Verkauft, betrogen, ausgebeutet – Menschen als Ware

  • Das „System Menschenhandel“

Menschenhandel – ein perfides Verbrechen. Die Täter agieren lautlos, skrupellos und grenzenlos. Ihre Opfer schweigen aus Angst und Scham. Die Profiteure bleiben unerkannt. Das macht Ermittlungen schwierig. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, die Dunkelziffern sind hoch. Anhand des aktuellen Schicksals einer jungen Rumänin in Deutschland zeigt Inge Bell, wie das unfassbare System Menschenhandel hier und heute funktioniert.

Irgendwo in einem Kölner Krankenhaus liegt Ioana. Am 31. Juli 2014 brachte der Notarzt die 19-jährige Rumänin hierher: bewusstlos, mit einer Hirnblutung und schweren Körperverletzungen. Ioanas rumänischer Zuhälter hatte sie in der „Modelwohnung“ – einem Wohnungsbordell gegenüber vom Kölner Karstadt – brutal zusammengeschlagen. Ihre Mitbewohnerin fand die junge Rumänin und alarmierte den Notarzt.

Ioana im Krankenhaus Inge Bell

Ioana wurde sofort ins Koma versetzt und im Laufe der folgenden Monate mehrfach am Kopf operiert – die längste OP dauerte 14 Stunden. Ihre lange dunkle Haarpracht musste dazu abgeschoren werden. Mittlerweile haben die Ärzte Ioana aus dem Koma geholt – doch von dem einst hochattraktiven und fröhlichen Mädchen ist nur noch ein Schatten geblieben: Ioana wird ihr Leben lang ein Pflegefall bleiben, sie sitzt im Rollstuhl und ihr Hirn funktioniert nicht, wie es soll. Vermutlich wird sie noch viele Jahre in Deutschland bleiben müssen, denn in ihrem rumänischen Heimatort ist die Behandlung und Pflege von Ioana derzeit nicht möglich.

Mit 19 war Ioana nach Deutschland gekommen, im März 2014. Eine Schulfreundin, die schon seit einem Jahr in Deutschland lebte, hatte sie immer wieder angerufen: Sie solle doch kommen und gutes Geld verdienen, hier könne sie in demselben Hotel als Zimmermädchen arbeiten wie sie selbst. Die Freundin versprach, dass sie ordentliche Papiere haben würde, dass Ioana eine Mietwohnung gestellt bekommen würde und sie damit ihrer armen Familie in dem kleinen Ort Bobolia helfen könne. Ioana wollte erst nicht fahren, hatte sie doch einen kleinen Sohn, der gerade einmal ein Jahr alt war. Doch die Lage der Familie in Bobolia war aussichtslos – wie in so vielen Provinzstädtchen Rumäniens, Ioanas Eltern hatten keine Arbeit und die Familie lebte nur von der Erziehungsbeihilfe für den kleinen Sohn. Entschlossen, dass es so nicht weitergehen könne, folgte Ioana dem Ruf ihrer Schulfreundin nach Deutschland.

Schon in Leipzig angekommen – ihrer ersten Station –, musste Ioana mit Schrecken feststellen: Ihre Freundin war mit einem rumänischen Zuhälter verheiratet, Robert T., Ioana musste mit den beiden die Wohnung teilen, wurde sofort zur Prostitution gezwungen, musste täglich viele Freier befriedigen. Außerdem wurden pornografische Fotos von ihr gemacht und im Internet verkauft. Es folgte die nächste Station, ein Bordell in Nürnberg. Auch hier hieß es anschaffen. Ihre Eltern durfte sie nur in Anwesenheit von Robert T. anrufen, er diktierte ihr die Antworten. Die Mutter wurde stutzig, weil die Tochter so mechanisch, hölzern und gebrochen antwortete, ging in Rumänien zur Polizei, bat Ioana zurückzukommen, doch Robert T. fing an, die Familie in Rumänien zu bedrohen, einzuschüchtern und zu beleidigen. Irgendwann verfrachtete Robert T. Ioana weiter nach Köln, wo sie am 31. Juli 2014 im Notarztwagen aus ihrem Wohnungsbordell geholt wurde.

Ioana mit ihrer Familie Inge Bell

Der Fall der jungen Ioana erschüttert seit Monaten die rumänische Bevölkerung, das Ausmaß der Berichterstattung ist enorm. In Deutschland wird hingegen kaum berichtet – abgesehen von der Erstmeldung der brutalen Tat. Hier wird auch aus ermittlungstaktischen Gründen der Presse gegenüber geschwiegen. Denn die deutsche Polizei konnte Robert T. mittlerweile fassen – dank der Aussagen seiner Frau, Ioanas Schulfreundin. Der brutale mutmaßliche Täter, der bereits wegen Doppelmordes in Rumänien gesucht wurde, auch schon in Deutschland in Abschiebehaft saß und für den in drei EU-Ländern Einreiseverbot gilt, sitzt jetzt in Köln in Haft und wird wohl auch nicht nach Rumänien ausgeliefert werden. Ioanas schweres Schicksal macht betroffen, zumal wenn man die Vorher-Nachher-Fotos der jungen Frau in den rumänischen Presseberichten und auf Facebook sieht. Eine blühende Schönheit – ein Häufchen Elend. Ihr und ihrer Familie ist alles Glück der Welt zu wünschen.

Ioanas Fall ist kein Einzelfall – außer vielleicht in dem extremen und öffentlichkeitswirksamen Maß der körperlichen Gewalt, die das zierliche Mädchen erlebt hat. Ioanas Fall steht für das „System Menschenhandel“ in der zweiten Dekade unseres Jahrhunderts. An Ioanas Fall lassen sich – fast möchte ich sagen: in idealtypischer Weise – die systemischen und strukturellen Aspekte von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung illustrieren: Täter-Opfer-Strukturen, Wandel der Anwerbetaktik von Menschenhandelsopfern, sinkendes Alter der Opfer, Probleme der (auch grenzübergreifenden) Strafverfolgung, europäische Dimensionen des Menschenhandelsmechanismus (Armutsgefälle, EU-Osterweiterung, europaweit unterschiedliche Gesetzgebungen), Medienberichterstattung und Awareness-Raising-Prozesse (1) (Freier im Fokus), gesellschaftliche Diskussionen und oft auch Rat- und Hilflosigkeit.

Von Inge Bell

Fußnoten

(1) Prozesse, die zur Bewusstseinsbildung beitragen (Anm. d. Redaktion)

© OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP)

Zur Autorin

Inge Bell ist Medienunternehmerin, Publizistin und Menschenrechtsaktivistin. Die Expertin für Menschenhandel dreht Filme, schreibt Bücher, hält Vorträge, lehrt und forscht zu diesem Thema. Sie stellte auch die Bilder im Beitrag zur Verfügung.

www.ingebell.de

Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“

Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird vom katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) herausgegeben. Ausgabe 2/2015 trägt den Titel „Menschenhandel – moderne Sklaverei in Europa.“ Die Zeitschrift kann zu einem Preis von 6,50 Euro telefonisch (08161/5309-71) oder per E-Mail: oder angefordert werden.

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