Menschenhandel, Prostitution und Politik

  • Das „System Menschenhandel“

In den letzten zehn Jahren hat sich der Blick der deutschen Politik auf Täter, Opfer, Strafverfolgung im Menschenhandel auch dank des unermüdlichen Drucks von Frauenverbänden im Inland und seitens der anderen EU-Länder erweitert: auf die Freier, auf die Kundenseite. Die Nachfrage schafft den Markt – gemäß dieser Binsenweisheit aus der Wirtschaft wollte man die Prostitutionskunden, also die Freier, verstärkt in den Fokus nehmen und an ihre Verantwortung appellieren.

Vorstöße in der CDU/CSU gingen in Richtung Freierbestrafung im Menschenhandelsfall, auch SPD und Grüne diskutierten die Verantwortung der Kundenseite, Hilfsorganisationen und kirchliche Institutionen starteten Initiativen zur Freieraufklärung. Und die Europarats-Konvention gegen Menschenhandel sprach 2005 die Empfehlung aus, einmal zu überlegen, ob nicht eine Freierbestrafung im Menschenhandelsfall in die nationale Gesetzgebung mit aufgenommen werden könnte. (6) „Freierbestrafung“ – was vor zehn Jahren noch für Häme in den Freierforen des Internets und bei Bordellbetreibern sorgte und auch von einigen Frauenrechts- und Hilfsorganisationen eher als nicht erstrebenswert abgetan wurde, wird seit ein paar Jahren sehr heftig diskutiert und hat zu einigen Kursänderungen in Politik und NGO-Landschaft geführt. So vertritt z. B. heute die deutsche Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES den Ausstieg aus der Prostitution und die Freierbestrafung – noch vor kurzem undenkbar.

Erst im Februar 2015 schrieb das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL: „Bestraft die Freier!“ (7) In der aktuellen Novellierung des deutschen Prostitutionsgesetzes von 2002 ist zwar von Freierbestrafung wie auch von vielen anderen Vorstößen in Richtung Menschenhandels-Bekämpfung nicht mehr die Rede, aber vom Tisch ist sie deshalb noch lange nicht. Die gesellschaftliche Diskussion über Prostitution und Freiertum ist in vollem Gang.

Eine Gesetzesreform für Menschenhandel steht in Deutschland noch aus. Auch hier wird die Freierbestrafung gefordert – bei der CDU/CSU steht sie sogar im Parteiprogramm.

Von Inge Bell

Fußnoten

(6) Konvention des Europarates zur Bekämpfung des Menschenhandels (Warschau, 16.05.2005); deutsche nichtamtliche Übersetzung hier einsehbar; wichtig ist hier Artikel 19 „Kriminalisierung der Nutzung der Dienste eines Opfers“.

(7) Cordula Meyer: Bestraft die Freier. In: DER SPIEGEL, 07.02.2015

© OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP)

Zur Autorin

Inge Bell ist Medienunternehmerin, Publizistin und Menschenrechtsaktivistin. Die Expertin für Menschenhandel dreht Filme, schreibt Bücher, hält Vorträge, lehrt und forscht zu diesem Thema. Sie stellte auch die Bilder im Beitrag zur Verfügung.

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Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“

Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird vom katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) herausgegeben. Ausgabe 2/2015 trägt den Titel „Menschenhandel – moderne Sklaverei in Europa.“ Die Zeitschrift kann zu einem Preis von 6,50 Euro telefonisch (08161/5309-71) oder per E-Mail: oder angefordert werden.

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