Ein Tuttlinger bei den Mapuche-Indianern

  • Reisetagebuch - 19.05.2016

Von der Provinzhauptstadt Neuquen fahren wir über vier Stunden auf einer kerzengeraden Straße Richtung Südwesten. Nur selten passieren wir bewohnte Gebiete, unser ständiger Begleiter ist eine atemberaubende wüstenähnliche Landschaft mit vereinzelten niedrigen Sträuchern und Grasbüscheln. Eindrucksvolle Hügelformationen begrenzen den Horizont.

Trotz des andauernden Herbstregens ist die Vegetation karg. Das Außen-Thermometer im Auto zeigt 2-3 Grad an. Ab und zu begegnen uns Streufahrzeuge, die hier aber eine Flüssigkeit auf die Fahrbahn sprühen, damit sie nicht gefriert. An einem einsamen Gehöft wartet Martin Göttle auf uns. Wir steigen in seinen Geländewagen um. Wir werden bald erfahren warum.

Martin Göttle wurde 1962 in Tuttlingen geboren. Er begann mit dem Theologiestudium in Eichstätt, verbrachte sein Freijahr aber in Buenos Aires und fing Feuer. Bei einem Besuch in der Diözese Neuquen traf er deren ersten Bischof Don Jaime de Navares, der hier bis heute wie ein Heiliger verehrt wird. Nach Abschluss seines Studiums in Eichstätt schrieb er ihm einen Brief und fragte ihn, ob er in seiner Diözese arbeiten dürfte. Nach drei Jahren pastoraler Arbeit unter den Armen weihte Don Jaime ihn in Neuquen zum Priester und machte ihn zum Pfarrer der Pfarrei Nuestra Señora de Las Coloradas, mitten im Gebiet der Mapuche-Indigenas.

Mit Leib und Seele Argentinier

Im Auto wird schnell klar, dass Martin Göttle mit Leib und Seele Argentinier ist. Er spricht Spanisch mit mir. Deutsch kommt ihm nur schwer über die Lippen. Erst als er ins Schwäbische fällt, fühlt er sich offensichtlich zu Hause. Wir biegen von der Hauptstraße ab auf eine Sandpiste, die vom Regen aufgeweicht ist und große Pfützen vor uns ausbreitet. Immer wieder gerät das Auto ins Schlingern. 50 Kilometer geht es tiefer in die Steppe zu dem kleinen Dorf El Sauce, das von den Mapuche bewohnt wird. Hier gibt es eine kleine Kapelle. In einer Pfarrei mit 150 Kilometern Durchmesser und 15 Kapellen kommt Pfarrer Göttle allerdings nur einmal im Monat nach El Sauce, um mit den Gläubigen Eucharistie zu feiern. Und so wird Pfingsten eben an diesem Donnerstagnachmittag nachgefeiert.

Auf dem Weg dahin besucht er immer Señora Maria Magdalena. Die 82-jährige Frau wohnt vollkommen alleine in einer kleinen Hütte, weit entfernt von anderen Häusern. Nur mehrere Hunde und Katzen leisten ihr Gesellschaft. Hier draußen gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser, aber die Regierung hat ihr einen Sonnenkollektor für das Licht spendiert und ihr einen Haufen Holz vor die Tür gekippt (in dieser baumlosen Steppe gibt es kein Feuerholz) – Wahlgeschenke, mit denen die Armen zur Wiederwahl ermuntert werden. Ansonsten kümmert sich aber niemand um sie.

Ihr Mann ist vor 20 Jahren gestorben und ihre Tochter lebt 500 Kilometer entfernt und hat sich seit ihrer Hochzeit nicht mehr blicken lassen. Padre Martín, wie Martin Göttle hier genannt wird, bringt ihr Obst und Gemüse. Dann zieht er sich einen blauen Overall an, holt eine Motorsäge aus dem Auto und zersägt das Holz unter Mithilfe von Steffen Rommel, einem jungen Freiwilligen aus Remshalden, der in Neuquen in einer Schule arbeitet und uns auf der Fahrt nach Las Coloradas begleitet. Wir alle helfen, das Holz ins Trockene zu bringen.

In El Sauce angekommen gibt es zunächst ein Mittagessen im Haus von Señora Maria Luz,  welche die Schlüssel der Kirche verwaltet. Ihre 98-jährige Mutter sitzt im Gartenstuhl am Feuer und wärmt sich. 12 Kinder hat Maria Luz und 12 Enkelkinder bisher. Viele wohnen nicht mehr im Ort. Die Mapuche sind Viehzüchter. Sie betreiben Weidewechsel und sind nur im Winter im Pfarrgebiet von Pfarrer Göttle. Im Sommer ist seine Gemeinde kleiner, weil viele Mapuche dann mit ihren Herden viele Tage lang bis zu den saftigen Sommerweiden in den Anden ziehen.

Nach dem Mittagessen (es gibt Spaghetti mit Hühnchen) gehen wir in die Kapelle und Padre Martín hält zunächst eine Katechese für die Kinder über das Leben von Bischof  Jaime, da gerade heute sein Todestag ist. Dann gibt es für sie ein Spiel mit Fragen zu seinem Leben, während die Erwachsenen sich über ihre Begegnungen mit dem ersten Bischof von Neuquen austauschen. Bei der anschließenden Messe spielt Nanno Gitarre, ein blinder Mapuche, der als erster von Don Jaime nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, an dem der Bischof teilnahm, zum ständigen Diakon geweiht wurde.

Mapuche-Indigenas kämpfen für ihr Recht auf Land

Auf der langen Rückfahrt zur Hauptstraße und dann weiter nach Las Coloradas erzählt mir Martin Göttle von seinem Kampf gegen den Bau einer Kupfer- und Goldmine, die genau im Gebiet der Mapuche von einer mexikanischen Firma mit einem deutschen Geschäftsführer für Argentinien gebaut werden soll. Das Auslösen der Metalle aus den Erzen mit giftigen Chemikalien würde die Flüsse vergiften und die Viehzucht der Mapuche unmöglich machen. Deshalb ist  die Pfarrei gegen den Vertrag zwischen Regierung und dieser Firma juristisch vorgegangen und hat bisher erreicht, dass die Pläne vom Gericht einstweilen gestoppt wurden. Da die Mapuche die Ureinwohner sind, haben sie ein Recht auf Anhörung und die Regierung kann die Pläne nicht gegen ihren Willen durchsetzen. Der jetzige Bischof Virginio Bressanelli hat sie in diesem Kampf unterstützt und bisher auch Misereor. Doch noch ist der Kampf nicht gewonnen.

Es ist schon dunkel, als wir in Las Coloradas ankommen. Martin Göttle zeigt mir die Kirche und das Pfarrhaus. Beides musste nach einem Brand 1996 komplett neu aufgebaut werden. Es dauerte drei Jahre. In dieser Zeit hat Pfarrer Göttle auch das Maurern gelernt. Und so hat er im letzten Jahr seine ganze Freizeit genutzt, um eine Erweiterung des Pfarrsaals, der für die Katechese nötig war, selbst zu bauen, da er keinen Maurer fand, der den Auftrag übernehmen wollte. Der Pfarrer als Baumeister für eine Kirche, die aus lebendigen Steinen besteht.

Von Msgr. Dr. Heinz Detlef Stäps

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Domkapitular Heinz Detlef Stäps leitet die Hauptabteilung Weltkirche im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Vom 10. bis 23. Mai 2016 reist er durch Argentinien und besucht dort Projektpartner seiner Diözese. Alle Berichte im Überblick finden Sie in unserem Reisetagebuch.

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