handwerkers vor sich zu haben, nicht das Haus eines wohlbestallten Pfarrers aus Deutschland. Überall sieht man Werkzeug und Maschinen. Um einen Stuhl für den Gast zu finden, muss Pfarrer Gerhard Vogt erst einige Kabel zur Seite räumen. Einen Esstisch gibt es nicht, schon gar keine Couch oder irgendetwas anderes, das Gemütlichkeit oder auch nur ein Minimum an Luxus ausstrahlen könnte.

Vor 49 Jahren hat Gerhard Vogt sich entschieden, dem Wunsch seines damaligen Bischofs Carl Joseph Leiprecht zu entsprechen und nach Argentinien zu fahren, um das Leben der Armen in der Diözese Santiago del Estero zu teilen. Und das tut er bis heute, seit 1975 allerdings in der Erzdiözese Resistencia. Deshalb wohnt er auch nicht in der Stadt, sondern eine halbe Autostunde außerhalb mitten unter der armen Bevölkerung auf dem Land.

Er bewohnt ein Haus in einem ehemaligen Kinderdorf. Dieses Dorf hat er selbst vor vielen Jahren gebaut und es dient heute als Zuflucht für Frauen, die aus Gewaltsituationen fliehen mussten. Pfarrer Vogt versucht sein Leben ganz radikal nach den Maßstäben des Evangeliums auszurichten. Er spricht bedächtig und prüft, ob jeder seiner Sätze vor seinem Gewissen Bestand hat. Am Ende des Monats bleibt dem 86-Jährigen trotz seines einfachsten Lebensstils nichts von seiner Rente aus Deutschland, weil er alles, was er hat, verschenkt.

„So einen Priester wie ihn haben wir in unserer Diözese sonst nicht“, sagt sein Nachfolger als Pfarrer der großen Landgemeinde, Padre Juan José Crippa. „Für alle Priester unserer Diözese ist er ein großes Vorbild.“ Pfarrer Vogt arbeitet nun als Ruheständler in der Gemeinde und hält täglich Gottesdienste, am Wochenende auch mal fünf. Hinzu kommen die Taufen und Hochzeiten. Besonders wichtig aber sind ihm die Krankenbesuche.

Zu Besuch im Zentrum „Refugio San José“

Dazu kommt Padre Crippa kaum, weil er neben seiner Tätigkeit als Pfarrer auch noch das Refugio San José leitet. Dies ist ein Rehabilitationszentrum für drogenabhängige Jugendliche, die es in Argentinien wegen der Perspektivlosigkeit aufgrund der wirtschaftlichen Situation in sehr hoher Zahl gibt. Als wir uns im Haus von Gerhard Vogt treffen, lädt uns Padre Crippa  spontan ins Zentrum zum Mittagessen ein. Ungefähr 15 Jungs sitzen schon an mehreren Tischen verstreut, als wir den Speisesaal betreten. Es gibt eine Gemüsesuppe mit Reis, Maniok und Süßkartoffeln, dazu Brot – wahrlich kein üppiges Mahl, aber nahrhaft und tatsächlich sehr schmackhaft.

Während des Essens kommen wir mit den Jugendlichen ins Gespräch, erfahren ein wenig von ihrer Geschichte, von ihren Hoffnungen. Nach dem Essen führt Padre Crippa uns über das Gelände. Ich staune, als ich einen wahrhaften Zoo sehe, mit Hühnern, Hasen, Pfauen, Schweinen, Kühen, Ziegen, Schafen und einem Pferd. Die meisten Tiere werden für den Verkauf aufgezogen. Einige werden sogar selbst geschlachtet. Das zweite Standbein des Zentrums ist das Gemüse, das jeden Tag vom Großmarkt geholt wird. Das dort nicht verkaufte Gemüse wird hier zunächst sortiert. Wenig davon kann noch weiterverkauft werden. Der Rest, der noch essbar ist, dient der eigenen Versorgung. Mit dem, was dann noch übrig bleibt, werden die Tiere gefüttert.

Es gibt auf dem Gelände auch eine Kapelle. Ich staune, als ich höre, dass die Jugendlichen hier jeden Tag in Schichten zwei Stunden Eucharistische Anbetung halten. Es entspricht dem Konzept der meisten kirchlichen Drogentherapie-Projekte, spirituellen Halt mit körperlicher Arbeit zu verbinden. Und die gibt es hier wirklich zu Hauf. Ich überlege mit Pfarrer Crippa, ob dies nicht ein idealer Einsatzort für unsere Freiwilligen sein könnte. Eine gute Zukunftsperspektive.

Pfarrer Vogt ist Gründungsvater unzähliger Projekte

Die Einrichtung wird von der Stiftung „Weg, Wahrheit und Leben“ getragen, die Pfarrer Vogt gegründet hat. Die meisten Projekte, die er im Laufe seines langen Lebens aufgebaut hat, hat er mittlerweile in Stiftungen überführt und auf diese Weise zukunftsfähig gemacht. Mir gelingt es nicht, einen Überblick zu gewinnen über all das, was er angestoßen hat. Auch er kann die Zahl der Projekte nicht mehr nennen. Alleine 12 Kirchen sind es gewesen. Alle von ihm gebaut – und bezahlt!

Zum Abschluss unseres Besuchsprogramms gehen wir gemeinsam zu Erzbischof Ramón Alfredo Dus. Ich sage dem Erzbischof, wie stolz unsere Diözese auf diesen Priester ist, der mit seiner einfachen Lebensweise ein großes Glaubenszeugnis gibt und ein Missionar im besten Sinne des Wortes ist, nämlich mehr mit seinem Lebensstil als mit Worten. Erzbischof Dus stimmt dem von ganzem Herzen zu und dankt Pfarrer Vogt für sein langes und aufopferndes Wirken in seiner Erzdiözese. Zu Zeiten der Militärdiktatur habe er im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben für seine Gemeindemitglieder aufs Spiel gesetzt.

Als wir das vornehme Bischofshaus verlassen, schlage ich vor, dass wir noch ein wenig über den nahegelegenen zentralen Platz von Resistencia spazieren. Gerhard Vogt wundert sich ein wenig und fast beiläufig sagt er, dass er immer nur mit dem Auto um ihn herumgefahren sei, ihn aber nie betreten habe. In 41 Jahren nicht! Nein, die Stadt ist wirklich nicht seine Welt.

Von Msgr. Dr. Heinz Detlef Stäps

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Domkapitular Heinz Detlef Stäps leitet die Hauptabteilung Weltkirche im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Vom 10. bis 23. Mai 2016 reist er durch Argentinien und besucht dort Projektpartner seiner Diözese. Alle Berichte im Überblick finden Sie in unserem Reisetagebuch.

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