Menschenhandel heute bekämpfen

  • Tagungsrückblick - 11.06.2013

Die Teilnehmenden der Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013 zum Thema „Die Sklaverei ist nicht vorbei – Menschenhandel heute bekämpfen“ haben sich entschieden gegen jegliche Praktiken des Menschenhandels ausgesprochen. Der Mensch hat eine unveräußerliche Würde und ist nicht des anderen Menschen Spielball.

„Be the change you want to see in society.” („Sei du selbst die Veränderung, die du dir für die Gesellschaft wünschst.“) Diese Worte Mahatma Gandhis gab Marita Ishwaran den Teilnehmenden am Ende der Jahrestagung mit auf den Weg. Sie war eine der Frauen, die mit ihren Erfahrungsberichten über den Kampf gegen den Menschenhandel das Schicksal der Betroffenen eindrücklich ins Bewusstsein der Teilnehmenden hob.

Sehen

Und genau das war das erklärte Ziel des ersten Tages: Bewusstsein schaffen für die himmelschreiende Ungerechtigkeit des Menschenhandels. Schon beim Einstieg empörte sich Sr. Dr. Lea Ackermann über die Situation von Zwangsprostituierten hier in Deutschland. Auch die vier folgenden Impulsreferate der weltkirchlichen Gäste

  • Marita Ishwaran, Leiterin der National Education Group – Fire in Indien
  • Najla Chahda, Direktorin des Caritas Lebanon Migrant Center im Libanon
  • Prof. Dr. Irina Gruschewaja, Leiterin des Projektes „Malinowka“ in Weißrussland
  • Mónica Salazar, Leiterin des Colectivo contra la Trata de Personas in Mexiko
brachten die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer dazu, hinzusehen, in die Gesichter zu schauen, die in das grausame Spiel mit der Ware Mensch verwickelt sind:

Seien es die Eltern verschleppter Kinder, die – wie Marita Ishwaran erklärte – aus Unwissenheit über ihre Rechte oder aus Angst vor staatlichen Behörden oder gesellschaftlicher Ächtung nicht zur Polizei gehen, um das Verschwinden ihres Kindes zu melden.

Erzbischof Ludwig Schick bedankt sich bei Najla Chahda für ihren eindrucksvollen Vortrag. weltkirche.katholisch.de

Seien es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas Libanon, die sich um junge, als Hausangestellte ausgebeutete Philippinerinnen kümmern, ihnen eine Schutzwohnung und Rechtsberatung zur Verfügung stellen, wie Najla Chahda informiert.

Seien es die wehrlosen Opfer, wie zum Beispiel die bettelnde Frau mit ihrem schlafenden, unter Drogen stehenden Kind im Arm – eine „Spielfigur“ organisierter Bettlerkriminalität. Im Hinterhalt: der Spieler, der den Gewinn allein sich selbst zuschreibt, wie Irina Gruschewaja berichtet.

Oder seien es die Drahtzieher des organisierten Verbrechens, die illegale Migranten auf dem Weg von Mexiko in die USA abfangen, kidnappen und zum Zweck der sexuellen Ausbeutung oder Arbeitsausbeutung weiterverkaufen – ein Beispiel von Mónica Salazar.

Urteilen

„Urteilen“ – ohne zu Verurteilen – war die Herausforderung des zweiten Tagungsschrittes im Dreischritt „Sehen-Urteilen-Handeln“. Das abscheuliche Spiel mit der Ware Mensch kann nur mit viel Sensibilität der verschiedenen Akteure im Kampf gegen den Menschenhandel ein Ende finden.

Ausprägungen hat das Spiel, das andere Menschen zum Objekt degradiert: Zwangsprostitution, Ausbeutung der Arbeitskraft, Organhandel, erzwungene Bettlertätigkeit, etc. Die von Menschenhandel Betroffenen sind Menschen in Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnissen. Doch sie sind mehr als nur „Opfer“. Es sind Personen mit Würde. Ausbeuter, Machtbesessene und menschengemachte Strukturen treten ihre Würde mit Füßen. Dramatisch ist, dass vielen Betroffenen nicht bewusst ist oder viel zu spät bewusst wird, welches Verbrechen an ihnen verübt wird.

Deine Stimme gegen Menschenhandel

Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013 – sechs Statements gegen Menschenhandel

weltkirche.katholisch.de

Die Metapher „Spiel“ verharmlost die brutale Realität des Menschenhandels. Dabei machen „gute Miene zum bösen Spiel“ nicht nur die kriminellen Menschenhändler. Ein jeder und eine jede ist mitverwickelt in das Spiel, das auf dem Feld eines zerbrechlichen Weltsystems ausgetragen wird, das verleitet, erbarmungslos die Spieler in Gewinner und Verlierer zu kategorisieren.

Dr. Norbert Cyrus vom Hamburger Institut für Sozialforschung gelang es, das böse Spiel mit der Brille des nüchternen Blicks zu betrachten, ohne die Kraft der Mobilisierung gegen dieses Unrecht zu schwächen.

Was zeigt der Begriff „Menschenhandel“ und was verdeckt er? Der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Menschenhandel“ – sei es in Politik, Medien oder Zivilgesellschaft – zeigt, dass das weltweite Bewusstsein für diese moderne Form der Sklaverei gestiegen ist. Seit dem Inkrafttreten des UNO-Zusatzprotokolls Menschenhandel sind sehr viele nationale und internationale Akteure mit der Durchsetzung dieser Konvention befasst – eine positive Entwicklung.

Ebenso häufig wird der Begriff „Menschenhandel“ jedoch auch unreflektiert verwendet: Es wird verdeckt, dass der Terminus nicht die Ausbeutung eines Menschen an sich meint, sondern das Bringen in ein Ausbeutungsverhältnis.

Für jene, die in solchen Ausbeutungsverhältnissen gefangen sind, greifen die Schutzmaßnahmen nur an der Spitze der Pyramide – dort, wo der Zwang am größten ist. Doch die Grenzen zwischen Zwang und Freiwilligkeit, zwischen Freiheit und Unfreiheit sind fließend, was Cyrus anschaulich am Beispiel der Schuldknechtschaft in Indien verdeutlichte. Die Identifizierung der Ausgenutzten im bösen Spiel mit guter Miene ist schwer.

Prof. Dr. Ottmar Fuchs erläuterte das Thema Menschenhandel aus theologischer Perspektive weltkirche.katholisch.de

Die Botschaft vom „Leben in Fülle für alle“ (Joh 10,10) sprengt die Logik des Spiels zwischen Gewinnern und Verlierern. Prof. Dr. Ottmar Fuchs von der Universität Tübingen modellierte das Bild des liebenden und zuvorkommenden Gottes. Es ist keine Vorleistung zu erbringen, um als Mensch und als Geschöpf Gottes angenommen zu sein. Der Glaube ist nicht die Bedingung der Liebe Gottes, sondern ihr Ausdruck. Denn jede Wenn-Dann-Beziehung, jede Instrumentalisierung eines Menschen für eigene Zwecke, ohne seine Freiheit zu achten, ist eine (Vor-)Form des Menschenhandels. In dieser Erfahrung liegt die Kraft der Befreiung für Täter und Opfer der modernen Sklaverei. Das düstere Spielfeld der verschiedenen Formen des Menschenhandels ist Ort der Theologie. Im Engagement der verschiedenen Akteure gegen den Menschenhandel konkretisiert sich der christliche Glaube.

Konkretes Handeln

Im dritten Tagungsteil sollen Schritte konkreten Handelns gegangen werden. Die Hintergründe des Menschenhandels müssen offengelegt werden. Die Tagungsteilnehmer/innen und geladenen Experten wollen den Mechanismen auf die Schliche kommen, die „Spieler zu Spielfiguren“ verkümmern lassen. Mehrere Akteure, die im Kampf gegen den Menschenhandel unterschiedliche Erfahrungen mitbringen, trafen sich mit den Tagungsteilnehmern in fünf Arbeitsgruppen wieder:

  • Ursula Gräfin Praschma, Abteilungsleiterin im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg
  • Monika Hartenfels, Geschäftsführerin von SOLWODI, Boppard, und Renate Hofmann, Leiterin der SOLWODI-Beratungsstelle, Bad Kissingen
  • Bernd Brinck, Kriminalhauptkommissar im Landeskriminalamt Bayern, München
  • Juliane von Krause, Geschäftsführerin „STOP dem Frauenhandel“ in München, und Burkhard Haneke, Geschäftsführer von Renovabis, für das „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“, Bayern
  • weltkirchliche Gäste der Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013

Vehemente Stimmen und bedachte Worte vermittelten anschließend die Erkenntnisse der Arbeitsgruppen beim Podiumsgespräch mit Dr. Christian Klos, Leiter des Referats Ausländerrecht im Bundesministerium des Inneren. Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen verliehen zum Beispiel einer in der Prostitution tätigen, nun schwangeren jungen Frau, ihre Stimme.

Das Tagungspräsidium zusammen mit Referent/innen und Gästen aus der Weltkirche weltkirche.katholisch.de

Nach der Offenlegung des an ihr verübten Verbrechens muss sie perspektivenlos in ihr Heimatland zurückkehren. Die engagierten Frauen nannten die Schicksale beim Namen und legten die Schwachstellen im Deutschen Asyl- und Aufenthaltsrecht offen.

Die Abschlusserklärung

Entschlossene Worte und konkrete Forderungen flossen in eine Abschlusserklärung , die die Tagungsteilnehmenden am dritten Versammlungstag gemeinsam verabschiedeten. In den Text der Erklärung verwoben ist das Anliegen der Teilnehmenden, auf politischer Ebene herrschende Spielregeln zu überdenken, die Menschenhandel begünstigen. Ebenso verwoben ist darin die Erkenntnis, dass jeder einzelne Mensch, jeder selbst unter Umständen Nutznießer des Menschenhandels ist oder werden kann – sei es durch achtlosen Konsum, einen unreflektierten Lebensstil oder durch bloßes Wegschauen.

Hinter den Selbstverpflichtungen und Forderungen der Tagungsteilnehmenden steht die Betroffenheit und Empörung über jedes würdevolle Gesicht, das die Maske eines bösen Spiels tragen muss und seiner Selbstbestimmung beraubt wird. Die Abschlusserklärung ist eine Aufforderung, ein faires und gerechtes Spiel zu spielen und dem Menschenhandel entgegenzuwirken.

Marita Ishwarans Aufruf, selbst die Veränderung zu sein, war ein mächtiger Impuls für alle Teilnehmenden und fordert konkret auf, den herrschenden Spielregeln entschlossen entgegenzutreten.

Von Magdalena Birkle, Diözesanstelle Weltkirche im Erzbistum Paderborn, und Lena Kretschmann, Redakteurin des Internetportals Weltkirche

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Die Abschlusserklärung

Als Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013 haben wir uns mit den komplexen Herausforderungen des durch den Menschenhandel bedingten globalen Unrechts befasst [...]

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