Zusammenleben in Vielfalt

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  • Migration und Integration

Jeder Migrant ist eine menschliche Person, die als solche unveräußerliche Grundrechte besitzt, die von allen und in jeder Situation respektiert werden müssen.“ So heißt es in der dritten Enzyklika von Papst Benedikt XVI. Caritas in Veritate . Migration als eine der Grundkonstanten menschlichen Daseins gehört in nahezu jeder Epoche zu den „Zeichen der Zeit“. Die Kirche hat sich dazu verpflichtet, diese Zeichen wahrzunehmen und im „Lichte des Evangeliums zu deuten“ . Heute sind weltweit ca. 200 Millionen Menschen als Migranten unterwegs, ihr Anteil an der Weltbevölkerung liegt seit vielen Jahren konstant bei etwa 3 Prozent.

„Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.“

— Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Artikel 13, 2

Das Recht auszuwandern ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Gleichzeitig steht die Souveränität der Nationalstaaten, über die Zuwanderung in ihr Territorium zu entscheiden, dem Recht auf Einwanderung entgegen. Die Kirche mahnt die Bindung dieses Rechtes an die unbedingte Achtung der Menschenwürde an. Vor allem aber bekräftigt die Soziallehre der Päpste die Bedeutung einer wirklichen Entscheidungsfreiheit: Noch vor dem Recht auszuwandern stehe das Recht jedes Menschen, nicht auswandern zu müssen, sondern in seiner eigenen Heimat zu leben.

Krippenspiel der polnischen Mission Siegen Polnische Delegatur, Hannover

Migration und Integration in Deutschland

Das internationale Migrationsgeschehen in einer globalisierten Welt betrifft auch die Lebenswirklichkeit in Deutschland: Insgesamt haben etwa 20 Prozent der Menschen in Deutschland (fast 16 Millionen) einen so genannten „Migrationshintergrund“ im engeren Sinn, das heißt entweder sie selbst oder mindestens ein Elternteil wurden im Ausland geboren. Zu ihnen gehören die als „Gastarbeiter“ gekommenen Menschen und ihre Nachfahren ebenso wie (Spät-)Aussiedler aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa, langjährig Geduldete oder Flüchtlinge. Hinzu kommen Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus, deren Zahl auf 100.000 bis 400.000 geschätzt wird.

Kirchliches Engagement

Die Kirche in Deutschland ist seit Jahrzehnten in der Migrationsarbeit engagiert. Sie wirkt durch ihre Beratungsstellen diakonisch und durch öffentliche Stellungnahmen und Hintergrundgespräche mit Politik und Verwaltung auf allen Ebenen auch anwaltschaftlich. Über 400 sogenannte „muttersprachliche Gemeinden“ arbeiten seelsorglich-missionarisch für und mit Katholiken, die mit einer anderen Muttersprache als Deutsch aufgewachsen sind. Fast fünf Millionen Katholiken in Deutschland haben einen Migrationshintergrund; auch für sie sind die Diözesanbischöfe verantwortlich.

Marienprozession beim Vietnamesischen Katholikentag 2012 in Aschaffenburg Pfr. Stephan Bui

Fast 500 internationale Priester und Ordensleute tun Dienst in Gemeinden für derzeit 31 Sprachgruppen. Die größten Gruppen unter ihnen sind die polnisch-, kroatisch-, italienisch-, spanisch- und portugiesischsprachigen Katholiken. Die muttersprachlichen Gemeinden sind für viele Migranten Gemeinschaft und Lebensraum, in dem sie gerade auch mit ihrer Sprache und Glaubenstradition Beheimatung und Zuwendung erfahren, ihr eigenes kulturelles und religiöses Leben pflegen und so ihre Identität finden können. Muttersprachliche Gemeinden stehen nicht in Konkurrenz zu den deutschsprachigen Ortspfarreien. Vielmehr bilden sie eine Brücke in die Ortskirche hinein, durch die auch das Leben der Kirche in Deutschland bereichert wird. Zur Koordinierung all dieser Aktivitäten hat die Deutsche Bischofskonferenz eine Migrationskommission unter dem Vorsitz von Bischof Norbert Trelle (Hildesheim) eingerichtet.

„Die Kirche und die verschiedenen Einrichtungen, die mit ihr verbunden sind, sind dazu aufgerufen, Migranten und Flüchtlingen gegenüber die Gefahr einer bloßen Sozialhilfe zu vermeiden, um eine echte Integration in eine Gesellschaft zu fördern, in der alle aktive Mitglieder sind, jeder für das Wohl des anderen verantwortlich ist und großzügig einen eigenständigen Beitrag leistet und alle bei vollem Heimatrecht die gleichen Rechte und Pflichten teilen.“

Benedikt XVI. in seiner Botschaft zum Welttag der Migranten 2013

Gedeihliches Miteinander statt gleichgültiges Nebeneinander

Die Kirche versteht Integration als wechselseitigen und vielschichtigen Prozess, der Zuwanderer und Aufnahmegesellschaft in je unterschiedlicher Weise herausfordert. Integration erfordert gegenseitiges aktives Interesse. Wechselseitige Wahrnehmung und Achtung sind unabdingbare Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander. Die Mehrheitsgesellschaft muss die mitgebrachten Werte und Prägungen der Zuwanderer – soweit diese mit den Grundwerten unserer Verfassung vereinbar sind – respektieren. Die Zuwanderer ihrerseits sind gehalten, den Traditionen der Mehrheitsgesellschaft mit Verständnis und Wertschätzung zu begegnen. So verstandene Integration strebt ein Zusammenleben in Vielfalt an. Sie richtet sich sowohl gegen den Gedanken einer einseitigen Anpassung der Zuwanderer (Assimilation) als auch gegen die Entstehung abgeschlossener „Parallelgesellschaften“. Ein gedeihliches Miteinander, kein gleichgültiges Nebeneinander, ist das Ziel.

Seit 1975 wird in gemeinsamer Trägerschaft der Deutschen Bischofskonferenz, der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie die Interkulturelle Woche durchgeführt. Sie bietet ein organisatorisches Dach für weit über 4.500 Veranstaltungen an über 400 Orten in der Bundesrepublik und hat als Initiative der Kirchen eine breite gesellschaftliche Basis gewonnen.

Stand: Juli 2013

© Dr. Christian Müller und Stefan Schohe, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz