Menschenhandel in Zahlen – ein kritischer Blick

  • Das „System Menschenhandel“

Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist ein Teilaspekt des breiten und dunklen Themas Menschenhandel. Das deutsche Strafrecht verfolgt außerdem folgende Tatbestände im Dunstkreis von „Menschenhandel“: Menschenhandel zum Zwecke der Arbeitsausbeutung, Menschenhandel zum Zwecke der Entnahme von Organen, Handel in die Ehe (Heiratshandel) und Kinderhandel (auch zum Zwecke der Adoption).

All diesen Phänomenen ist eines gemeinsam: Menschen sind Handelsware. Und: Es gibt keine verlässlichen Zahlen. Bei der Recherche stößt man überall und ständig auf die Worte „Schätzungen“ und „Dunkelziffer“, selbst bei den bekanntesten Ausprägungen, dem Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung und der sexuellen Ausbeutung.

So sind nach neuesten und – wie sie selbst sagt – konservativen Schätzungen der ILO (International Labour Organisation, 2012) weltweit 21 Millionen Menschen Opfer von Menschenhandel: 11,4 Millionen Mädchen und Frauen, 9,5 Millionen Männer. Von diesen 21 Millionen sind 4,5 Millionen Menschen Opfer von „Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“, also Frauen und Mädchen in der Zwangsprostitution. Zwischen 13 und 25 Prozent von ihnen – Kinder. Menschenhandel ist zum Big Business geworden. Die Gewinne aus der Zwangsprostitution rangieren gleich hinter dem Drogen- und Waffenhandel: Die ILO schätzt für die westlichen Industriestaaten über 13 Milliarden US-Dollar Gewinn jährlich allein aus der Zwangsprostitution. Die illegalen Gewinne aus der Arbeitsausbeutung sollen allein für die USA 150 Milliarden US-Dollar jährlich betragen – sie werden zumeist in privaten Haushalten, in der Gastronomie, im Baugewerbe und in der Unterhaltungsindustrie erwirtschaftet. Schwarz.

In ganz Westeuropa hat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 der Menschenhandel massiv zugenommen, sowohl in der Arbeitsausbeutung als auch in der sexuellen Ausbeutung. Die Opfer stammen in beiden Fällen zumeist aus Osteuropa. Die Medien haben den Mechanismus der Zwangsprostitution in die Öffentlichkeit gebracht: Junge Frauen und Mädchen aus ganz Osteuropa werden Opfer von skrupellosen Menschenhändlern, die ihnen erst das Blaue vom Himmel versprechen – tolle Arbeit im Westen, viel Geld, eine rosige Zukunft – und die sie dann hier im Westen brutal ausbeuten. Schätzungen der UNICEF und UNDP(2) sprechen von 500.000 Frauen und Mädchen aus den GUS-Staaten und Osteuropa, die jährlich in Westeuropa in die Prostitution gezwungen werden. Auf der anderen Seite gibt es auch immer wieder Berichte über ausgebeutete Erntehelfer, Bauarbeiter aus Rumänien oder Polen, die in elenden Unterkünften zu Wuchermieten gehalten werden und oft nicht einmal einen Hungerlohn bekommen. Oder Frauen, die als Haushaltshilfen, Au-Pair-Mädchen oder in der Gastronomie bis zur Erschöpfung zur Arbeit gezwungen werden.

Wie sieht es in Deutschland aus mit Menschenhandel? Hier gibt das Bundeskriminalamt jährlich seinen so genannten „Bundeslagebericht Menschenhandel“ heraus – mit durchaus sehr exakten Zahlen über die Opfer und Täter im Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung und zur Arbeitsausbeutung. Und diese Zahlen verwundern, liegen sie doch weit unter den oben genannten geschätzten Zahlen. Denn sie entstammen dem so genannten „Hellfeld“, wie die Polizei die Ergebnisse ihrer aktiven Ermittlungen nennt:

Arbeitsausbeutung: Der BKA-Lagebericht 2012 spricht von 14 Opfern. 2013 sind es 61 Opfer, die allermeisten aus Osteuropa.

Sexuelle Ausbeutung: Auch hier seien exemplarisch die aktuellen Zahlen des BKA für 2013 genannt:

  • 425 abgeschlossene Ermittlungsverfahren
  • 625 Tatverdächtige (davon 28 Prozent Deutsche, 25 Prozent Bulgaren, 15 Prozent Rumänen); 77 Prozent Männer;
  • 542 Opfer (davon 143 Bulgarinnen, 125 Rumäninnen, 90 Deutsche); 297 junge Frauen und Mädchen unter 21 Jahren (also 51 Prozent); 70 minderjährige Mädchen, auch deutlich unter 14 Jahren.

Soweit die offiziellen Zahlen des Bundeskriminalamts BKA.

Von Inge Bell

Fußnoten

(2) United Nations Development Programme (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen)

© OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP)

Zur Autorin

Inge Bell ist Medienunternehmerin, Publizistin und Menschenrechtsaktivistin. Die Expertin für Menschenhandel dreht Filme, schreibt Bücher, hält Vorträge, lehrt und forscht zu diesem Thema. Sie stellte auch die Bilder im Beitrag zur Verfügung.

www.ingebell.de

Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“

Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird vom katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) herausgegeben. Ausgabe 2/2015 trägt den Titel „Menschenhandel – moderne Sklaverei in Europa.“ Die Zeitschrift kann zu einem Preis von 6,50 Euro telefonisch (08161/5309-71) oder per E-Mail: oder angefordert werden.

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