Push- und Pull-Faktoren der Zwangsprostitution

  • Das „System Menschenhandel“

Die unauffällige „Ware“ im Big Business Menschenhandel – junge weiße Frauen – stammt vor allem aus den ärmsten Ländern Ost- und Südeuropas: aus Bulgarien, Rumänien, Ungarn, der Ukraine, der Republik Moldau. Es ist die Armut und Perspektivlosigkeit in diesen Ländern, die man getrost als Push-Faktoren bezeichnen darf. Ioana ist nach Deutschland gegangen, weil sie ihrem kleinen Kind eine bessere Zukunft ermöglichen wollte. Und sie ist gegangen, weil sie in Deutschland eine vermeintlich vertrauenswürdige Anlauf- und Gewährsstelle hatte: ihre Schulfreundin, die ihr ein gutes Leben und eine echte Zukunft versprach. Und die Verheißung einer „glücklichen Zukunft“ ist wohl der größte Pull-Faktor, den Menschen sich vorstellen können.

In vielen Landstrichen (Süd-)Osteuropas herrscht eine unvorstellbare postsozialistische Tristesse, Arbeitslosigkeit, Armut und Zukunftsangst. In der Ukraine kostet ein Liter Wodka weniger als ein Liter Milch. In Rumänien kostet ein Liter Milch so viel wie bei uns – ein Lehrer oder eine Arzthelferin verdienen allerdings nur 350 EUR im Monat. Wenn sie überhaupt Arbeit haben. Rentner, die mit 90 EUR im Monat auskommen müssen – bei Energiepreisen wie im Westen? Wie soll das gehen? Nur mit Hilfe einer zusammenhaltenden Familie, wenn noch eine da ist.

Hinzu kommt noch, dass der Werteverfall in kommunistischen Zeiten es begünstigt hat, dass die zwischenmenschliche Gewaltschwelle einfach sehr niedrig ist: Gewalt in der Familie, eine zerrüttete Familie, Gewalt durch Alkoholmissbrauch – das ist in Osteuropa eine Tatsache, die viele Hilfsorganisationen dort beklagen. Um der Armut, der Perspektivlosigkeit und der Gewaltspirale in der tristen Heimat zu entkommen, um ein besseres Leben zu führen als das der Realität, gehen die Mädchen und jungen Frauen nur zu bereitwillig und blauäugig in den Westen.

Der wohl größte Pull-Faktor ist die Nachfrage. In den Clubs und Bordellen Deutschlands wird „Frischfleisch“, werden junge, knackige und vermeintlich „naturgeile“ Osteuropäerinnen gesucht. Sie sind – so wollen es das Klischee und die unzähligen Freierforen im Internet – viel billiger, williger und „wärmer“ als die sehr selbstbewussten deutschen Prostituierten. Das zieht. Billige Sex-Dienstleistungen, am besten ohne Kondom, boomen hierzulande. (Das allerdings soll bald der Vergangenheit angehören: Im Februar 2015 hat die deutsche Regierung beschlossen, die Kondompflicht für Freier ins Prostitutionsgesetz aufzunehmen.)

Die Gründerin der deutschlandweit größten Hilfsorganisation für Opfer von Zwangsprostitution SOLWODI („SOLidarity with WOmen in DIstress“, Solidarität mit Frauen in Not), Ordensschwester Lea Ackermann, berichtete mir erst neulich von einem heute 18jährigen Mädchen, das mit 15 aus einem osteuropäischen Kinderheim nach Deutschland gebracht wurde und in einem schicken Puff als „tabuloser Teenie“ angeboten wurde.(5) „Tabulos“ bedeutet: ohne Kondom. Die Menschenhändler wurden verurteilt: zu einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung – eine Katastrophe für das Mädchen. Es wird nun auf Jahre hinaus von SOLWODI in Deutschland vor diesen Zuhältern versteckt werden. In ihr Heimatland darf es ohnehin nicht zurück. Und um diese humanitäre Hilfe leisten zu können, braucht es Hilfsorganisationen mit Herz und Hand. SOLWODI betreibt beispielsweise bundesweit rund 20 Beratungsstellen, viele mit Schutzwohnungen; insgesamt ist das Netz an über 60 Beratungsstellen und Hilfsorganisationen in Deutschland – wie es scheint – dicht gewoben; doch ähnlich wie die Polizei sind die Helferinnen gnadenlos überlastet und unterfinanziert.

Von Inge Bell

Fußnoten

(5) Vgl. auch das Interview mit Schwester Lea Ackermann in der gedruckten Ausgabe des Heftes OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP) 2/2015

© OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP)

Zur Autorin

Inge Bell ist Medienunternehmerin, Publizistin und Menschenrechtsaktivistin. Die Expertin für Menschenhandel dreht Filme, schreibt Bücher, hält Vorträge, lehrt und forscht zu diesem Thema. Sie stellte auch die Bilder im Beitrag zur Verfügung.

www.ingebell.de

Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“

Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird vom katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) herausgegeben. Ausgabe 2/2015 trägt den Titel „Menschenhandel – moderne Sklaverei in Europa.“ Die Zeitschrift kann zu einem Preis von 6,50 Euro telefonisch (08161/5309-71) oder per E-Mail: oder angefordert werden.

www.owep.de