Das Telefon der Armen

  • Reisetagebuch - 13.05.2016

Ich habe kein Gehalt bekommen, wartet nicht auf mich“ oder „José hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus“ – so lauten die typischen Botschaften, die „Radio Solidaridad“ auf AM 610 ausstrahlt. Zwar haben auch in der ärmsten Diözese Argentiniens die meisten Bewohner ein Handy, das nützt aber nicht viel, weil es Mobilfunknetze nur in der Stadt und in den größeren Dörfern gibt. Dazwischen aber, wo auch viele Menschen wohnen, herrscht Funkstille.

Hier ist das „Radio Solidaridad“ die einzige Möglichkeit der Kommunikation. Es gibt eigene Zeitfenster für solche privaten Botschaften, die den Menschen ganz praktisch helfen. Jorge Gottau, der erste Bischof von Anatuya, hat dies schon bei der Gründung von „Radio Solidaridad“ als ein Ziel dessen Arbeit gesehen und es deshalb „das Telefon der Armen“ genannt.

Ansonsten besteht das Programm, wie uns die Direktorin des Radios, Schwester Maria Sara Kloster (der Name verrät, dass ihre Familie aus Deutschland stammt), erklärt, neben viel Volksmusik auch aus Katechesen zum Tagesheiligen oder zum Tagesevangelium. Es gibt Erklärungen von kirchlichen Texten, wie jetzt aktuell zum Schreiben von Papst Franziskus nach der Familiensynode „Amoris laetitia“. Auch hier gibt es viele wiederverheiratete Geschiedene, die sich fragen, was der Papst ihnen sagen will.

Besonders die Landbevölkerung von Anatuya ist auf „Radio Solidaridad“ angewiesen

Zudem wird im Radio täglich der Rosenkranz gebetet und am Sonntag wird eine heilige Messe übertragen. Nicht selten gibt es die Gelegenheit, den Bischof selbst im Radio zu hören. Über Internet sind viele Auswanderer aus Anatuya in der Lage, das Programm von „Radio Solidaridad“ zu verfolgen und auch sie schicken ihre Botschaften an ihre Familien – sogar aus dem Ausland.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat das Radio schon seit 1996 mehrfach unterstützt. Schon bei meinem letzten Besuch vor fünf Jahren konnte ich mich davon überzeugen, wie wichtig diese  Arbeit gerade in der 68.000 Quadratkilometer großen Diözese ist. Dort besteht die Landbevölkerung immer noch aus vielen Analphabeten, darunter viele Migranten, die auf diese Kommunikationsmöglichkeit dringend angewiesen sind.  Und auch jetzt fragt Bischof Melitón Chávez, der erst im vergangenen Dezember zum neuen Bischof von Anatuya geweiht wurde, ob es möglich wäre, dass Rottenburg elektronische Geräte finanziert, die verhindern, dass der Spannungsabfall bei den häufigen Stromausfällen die empfindliche Anlage beschädigt.  „Wir vergessen die Bedürfnisse unserer Geschwister in Argentinien nicht“, würde ich am liebsten meine ganz private Botschaft über den Äther senden.

Von Msgr. Dr. Heinz Detlef Stäps

© weltkirche.katholisch.de

Domkapitular Heinz Detlef Stäps leitet die Hauptabteilung Weltkirche im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Vom 10. bis 23. Mai 2016 reist er durch Argentinien und besucht dort Projektpartner seiner Diözese. Alle Berichte im Überblick finden Sie in unserem Reisetagebuch.

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