Die Geißel der Massengewalt

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  • Menschenrechte

Die Logik der Vergeltung und Zerstörung sowie das Gesetz des Terrors wird zur Norm, und der Mensch wird schlimmer als eine hungrige Bestie: ‚homo lupus hominis‘. Er sät überall Schrecken und nichts hält ihn auf seinem Weg des Schreckens auf.“

Mit diesen Worten beschreibt Dr. Innocent Nyirindekwe, Rektor der Katholischen Hochschule in Goma, das verheerende Ausmaß der Massengewalt in seiner Heimat Kivu im Ostkongo.

Ein Bericht über die psychosozialen Folgen und spirituellen Herausforderungen für den Wiederaufbau einer menschlichen Gesellschaft:

Massengewalt in Kivu

Kurze Übersicht über den historischen, soziopolitischen und psychologischen Kontext

Zunächst sei daran erinnert, dass die mit schrecklichen Gewalttaten einhergehende Verbreitung bewaffneter Gruppen im Osten der Demokratischen Republik Kongo sowie ihre tragischen und verheerenden Folgen auf zwei Umstände zurückzuführen sind: einerseits den schleppenden Niedergang der Diktatur von Mobutu Sese Seko und andererseits den Völkermord an den Tutsis in Ruanda und dessen Boomerang-Effekt in der Demokratischen Republik Kongo.

Dr. Innocent Nyirindekwe ist Rektor der Katholischen Hochschule in Goma (Ostkongo). Misereor

Seit dem ungeheuerlichen Völkermord an den Tutsis in Ruanda und dessen enormen Boomerang-Effekt in der Demokratischen Republik Kongo ist die Massengewalt zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden, das eine schmerzliche Herausforderung für unseren Verstand und einen eindringlichen Appell an unser Gewissen darstellt. Es ist unübersehbar, dass diese Gewalttaten in spiritueller, ethischer wie auch psychosozialer Hinsicht einen solchen Einfluss auf den Einzelnen, auf die gesellschaftlichen Gruppen und auf die Gesellschaft insgesamt nehmen, dass sie einen Geist, eine Mentalität und eine Kultur entstehen lassen, angesichts derer es unbedingt notwendig ist, grundlegende Überlegungen anzuregen und einen Prozess einzuleiten, der zum Ziel haben muss, den zahlreichen Vertriebenen nun zu helfen, die physischen und psychischen Wunden der Menschen vollständig zu heilen und unsere Gesellschaft wieder auf eine solide humanitäre Basis zu stellen.

Die Zerstörung des Menschen und der Gesellschaft

Um die Geißel der Massengewalt effektiv durch eine solche Förderung des Menschen bekämpfen zu können, muss man die Hintergründe vor allem der aktuellen Gewalttaten in Kivu kennen, insbesondere der letzten Auseinandersetzungen, die zur Einnahme von Goma, der Hauptstadt von Nord-Kivu, geführt haben.

Zunächst muss man sich das unvorstellbare Ausmaß der Gräueltaten vor Augen halten, die von den an den zahlreichen Kriegen in Nord- und Südkivu Beteiligten begangen werden: der Krieg zwischen der Regierung und den M23-Rebellen, der Krieg unter den Stammesmilizen, die zum Selbstschutz und zur Selbstverteidigung wie Pilze aus dem Boden schießen und sich mit den kongolesischen Streitkräften gegen die Rebellen verbünden oder völlig unabhängig davon unter der Bevölkerung wüten, der Krieg zwischen der FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) und dessen lokalen Milizen, der Krieg unter den verschiedenen Volksgruppen, der Krieg ausländischer Kräfte ausgetragen auf kongolesischem Boden.

„Mord, Folter, ja sogar der Krieg selbst gelten als etwas Normales. Niemand ist mehr schockiert.“

Wenn die Heimat zum Schlachtfeld wird: Auch Kinder bleiben von der Massengewalt in Kivu nicht verschont. Klauke/Erzbistum Paderborn

Wenn der gesamte soziale Raum zum Schlachtfeld wird und niemand einem wie auch immer gearteten Kriegskodex Geltung verschaffen kann, dann sind dem Einfallsreichtum in punkto Gewalt und Zerstörung keine Grenzen mehr gesetzt. Gräueltaten, Gemetzel, Massenvergewaltigungen, Folter in breitem Ausmaß, das Niederbrennen von Wohnstätten, die Auslöschung ganzer Dörfer und Massendemütigungen des Feindes werden überall zu einer Kriegsaufgabe. Die Logik der Vergeltung und Zerstörung sowie das Gesetz des Terrors wird zur Norm, und der Mensch wird schlimmer als eine hungrige Bestie: „homo lupus hominis“. Er sät überall Schrecken und nichts hält ihn auf seinem Weg des Schreckens auf. Babys, Kinder, alte Menschen, die Zivilbevölkerung, alle werden Opfer der Zerstörungswut und des Tötungswahns. Die Gesellschaft wird zu einem Meer aus Blut und Tränen, einem Ort von Verbrechen und einem Trümmerfeld, als ob der Mensch aufgehört hätte, Mensch zu sein, ein Wesen mit Verstand, Herz, Gewissen und Geist, um nur noch von einem Tötungs- und Vernichtungswillen getrieben zu werden.

Man muss sich auch vor Augen halten, dass das Ausmaß der Massengewalt zu einer Banalisierung der Gewalt wie Verbrechen, Mord und Tod führte. Mord, Folter, ja sogar der Krieg selbst gelten als etwas Normales. Niemand ist mehr schockiert. Sie rufen keine Entrüstung oder Empörung mehr hervor. Man macht weiter, als ob nichts gewesen wäre. Man spricht darüber, als ob es sich um etwas ganz Gewöhnliches handeln würde, um unbedeutende Nachrichten. Diese Gewöhnung geht sogar so weit, dass man vergisst, dass hierdurch genau das zerstört wird, was den Menschen zu einem Wesen macht, das sich der Werte seines Menschseins bewusst ist, nämlich der Fähigkeit, des Potenzials, der Kraft, sich gegen das Böse aufzulehnen. Sowohl im Sprachgebrauch als auch im Alltag gehen diese Kraft, dieses Potenzial, diese Fähigkeit in unserer Gesellschaft immer mehr verloren.

Man hat sich an den Anblick gewöhnt: Flüchtlingslager in Goma. Klauke/Erzbistum Paderborn

Man muss sich ferner vor Augen halten, wozu diese Gewöhnung an die Massengewalt führt, nämlich zu einer Kultur der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer; einer Kultur ohne Mitgefühl, das heißt ohne die Fähigkeit, sich in die Lage des anderen zu versetzen, um dessen Not und Leiden nachzuvollziehen. Diese Kultur ist in der Tat eine Kultur ohne Liebe in jeglicher Hinsicht.

Schließlich muss man sich vor Augen halten, dass eine solche Kultur den Traum von einer neuen Gesellschaft zunichte macht und die Vorstellung von kollektivem Glück und einer Entwicklung der Gemeinschaft im Keim erstickt.

Wenn man sich diese vier Fakten vor Augen hält, versteht man, worum es bei der Massengewalt geht: Der Sinn für das Menschliche wird zerstört und die Fähigkeit, Gutes für eine solidarische Gesellschaft zu tun, wird zunichte gemacht. Der Osten der Demokratischen Republik Kongo erlebt diese Gewalt schon seit mehreren Jahren. Die Einnahme von Goma ist nur eine weitere Episode in dem seit mehr oder weniger zwanzig Jahre anhaltenden Konflikt.

Die Folgen der Zerstörung des Menschlichen und des Sinns für das Gute

Die Folgen dieser Situation der Massengewalt, die wir nun seit fast zwei Jahrzehnten erleben, das heißt die Zerstörung des Menschlichen und der Fähigkeit, Gutes zu tun, zeigen sich heute besonders an drei Stätten, die in der Region Kivu Zeugnis von den nicht endenden Grausamkeiten und Gräueltaten geben.

Zunächst die Krankenhäuser:

Sie zeigen gewissermaßen der ganzen Welt das Ausmaß der Unmenschlichkeit, die völlig absurde Gewalt, die Menschen in der Lage sind, anderen Menschen anzutun. Man begegnet dort Menschen, die Grauenhaftes erlitten haben. Menschen, deren körperliche Unversehrtheit durch unbeschreibliche körperliche Folter und grausame Attacken wie sorgfältig und geschickt inszenierte Massenvergewaltigungen und sexuelle Versklavung verletzt wurde.

Menschen, die psychisch gebrochen sind, weil sie ihre Selbstachtung verloren haben und vor der Welt nur noch Abscheu empfinden. Menschen, die sich selbst nur noch negativ sehen und für wertlos halten; Menschen, die auch unter den mitleidigen und bedauernden Blicken der anderen leiden, angesichts derer sie selbst Schuldgefühle entwickeln. Dieses Syndrom der Selbstbeschuldigung, das Psychologen oft bei Opfern von Massengewalt feststellen, hat häufig zur Folge, dass die Betroffenen den Glauben an das Leben völlig verloren haben und keinem Menschen mehr vertrauen wollen. Sie schotten sich psychologisch ab und haben das Gefühl zu ersticken, als seien sie lebendig begraben worden. Sie verlieren allmählich jeglichen sozialen Kontakt und das, was für jeden Menschen von grundlegender Bedeutung ist, nämlich von anderen Menschen als gleichwertiger Mensch anerkannt zu werden, dem man mit Würde und Achtung begegnet, ohne Tränen des Mitleids oder bedauernden Blicken, wie man es oft bei Mitleidstourismus gleichenden Besuchen bei den Opfern in den Krankenhäusern erlebt, die diese noch mehr verzweifeln lassen statt ihnen wieder Hoffnung zu geben.

Die Kämpfe im Osten der Demokratischen Republik Kongo zwingen tausende Menschen zur Flucht. Klauke/Erzbistum Paderborn

Dann die Lager der Kriegsvertriebenen:

Es gibt mehrere Lager (mit ungefähr 300.000 Menschen, die im Zuge der Einnahme Gomas vertrieben wurden), die heute Hauptziel dieses Mitleidstourismus sind, hinter dem ein groß angelegtes karitatives System steht, das von heute auch als „humanitäre Wohltäter“ bezeichneten Menschen unterhalten wird. Diese Lager, die notleidende und zerrüttete Menschen offen zur Schau stellen, lassen diese Menschen zu reinen Objekten des Charity business werden, was nicht nur zu Schamgefühlen, Verzweiflung und bemitleidenswerter Abhängigkeit führt, sondern auch zu einem endemischen Verlust der Eigenverantwortung. Die miserablen hygienischen Bedingungen und das entwürdigende Zusammengepferchtsein machen diese Lager zu einer Art anonymen Gefängnis, einem Ghetto. Man erstickt buchstäblich, aber man gewöhnt sich auch an die Abhängigkeit von den Hilfsaktionen der Kirchen, Nichtregierungsorganisationen und allen Menschen guten Willens. Der Bedarf an Medikamenten, Nahrungsmitteln, Trinkwasser und psychologischer Betreuung ist unermesslich.

Dieser Gewöhnungseffekt zerstört die Psyche: Die Menschen werden zu seelischen Wracks und verkommen; sie werden handlungsunfähig. So entsteht eine Mentalität, die dem Menschen eine seiner wesentlichsten Eigenschaften raubt, nämlich die Fähigkeit, frei und verantwortungsvoll zu handeln.

Schließlich die verwüsteten Dörfer:

Beim Anblick der Dörfer, die im Zuge der irrsinnigen Massengewalt in Schutt und Asche gelegt wurden, das heißt angesichts des Ausmaßes dieser Zerstörung kann man sich unmittelbar ein Bild von den Tätern, den Opfern und den Schäden für die Umwelt machen.

Viele Dörfer wurden durch die kriegerischen Auseinandersetzungen in Schutt und Asche gelegt. Klauke/Erzbistum Paderborn

Die beteiligten Akteure zeigen eine unbeschreibliche Seite ihres Wesens: Männer und Frauen, die jeglichen Bezug zu Werten und damit ihre eigene Menschlichkeit zerstört haben. Anhand der Opfer selbst wird deutlich, wie sich die Zerstörung des Menschlichen vollzieht und zu diesem Verlust der Menschlichkeit führt: das Böse in seiner Absurdität und seiner Macht, dem Absurden ein grauenhaftes Gesicht zu verleihen. Diese Absurdität geht sogar so weit, dass natürliche Ökosysteme zerstört werden, um das Leben in einem Dorf unmöglich zu machen. Die Massengewalt nimmt damit nicht nur Züge einer Gewalt gegen das Menschliche an, sondern sie zielt auch auf eine Zerstörung der Ordnung des Lebens selbst ab: eine Art Umweltzerstörung, bei der die Schäden, die den Naturparks im Osten des Landes zugefügt wurden, heute eine weiter reichende symbolische Bedeutung haben: Sie sind ein Symbol für absoluten Irrsinn.

Dieser offensichtliche Triumph des Irrsinns in den verwüsteten Dörfern, die psychische Zerrüttung der Menschen in den Vertriebenenlagern sowie das Syndrom des sozialen Todes der Opfer von Massengewalt wirken sich nachhaltig negativ auf die ganze Gesellschaft aus.

„Je länger sich die Kriege hinzogen und der Friede in weite Ferne rückte, desto mehr schwand der Glaube, dass die Bevölkerung von Kivu all diese Übel aus eigener Kraft überwinden könne.“

Jeder aufmerksame Beobachter der Gesellschaft in unserer Provinz Kivu erkennt heute, dass sich die visionären Kräfte der Gesellschaft ins Negative gekehrt haben: Alle Vorstellungen, Ideen, Visionen und Bilder verharren im Pessimismus, Defätismus und Fatalismus, als ob die Gewalt, der Krieg und die mörderischen Auseinandersetzungen zwischen den Ethnien unüberwindbar, chronisch und fester Bestandteil der Gesellschaft selbst seien.

Die anhaltende Massengewalt hat eine zutiefst traumatisierte Bevölkerung hervorgebracht. Klauke/Erzbistum Paderborn

Je länger sich die Kriege hinzogen und der Friede in weite Ferne rückte, desto mehr schwand der Glaube, dass die Bevölkerung von Kivu all diese Übel aus eigener Kraft überwinden könne. Lösungen und grundlegende Änderungen erwartet man entweder in religiösem Irrglauben vom Himmel oder vom Ausland in Gestalt von Hilfsorganisationen, die die armen Menschen in den Vertriebenenlagern manchmal regelrecht als Geisel nehmen, durch die Präsenz von Soldaten der MONUSCO oder durch das Diktat der heutigen Großmächte. Man könnte sagen, dass das enorme Ausmaß der Gewalt eine zerrüttete Bevölkerung hervorgebracht hat, die der Zerstörungswut der Kriegsherrn ausgeliefert ist, eine Bevölkerung, der die Kraft fehlt, selbst ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und einen Frieden zu schließen, der auf dem aufrichtigen Wunsch nach Glück, Entwicklung und Wohlstand gründet.

Bedeutung der Kultur, der Bildung und des Evangeliums für die Heilung und den Wiederaufbau einer menschlichen Gesellschaft

Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage, was heute zu tun ist, um diese Krise, die im Grunde genommen eine Krise des Menschlichen ist, zu überwinden.

Dafür sollte man meiner Meinung nach auf die Erfahrungen zurückgreifen, die anderswo bei der Bewältigung von Massengewalt gemacht wurden und die uns heute für Kivu als Orientierung dienen können.

Ich denke zunächst an die tragischen Ereignisse in den Ländern Liberia, Sierra Leone und der Elfenbeinküste, wo unvorstellbare Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit stattfanden. Ich denke auch an den Völkermord an den Tutsis in Ruanda und schließlich an den Krieg im Balkan.

Bei all diesen Gräueltaten ist festzustellen, dass trotz der mit dem Krieg in all seiner Härte und seinem Irrsinn einhergehenden massiven Gewalt ein Prozess entstand, der die folgenden, eng miteinander verbundenen Merkmale aufwies:

  • eine umfassende ethische Bewusstseinsbildung im Zuge der Wahrheitsfindung über die tatsächlich vorgefallenen Verbrechen in großem Ausmaß und die Massengewalt;
  • ein anderes Regierungsmodell, mit dem eine Reform der Sicherheitskräfte möglich ist, die ein Hauptpfeiler des neu aufzubauenden Staates sind, entweder durch das Eingreifen internationaler militärischer Kräfte oder durch ernsthafte Verhandlungen für einen grundlegenden Wandel der Gesellschaft;
  • ein rechtliches Vorgehen, bei dem die Kriegsverbrecher und die Täter von Massengewalt vor nationale Gerichte oder internationale Gerichtshöfe gestellt wurden;
  • eine Neugestaltung der gesellschaftlichen Ordnung unter Einhaltung bestimmter Prinzipien wie der Achtung der Menschenrechte und einer friedlichen Konfliktbewältigung;
  • eine medizinische und psycho-soziale Betreuung der Opfer;
  • die Entscheidung für ein Bildungswesen, bei dem spirituelle, ethische und soziopolitische Werte wieder in den Mittelpunkt gestellt werden, ohne die das Menschsein des Menschen jeden Sinn verliert.

In den Straßen von Goma: Die UN-Friedenstruppen konnte den Einmarsch der M23 nicht verhindern. Don Bosco Mission

All dies zeigt, dass eine Gesellschaft die Massengewalt nur dann überwinden kann, wenn aus ihrer Mitte heraus eine Dynamik entsteht, „der Schlange den Kopf abzuschlagen“, das heißt, es müssen die wirklichen Probleme, unter denen man leidet, ins Blickfeld rücken und umfassend, tiefgehend und genauestens analysiert werden, ohne Wenn und Aber oder dass man die Flucht nach vorn antritt. Es ist nicht sicher, ob in Kivu und überall im Kongo diese Aufgabe wirklich angegangen wurde. Die Probleme werden umgangen. Man verschließt die Augen vor der Gewalt und deren Ausmaß im heutigen Kongo: bei den mörderischen Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen, den Regierungskräften und den zahlreichen Armeen sowie unter der Bevölkerung, die in einem Teufelskreis von Rache und Vergeltung gefangen ist.

„All dies zeigt, dass eine Gesellschaft die Massengewalt nur dann überwinden kann, wenn aus ihrer Mitte heraus eine Dynamik entsteht, ‚der Schlange den Kopf abzuschlagen‘.“

Ohne den Mut, sich das Elend und die Übel, unter denen wir leiden, einzugestehen, wird es kaum zu einem Aufrütteln des Gewissens und zu diesem heilsamen Schock kommen, der sich wie eine Welle immer weiter ausbreitet und die Bevölkerung dazu bewegt, sich von den Kräften des Todes zu befreien und „Nie wieder!“ zu rufen. Solange über die Situation des Kongos im Land selbst und in der Welt Lügen verbreitet werden und es Lager gibt, die ohne Blick für das Schicksal der Nation nur ihre Eigeninteressen verfolgen, werden auch auf internationaler Ebene die mehr als sechs Millionen Toten, von denen überall im Zusammenhang mit dem Krieg im Kongo die Rede ist, niemals das ethische Gewissen der Menschheit mobilisieren, um dieser Tragödie in Kivu ein Ende zu setzen. Eine mögliche Unterstützung für die nachhaltige Stabilisierung des Kongo sollte all diese Parameter berücksichtigen und sich nicht nur auf die Hilfe für die in den Lagern zusammengepferchten Vertriebenen beschränken.

Gleichzeitig muss man den Mut haben, die derzeitige politische Ordnung im Kongo generell zu ändern, die von der Gewalt lebt, in eine ambivalente Politik krimineller Machenschaften verstrickt und nicht in der Lage ist, „den Stier bei den Hörnern zu packen“, wie es im Volksmund heißt, das heißt, die Probleme des Landes kompetent und effektiv anzugehen. Jeder weiß, welche grundlegenden Veränderungen notwendig sind: eine legitime und glaubwürdige Regierung, ein solides System für Sicherheit und Ordnung, ein kohärentes Medienmanagement und eine Rechtsordnung, die die Menschenrechte und Grundfreiheiten garantiert. Ein Land, das nicht über diese Grundlagen und institutionellen Strukturen verfügt, kann die Massengewalt, wie sie in Kivu überall gegenwärtig ist, nicht bekämpfen.

Der Glaube eint die Menschen; er appelliert an das Gewissen und die visionären Kräfte der Bevölkerung. Im Bild: Innocent Nyirindekwe (links) und Weihbischof König aus dem Erzbistum Paderborn (rechts) beim Gebet. Klauke/Erzbistum Paderborn

Weiter noch, Lösungen, die für Kivu und den Kongo am ehesten Erfolg versprechen, kommen heute aus dem Bereich ethischer und spiritueller Bildung und Erziehung durch die Familie, kirchliche Einrichtungen, die Zivilgesellschaft und Gruppen engagierter Bürger, die an das Gewissen und die visionären Kräfte der Bevölkerung appellieren. Hier entwickelt sich die Ethik des Zusammenlebens einer Nation und werden Pläne für die Zukunft geschmiedet. Hier werden die Grundwerte und Normen einer Nation gefördert. Hier zeigt sich ihre Einheit und hier wird die Gewalt in den Köpfen und Institutionen ausgemerzt. Hier findet sie die Mittel, um Trost zu spenden und sich der seelisch und körperlich geschundenen Opfern anzunehmen, wobei alle lebendigen Kräfte und Freunde des Landes solidarisch zusammenarbeiten. Die zu leistenden Investitionen sind enorm, aber der Preis muss bezahlt werden.

Darauf muss heute im Kongo alles ausgerichtet sein, um ein schöneres Land in Frieden aufzubauen. Das ist der Weg für den Wiederaufbau einer menschlichen Gesellschaft, und zwar ausgehend von einer ethischen und spirituellen Betrachtungsweise des Menschen und des nationalen Lebens.

Stand: Februar 2013

Von Dr. Innocent Nyirindekwe, Rektor der Katholischen Hochschule in Goma

Hilfe für Flüchtlinge im Kongo

Das katholische Entwicklungshilfswerk Misereor unterstützt die Diözese Goma seit 2006 vor allem bei der Arbeit mit Aids-Kranken und bei der Förderung von Frauen, die besonders unter der Gewalt im Ostkongo leiden. Mit den Spenden von Misereor versorgen die Partnerorganisation GRAM und die Salesianer Don Boscos unter anderem Vertriebene und Flüchtlinge mit Nahrungsmitteln, Medikamenten, Decken, Kleidung und Kochutensilien.

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