Das Land, dem Oscar Romero diente

  • El Salvador

Es herrschte „Ruhe im Land“. Die politische Macht lag bei der Armee, die wirtschaftliche bei den „großen Familien“. Eine Hand wusch die andere. Einheiten der Guardia Nacional waren gleich neben den großen Plantagen stationiert. So konnten deren Besitzer unmittelbar darauf zurückgreifen und jede „Unbotmäßigkeit“ im Keime ersticken.

Die sogenannten „14 Familien“ (tatsächlich waren es durch den Erbgang inzwischen 49 Familien, die mehr als 1.000 Hektar Land besaßen) ließen ihre Kaffeeplantagen von Landarbeitern bestellen, die an die fincas gebunden waren, und von Tagelöhnern, die zur Erntezeit hinzukamen. Wenn diese aufbegehrten, ließen die „14 Familien“ ihre Privatarmeen (Guardias Cívicas) los und setzten die Armee in Marsch. Am 22. Januar 1932 ließ General Maximiliano Hernández Martínez, ein Bewunderer Rudolf Steiners, rund 30.000 protestierende Landarbeiter und deren Familien ermorden. Jener Tag, „La Matanza“ – übersetzt „das Abschlachten“ – genannt, hinterließ ein Trauma, das ein halbes Jahrhundert nachwirkte. „Indianische“ Kleidung zu tragen wurde verboten, da sie als „provokanter Akt kulturellen Widerstandes“ galt. Die Bruderschaften der Bauern wurden unterdrückt.

Es brodelt unter der Oberfläche

Dies war das El Salvador, in dem Óscar Arnulfo Romero y Galdámez, aufwuchs. In den 1960er Jahren allerdings begann es unter der Oberfläche zu gären. 1960 hatten junge, von der Christlichen Soziallehre geprägte Intellektuelle der städtischen Mittelschichten die Christdemokratische Partei gegründet. Der politische Katholizismus war in El Salvador stärker als in allen anderen Ländern Mittelamerikas. Genossenschaften und Vereinigungen für Bürgerrechte bildeten sich, von denen viele aus kirchlichen Gemeinden und den ersten Basisgemeinden hervorgingen. Die Reichen antworteten, indem sie halboffizielle Todesschwadronen aufstellten: die Organización Democrática Nacionalista (ORDEN), die Falange und die Unión Guerrera Blanca. Die zunehmende Repression wiederum führte dazu, dass einige oppositionelle Gruppen nicht mehr auf politische Bemühungen setzten, sondern auf Gewalt. Erste Guerilla-Verbände entstanden, die jedoch ideologisch zerstritten waren und übereinander herfielen. So wurde der Dichter Roque Dalton von seinen eigenen Genossen ermordet.

Den Opfern ein Gesicht geben

Der Mord an Oscar Romero steht also in einer langen Folge politischer Gewalt. Ihm selbst wäre es gar nicht Recht gewesen, hätte er geahnt, dass – angesichts der ihm geltenden Verehrung – das Opfer von Tausenden von Ungenannten fast in den Hintergrund gerät. Er selbst hielt es anders: In der hl. Messe sonntags im Dom von San Salvador verlas er ihre Namen. Er gab ihnen ein Gesicht: In der Audienz bei Johannes Paul II. zeigte er dem Papst ihre Fotos.

Sein Tod und die Schüsse auf die Trauernden am Tag seiner Beisetzung waren – als hätte sich Pandoras Büchse der Gewalt noch weiter geöffnet – der Auftakt für einen entsetzlich grausamen, zwölfjährigen Bürgerkrieg zwischen der Guerilla und der Armee. Für viele, allen voran für seinen Nachfolger als Erzbischof, Arturo Rivera y Damas, war sein Opfer ein Vermächtnis: nicht aufzugeben im fast aussichtslos erscheinenden Kampf für ein Ende des Krieges und für Versöhnung. Ihnen ist es zu verdanken, dass 1992 ein Waffenstillstand geschlossen wurde. Doch waren die sozialen Verwerfungen nicht überwunden, im Gegenteil: der Bürgerkrieg hatte sie eskalieren lassen. Der politischen folgte die kriminelle Gewalt. Bis zum Frieden scheint es ein noch langer Weg.

Von Michael Huhn, Adveniat

Mehr Informationen zu Oscar Romero finden Sie unter www.adveniat.de .

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