Seliger gegen Widerstände

  • © Bild: KNA
  • Vatikanstadt - 10.02.2015

Papst Franziskus nennt ihn einen „Mann Gottes“, andere einen „unbequemen Märtyrer“. Für viele in Lateinamerika ist er ein „Held der Befreiungstheologie “. Wenn man am Flughafen des zentralamerikanischen Staates El Salvador namens Monsenor Oscar Arnulfo Romero ankommt, so wird einem bewusst: Für dieses Land war und ist er eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Geschichte.

Der Einsatz für eine Seligsprechung des vor 35 Jahren ermordeten Erzbischofs von San Salvador war lang und hat sich schließlich gelohnt. Papst Franziskus hat vergangene Woche dafür gesorgt, dass das Verfahren die letzte größere Hürde nahm. Die „Langsamkeit des Prozesses“ wurde vom Präsidenten des Päpstlichen Familienrates, Bischof Vincenzo Paglia, mit der Gefahr einer Instrumentalisierung der Person Romero begründet – Paglia war auch der offizielle Postulator im Seligsprechungs-Verfahren für Romero. Schwierig war es auch, die Ermordung des Erzbischofs wirklich als Märtyrertod einzustufen und nicht als eine lediglich politisch begründete Tat. Doch nun sind alle Ampeln auf grün gesprungen und seiner Seligsprechung steht nichts mehr im Wege. Wer war der Märtyrer Romero, und was machte seine Lebensgeschichte so besonders, dass sie unter anderem zum Stoff für Bücher und Filme wurde?

24. März 1980: Ein Mann in Priesterkleidung, er trägt eine dunkle Brille mit dicken Gläsern, steht am Altar in der Krankenhauskapelle „La Divina Providencia“. Es ist Oscar Romero, der Erzbischof von San Salvador. Plötzlich bleibt ein roter VW vor der Kapelle stehen, ein Mann schießt durch die offene Tür, Romero wird tödlich getroffen, er bricht am Altar zusammen.

"Er war der Beste"

Am 24. März 1980 wurde der Erzbischof von San Salvador, Oscar Arnulfo Romero, von bezahlten Scharfschützen ermordet. Am 23. Mai 2015 wird er selig gesprochen - für die Menschen in El Salvador und ganz Lateinamerika ist er schon lange ein Heiliger.

Adveniat/Daniela Bahmann

62 Jahre zuvor: Am 15. März 1917 wird Romero als Sohn eines Telegrafenarbeiters in einer kleinen Gebirgsstadt in bescheidenen Umständen geboren. Mit 13 Jahren kommt er ins Internat, mit 20 studiert er Theologie am Priesterseminar der Jesuiten. Das Studium schließt er in Rom ab, doch noch bevor er sein Doktorat beenden kann, kehrt er zurück in seine Heimat, um dort als Priester zu wirken. Nebenher arbeitet er als Journalist für Kirchenzeitungen. Romero gilt als konservativ und verschlossen – das lässt ihn offenbar für höhere Posten in Frage kommen. Er gilt als Wunschkandidat des damals herrschenden Generals Molina und des Vatikans für das Amt des Erzbischofs von San Salvador: Man sieht in ihm den Garanten eines guten Einvernehmens von Klerus und Politik.

Vergiftetes Klima

Das gesellschaftliche Klima im El Salvador der späten 1970er Jahre ist drückend. Die Stichworte lauten „politische Unterdrückung“ und „Gewaltaktionen“ gegen ArbeiterInnen, Bauern und Bäuerinnen sowie gegen unbequeme katholische Geistliche. Folter und Mord durch Todesschwadronen sind an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen tritt Romero sein Amt in der Kathedrale der Hauptstadt an.

Es sind schwierige Jahre für Romero: Sein Freund, der Jesuitenpater Rutilio Grande, wird ermordet; nach einer getürkten Präsidentenwahl kommt es zu einem Massaker an Demonstranten. Viele Biographen des Erzbischofs deuten diese Ereignisse als Auslöser für ein Umdenken bei ihm. Jetzt wird Romero auf einmal die soziale Not um ihn herum deutlich, die Ungerechtigkeit, die Unterdrückung. Die Kirche definiert er von nun an als „Anwältin der Armen“. Er ergreift Partei: Seine Predigten werden über das Radio verbreitet. Sein Engagement für die Armen und Unterdrückten trägt ihm Todesdrohungen ein. Seine Gegner werfen ihm vor, sich nicht genug vom Marxismus und der aufkommenden linken Guerilla abzugrenzen.

Grab Oscar Romeros in der Krypta der Kathedrale von San Salvador. Steffen/Adveniat

Die letzte Predigt

Am 23. März 1980 hält Erzbischof Romero in der Kathedrale von San Salvador seine letzte Predigt. Darin thematisiert er eingehend Gräueltaten des Militärs an Zivilisten und appelliert eindringlich an Angehörige der Streitkräfte, nicht länger unmoralischen Befehlen Folge zu leisten.

„Die Kirche, Verteidigerin der göttlichen Rechte und von Gottes Gerechtigkeit, der Würde des Menschen und der Person, kann angesichts dieser großen Gräuel nicht schweigen. Wir fordern die Regierung auf, die Nutzlosigkeit von Reformen anzuerkennen, die aus dem Blut des Volkes entstehen! Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen jeden Tag lauter zum Himmel steigen, ersuche ich euch, bitte ich euch, befehle ich euch im Namen Gottes: Hört auf mit der Repression!“ Nur einen Tag später fallen die tödlichen Schüsse, Romero ist tot.

Zu seinem Begräbnis kommen 200.000 Menschen. Scharfschützen zielen auf die Menge, vierzig Menschen sterben. Der Mord an Oscar Romero bildete den Auftakt zu einem Bürgerkrieg in El Salvador, der rund 75.000 Todesopfer forderte und der erst 1992 durch Friedensvereinbarungen beendet wurde. Heute ist Romeros Grab, das sich in der Kathedrale von San Salvador befindet, eine Art Wallfahrtsort für Besucher aus der ganzen Welt. Auch der heilige Johannes Paul II. kniete hier, drei Jahre nach dem Mord an Romero, in stillem Gebet.

© Radio Vatikan

Auf den Spuren von Oscar Romero

Auf der Webseite des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat finden Sie ein umfangreiches Dossier zum Leben und Wirken des ermordeten salvadorianischen Erzbischofs:

www.adveniat.de

Chronologie

Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) zeigt in einer Chronologie die Verflechtung von Romeros Leben mit dem Bürgerkrieg in El Salvador (1980–1991) sowie die Auseinandersetzung in den folgenden Jahrzehnten auf:

1972: Carlos Humberto Romero Mena wird Verteidigungsminister in El Salvador. Er verschärft die Unterdrückung von Studenten und Oppositionellen und setzt sie nach seiner Wahl zum Präsidenten (1977) fort.

1977: Oscar Arnulfo Romero wird Erzbischof von San Salvador. Er gilt als konservativ und unpolitisch. Im selben Jahr wird der Befreiungstheologe und Jesuit Rutilio Grande von Militärs ermordet. Der Erzbischof fordert die Aufklärung der Bluttat und geht auf Distanz zur Regierung.

1979: Nach dem Sturz des Diktators Somoza im Nachbarland Nicaragua durch eine linke Volksfront putschen in El Salvador Militärs und Politiker gegen Präsident Romero und bilden eine „revolutionäre Regierungsjunta“, um einer kommunistischen Revolution zuvorzukommen. Die Junta laviert zwischen fortschrittlichen Projekten (Landreform) und einer Politik der harten Hand gegen die Opposition. Rechts überholt wird sie vom früheren Regierungsmitglied Major Roberto D''Aubuisson Arrieta, der mithilfe von Militärs und Todesschwadronen Persönlichkeiten der Linken ermorden lässt.

1980: Am 24. März wird Erzbischof Romero während der Heiligen Messe von einem Scharfschützen ermordet. Zeugen beschuldigen später d''Aubuisson, er sei der Auftraggeber gewesen. Der Ex-Major bleibt bis zu seinem Lebensende straflos. Nach der Ermordung des Erzbischofs verdichtet sich die politische Gewalt in El Salvador zu einem Bürgerkrieg zwischen der nach rechts gerückten Regierung und der linken Guerilla-Einheitsfont „FMLN“. Der Bürgerkrieg dauert elf Jahre; rund 70.000 Menschen werden Opfer politisch motivierter Gewalt.

1989: Sechs Jesuitenpatres und zwei Angestellte der katholischen Universität von San Salvador werden von einer militärisch ausgerüsteten Truppe erschossen. Das Ereignis löst international Empörung aus und verstärkt den Druck aus den USA auf die Regierung, mit der FMLN-Guerilla zu einem Friedensabkommen zu gelangen. Weltweit endet durch den Zerfall des kommunistischen Blocks der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den USA.

1990: Im Erzbistum San Salvador wird von Weihbischof Gregorio Rosa Chavez das Seligsprechungsverfahren für Erzbischof Romero eröffnet.

1992: Guerilla und Regierung in El Salvador schließen ein Friedensabkommen; die FMLN wird politische Partei.

1997: Der Seligsprechungsprozess für Romero wird in Rom eingereicht. Die Prüfung seiner Lehren und der politischen Umstände seines Todes zieht sich in die Länge. Gegner einer Seligsprechung geben zu bedenken, die Ermordung sei politisch motiviert gewesen; daher fehle das Kriterium für einen Märtyrertod.

2007: Papst Benedikt XVI. erklärt, er habe „keine Zweifel“, dass Romero die Seligsprechung verdiene.

2014: Papst Franziskus sagt, es gebe „keine Hindernisse mehr“ auf dem Weg zur Seligsprechung.

2015: Der Papst teilt das Urteil der vatikanischen Heiligsprechungskongregation, dass Romeros Tod die formalen und sachlichen Voraussetzungen für ein Martyrium erfülle.

Quelle: KNA

Weitere Inhalte

Theologie der Befreiung

Befreiungstheologie heißt eine Denkströmung aus Lateinamerika. Im Mittelpunkt steht die sogenannte Option für die Armen. Zu den bekanntesten Vertretern zählen die Brüder Leonardo und Clodovis Boff aus Brasilien, der nicaraguanische Ex-Kulturminister Ernesto Cardenal, der 1980 ermordete salvadorianische Erzbischof Oscar Romero, der verstorbene brasilianische Bischof Dom Helder Camara und der Peruaner Gustavo Gutierrez (86). Dessen Buch „Teologia de la liberacion“ (1972) gab der Bewegung ihren Namen.

Die Befreiungstheologie reagierte auf die politische und soziale Situation Lateinamerikas in den 1960er und 70er Jahren. Angesichts der Massenarmut hatte 1968 der Lateinamerikanische Bischofsrat CELAM die „Option für die Armen“ zum Handlungsmaßstab erklärt. Es entstanden Tausende sozialpolitisch engagierte „Basisgemeinden“.

Der Vatikan ging hart gegen jene Anhänger der Befreiungstheologie vor, die von der kirchlichen Lehre abwichen. Er kritisierte vor allem, dass diese in ihrer Gesellschaftsanalyse auch marxistische Deutungsmuster gebrauchten. Zahlreiche Theologen und Priester wurden mit Lehr- und Schreibverboten belegt oder suspendiert.

Quelle: KNA

Dossier: Befreiungstheologie