Papst lobt Indigene für Schutz der Natur

    Adveniat

  • Mexiko - 15.02.2016

Papst Franziskus hat bei seinem Besuch in der mexikanischen Stadt San Christobal de las Casas im Bundesstaat Chiapas die Indigenen Völker für ihren Umgang mit der Natur gelobt. Angesichts einer größten Umweltkrise der Geschichte, die die Welt zurzeit erlebe, könne die Menschheit viel vom Umweltbewusstsein der indigenen Völker lernen.

„Eure Völker verstehen, in einer harmonischen Beziehung zur Natur zu leben; sie respektieren sie als ‚Nahrungsquelle, gemeinsames Haus und Altar, auf dem die Menschen miteinander teilen‘ (Aparecida 472).“ Unter Verweis auf seine Umweltenzyklika Laudato si‘ hob der Papst bei seiner Predigt in der Messe vor rund 100.000 indigenen Mexikanern die Vergehen des Menschen an der Schöpfung hervor: „Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat“ (Laudato si’, 2).

Franziskus gestand ein, dass die indigenen Völker oft systematisch und strukturell verkannt und aus der Gesellschaft ausgeschlossen würden. Einige hielten die Werte, Kultur und Traditionen für minderwertig und aus ihrer Gier nach Macht, Geld und den Gesetzen des Marktes heraus beraubten sie die Indigenen ihres Bodens oder verseuchten ihn durch ihr Handeln. „Wie traurig! Wie gut täte es uns allen, Gewissenserforschung zu halten und zu lernen, um Verzeihung zu bitten! Die durch die Wegwerfkultur entblößte Welt von heute braucht euch!”

Die Messe war geprägt von indigenen Elementen, beginnend bei einem prächtigen, farbenfrohen Altar mit Blumenschmuck und Tierskulpturen, indigener Musik, einem Gebetstanz und Lesungen und Gesängen in den indigenen Sprachen Chol, Tzeltal und Tzotzil. Franziskus machte damit ein Dekret geltend, wonach auch indigene Sprachen als Liturgiesprachen anerkannt sind. Als weiteres Zeichen der Annäherung zitierte Franziskus überdies in seiner Predigt aus dem heiligen Buch der Maya-Kultur, dem Popol Vuh. Am Ende der Messe schenkten indigene Vertreter Papst Franziskus wiederum eine Bibel in der Sprache der Tzotzil-Maya.

Bei der Papstmesse in San Cristobal de las Casas gab es eine bunt geschmückte Kulisse mit indigenen Symbolen.

Osservatore Romano/KNA

Nach der Entschuldigung für die Vergehen an den indigenen Völkern Mexikos sprach Franziskus die jungen Menschen an, die in seinen Augen heute einer Kultur ausgesetzt seien, die all die kulturellen Reichtümer und Merkmale zu unterdrücken suche zugunsten einer homogenen Welt. Diese Jugendlichen hätten es nötig, dass die Weisheit der alten Menschen indigener Kultur nicht verloren gehe. „Die Welt von heute, die dem Pragmatismus verhaftet ist, muss den Wert der Unentgeltlichkeit neu lernen!”

Unter Verweis auf den Psalm mit den Worten „die Weisung des Herrn ist vollkommen, sie erquickt den Menschen“ verwies Franziskus auf das Gesetz, das das Volk Israel aus der Hand des Mose empfangen hatte. Es sei ein Gesetz gewesen, das dem Volk Gottes helfen sollte, in der Freiheit zu leben. Das Gesetz eines Volkes, das die Sklaverei und die Zwangsherrschaft des Pharaos erlebt hatte, das Leiden und Misshandlung erlitten hatte, bis Gott gesagt habe: „Genug!“. Gott leide der angesichts des Schmerzes, der Misshandlung und der Ungerechtigkeit im Leben seiner Kinder; und sein Wort, sein Gesetz werde zum Symbol der Freiheit, zu einem Symbol für Freude, Weisheit und Licht.“ Franziskus stellte hier eine Verbindung her zum „Popol Vuh“, wo es heiße: „Die Morgendämmerung brach herein über allen Stämmen gemeinsam. Das Angesicht der Erde wurde sofort geheilt durch die Sonne“ (33).

Und der Papst fügte hinzu: In dieser Aussage liegt ein Sehnen danach, in Freiheit zu leben, liegt eine Sehnsucht nach dem Land der Verheißung, wo Unterdrückung, Misshandlung und Erniedrigung nicht die gültige Währung sind. Diese Sehnsucht werde durch Gott Vater und seinen Jesus Christus gestillt. In ihm nehme das Gesetz Fleisch an, bekomme ein Gesicht, „damit die Finsternis nicht das letzte Wort behält und die Morgendämmerung nicht aufhört, über dem Leben seiner Kinder aufzugehen.“

Zu der Messe hatten sich hunterttausende indigene Mexikaner eingefunden und hielten einen Gebetstanz ab.

Osservatore Romano/KNA

„Auf vielerlei Art und Weise wollte man dieses Sehnen zum Schweigen bringen und verstummen lassen, auf vielerlei Art hat man versucht, unsere Seele zu betäuben, auf vielerlei Weise hat man danach getrachtet, das Leben unserer Kinder und Jugendlichen schläfrig zu machen und einzulullen mit dem Hinweis, dass sich nichts ändern kann oder dass es unmögliche Träume sind.“

Mit der Messe feierten die Anwesenden die Gewissheit, dass der Schöpfer sie nicht verlasse. Jesus Christus sterbe weiter und auferstehe in jeder Geste, die die Menschen für den Geringsten ihrer Brüder vollbrächten. „Fassen wir Mut, weiter Zeugen seiner Passion und seiner Auferstehung zu sein, indem wir die Weisung des Herrn verkörpern, denn Li smantal Kajvaltike toj lek – die Weisung des Herrn ist vollkommen, sie erquickt den Menschen.“ Im Anschluss an die Messe aß Franziskus gemeinsam mit dem Bischof von San Christobal de las Casas, Felipe Arizmendi Esquivel, der auch die Messe konzelebrierte, und acht Indigenen im Bischofssitz der Stadt gemeinsam zu Mittag. Danach besuchte er die Kathedrale von San Cristobal de las Casas. Er hielt auch bei dem Grab von Bischof Samuel Ruiz inne. Er hatte 40 Jahre lang bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 die Geschicke des Bistums mit viel Einsatz für die Anliegen der Indigenen geleitet, was ihm bei den Gläubigen mehr Anerkennung eintrug als in den kirchlichen Hierarchien in Mexiko und Rom. Papst Franziskus erlaubte 2014 wieder die von Bischof Ruiz favorisierte Weihe indigener verheirateter Diakone, die der Vatikan im Jahr 2000 ausgesetzt hatte.

Von Claudia Zeisel

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