Heute Mission verstehen

Fünfmal „Nein“ und viermal „Ja“ – so möchte ich meine Gedanken zu einem neuen Missionsverständnis zur Diskussion stellen.

Nein

zur weitverbreiteten Meinung, Mission sei etwas, das sich in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika abspielt. Als europäische Missionare in ferne Heidenländer gingen, um das Evangelium zu verkünden, schien dies richtig zu sein. Heute darf Mission nicht mehr geographisch verstanden werden. Wir sind berufen, den Glauben an Jesus Christus und sein Heil zu allen Zeiten und überall zu verkünden und zu bezeugen (vgl. 1 Petr 3,15).

Nein

zur Behauptung, die Mission sei allein Aufgabe spezialisierter ‚Berufsmissionare‘, die von ‚Normalchristen’ materiell und ideell unterstützt werden. Ausnahmslos alle Frauen und Männer, die an Jesus Christus glauben, haben den Auftrag, dort, wo sie leben, die Frohe Botschaft zu bezeugen. Sie alle sind Missionare!

Nein

zur Behauptung, Mission sei weiß, mächtig und reich. Richtig schien dies zu sein, als die ‚Berufsmissionare‘ aus reichen Ländern stammten, die gleichzeitig die politischen Machtzentren der Welt waren. Auch die ‚Berufsmissionare‘ sind heute mehrheitlich nicht mehr weiß. Söhne und Töchter der jungen Kirchen Afrikas, Asiens, Ozeaniens und Lateinamerikas bezeugen das Evangelium in allen Kontinenten, auch mitten unter uns. Sie können dort, wo sie wirken, weder mit großzügig bestückten Konten aufwarten, noch sich auf eine ‚politische‘ Macht stützen. Weltkirchliche Solidarität unter den Ortskirchen steht uns Christen immer noch gut zu Gesicht. Es tut gut, dass die jungen Kirchen auch unserer Armut zu Hilfe kommen.

Nein

zur Behauptung, Mission sei Export eines europäisch geprägten Christentums und europäischer Zivilisation. Dies war jahrhundertelang richtig, weil die Missionare neben der Frohen Botschaft auch die geschichtlich gewordenen ‚europäischen‘ Formen, in denen der christliche Glaube Gestalt angenommen hatte, in ihrem Gepäck hatten. Oft verstanden sie sich auch als Exporteure einer sich überlegen wissenden europäischen Zivilisation. Heute wissen wir: Jede Kultur kann Schätze des Evangeliums aufdecken, die bisher wenig sichtbar gewesen sind, und kann die Gesamtkirche in ihren verschiedenen Lebensbereichen an Ausdrucksformen und Werten bereichern.

Nein

zur Behauptung, Mission sei gewalttätig. Dass die Ausbreitung der Frohen Botschaft oft auch mit Gewalt verknüpft war, gehört zu den Sünden der christlichen Kirchen. Nie wieder darf missionarisches Wirken von „Betrug, egoistischen Interessen oder der Anmaßung“ und dem mangelnden oder fehlenden „Respekt vor der Würde und der religiösen Freiheit der Gesprächspartner“ bestimmt sein. Nie darf bei der Verkündigung des Evangeliums der Anschein erweckt werden „als handle es sich um Zwang oder um unehrenhafte oder ungehörige Überredung, besonders wenn es weniger Gebildete oder Arme betrifft“ (Kongregation für die Glaubenslehre. Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung, 3. Dezember 2007, Nr. 8.12).

Ja

sage ich dazu, dass die Mission Gottes Fundament unserer Mission ist. Gott als Quell der Liebe will, dass alle Menschen Frieden und Gemeinschaft mit ihm haben und sie untereinander geschwisterlich verbunden sind (vgl. Ad Gentes Nr. 2f. und Evangelii gaudium Nr. 36).

Pater Bernd Werle ist Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Steyler Missionare in Sankt Augustin. Privat

Gottes eigener Weg hin zu den Menschen heißt Dialog: Er geht immer schon aus sich heraus, kommt den Menschen und der Welt entgegen und teilt sich uns, die er befähigt hat, zu hören und zu verstehen, mit. Dabei spricht „der unsichtbare Gott … zu den Menschen wie zu Freunden” (Dei verbum Nr. 2).

Der Höhepunkt des Dialogs Gottes mit Mensch und Welt ist die Menschwerdung seines Sohnes. In Jesus hat er das Leben der Menschen geteilt und in menschlicher Sprache vom nahe gekommenen Reich Gottes, dem Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens, gesprochen. In seinen Worten und Taten entdecken sie, dass Gottes entgegenkommende Liebe ausnahmslos und bedingungslos allen Menschen gilt und total offen ist für die Besonderheit eines jedes Menschen und eines jeden Volkes. Sie zerstört nicht Vielfalt, sondern lässt sie zu und fördert sie.

Ja

sage ich dazu, dass ausnahmslos alle Christen berufen sind, an der ‚Mission Gottes‘ mitzuarbeiten, indem sie Zeugnis ablegen von der universalen Liebe Gottes und sich in den Dienst der gottgewollten „Fülle des Lebens“ für alle stellen.

Ja

sage ich dazu, dass dieses christliche Zeugnis von der Haltung des prophetischen Dialogs geprägt sein muss (vgl. das Dokument „Das Christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt. Empfehlungen für einen Verhaltenskodex“, www.missionrespekt.de). Christen machen sich die freundschaftliche Bewegung Gottes hinein in die Welt und hin zu jedem Menschen zu eigen. Achtung und Wertschätzung, Interesse und Barmherzigkeit, Liebe und Solidarität prägen all ihr Reden und Tun. Sie machen Ernst damit, dass ihr persönlicher und kultureller Horizont immer begrenzt ist. Überzeugt, dass kein Mensch jemals die ganze Wahrheit besitzt, die Gott selbst ist und die sich in ihrer ganzen Fülle in Jesus Christus offenbart hat, forschen sie ebenso leidenschaftlich wie mutig im Dialog mit anderen nach dieser Wahrheit, um „die Zeichen der Gegenwart Christi und des Wirkens des Geistes“ in allen Völkern zu entdecken und sie miteinander zu teilen (vgl. Redemptoris missio Nr. 56). So nehmen sie die Größe unseres Gottes, der sich allen Völkern der Erde geschenkt und überall Spuren seiner Anwesenheit und Liebe hinterlassen hat, ernst. Doch nehmen Christen im Dialog keine neutrale Position ein. Sie führen ihn auf der Grundlage ihrer persönlichen Erfahrung mit der Liebe Gottes und dem im Hören auf Gottes Wort in ihnen gewachsenen Glauben. Missionarisches Zeugnis gelingt nur dann, wenn sie sich immer wieder der Liebe Gottes in ihrem eigenen Leben öffnen und ihr Leben fortwährend aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus nähren. Auf dieser Basis begegnen sie den Anderen im Dialog. Sie bereichern diese und lassen auch ihre eigene Lebens- und Glaubenserfahrung bereichern.

Ja

sage ich zu einem dreifachen Perspektivenwechsel: Missionarische Christen gehen davon aus, dass Gott schon lange, bevor sie Menschen begegnen, bei diesen Menschen ist. Darum ist Spurensuche angesagt! Sie gehen davon aus, dass ihre Mitmenschen nicht bloße Empfänger dessen sind, was sie ihnen großzügig geben. Vielmehr sind sie Partner in der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit und im gemeinsamen Einsatz für ein „Leben in Fülle“ für alle. Wo sie als Boten der Liebe Gottes die Freiheit Gottes und der Anderen achten, betrachten sie die Anderen nicht als Gegenspieler oder Feinde, sondern als Mitwirkende am Kommen des Reiches Gottes.

Von Pater Bernd Werle SVD

Quelle: Jahresbericht Weltkirche 2014

© DBK