Flüchtlingsschicksal Menschenhandel

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  • Menschenhandel - 30.07.2014

Laut aktuellen UN-Angaben sind erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als 50 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Bei der Überfahrt in Länder, die eine vermeintlich bessere Zukunft versprechen, setzen viele Flüchtlinge nicht selten ihr Leben aufs Spiel – zum Beispiel bei der gefährlichen Reise über das Mittelmeer nach Europa. Geraten die Flüchtlinge dabei in die Hände von Menschenschmugglern, ist die Situation besonders dramatisch. In einem Gastbeitrag für die Zeitschrift „Der geteilte Mantel“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart beschreibt der Weltkirche-Bischof Ludwig Schick das Flüchtlingsschicksal Menschenhandel:

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Mit diesen Worten beschreibt das Zweite Vatikanische Konzil (Gaudium et Spes, 1) eindrücklich Selbstverständnis und Aufgabe der Kirche. Zu den besonders Bedrängten in unserer Welt gehören ohne Zweifel die Flüchtlinge und die Opfer von Menschenhandel.

Papst Franziskus hat jüngst den Menschenhandel anlässlich einer internationalen Konferenz im Vatikan als „offene Wunde am Körper der Menschheit unserer Zeit“ und als „Verbrechen gegen die Menschheit“ bezeichnet. Das gilt unabhängig von der Zahl der Betroffenen, die naturgemäß in einem von Kriminalität gekennzeichneten Feld im Dunkeln liegt und je nach Perspektive und Definition sehr umstritten ist. Die Kirche ist angesichts der oft dramatischen Schicksale der Betroffenen zum Handeln aufgerufen. Damit unser Handeln aber nicht zum blinden – und letztlich nutzlosen – Aktionismus wird, sind wir gut beraten, uns getreu dem Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ zunächst an eine differenzierte Analyse der Situation zu machen.

Menschenhandel: vielfältige Formen von Abhängigkeit und Zwang

Mit Blick auf den Themenschwerpunkt dieser Ausgabe des Magazins „Der Geteilte Mantel“ – „Flucht“ – ist zunächst festzustellen: Nicht alle Opfer von Menschenhandel sind Flüchtlinge und nicht alle Flüchtlinge sind Opfer von Menschenhandel. Die internationalen Konventionen und Abkommen verstehen unter dem „Oberbegriff“ des Menschenhandels besondere Formen der Ausbeutung, in denen Menschen gegen ihren Willen in ausbeuterischen Verhältnissen gehalten werden. Dazu gehören Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, Ausbeutung im Haushalt, Kinderarbeit , Kindersoldaten, sexuelle Ausbeutung – etwa in der Zwangsprostitution – bis hin zum Organhandel. Meist (aber nicht immer) handelt es sich dabei um grenzüberschreitende Formen von Abhängigkeit und Zwang.

„Wir müssen mehr Bewusstsein schaffen“

Erzbischof Schick über Menschenhandel und Zwangsprostitution.

weltkirche.katholisch.de

Zu den Opfern von Menschenhandel in Deutschland zählen derzeit besonders häufig Menschen aus Rumänien und Bulgarien. Sie sind keine Flüchtlinge im eigentlichen Sinn des Wortes, auch wenn sie häufig als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnet werden. Ohne größere Probleme können sie legal nach Deutschland einreisen und hier Arbeit suchen. Es kommt aber nicht selten vor, dass Männer und Frauen mit falschen Versprechungen hierher gelockt werden. Sie zahlen größere Summen an dubiose Vermittlungsagenturen und müssen sich dafür hoch verschulden. Diese Schulden müssen sie abarbeiten, nicht selten, indem sie zur Prostitution gezwungen werden. Oft kennen sie ihre Rechte nicht, und so sind sie nicht in der Lage, sich zu wehren. Ihre Situation als Migranten in einem fremden Land trägt zu ihrer Hilflosigkeit bei.

Opfer von Menschenschmuggel

Ist von Menschenhandel im Zusammenhang mit Flüchtlingen die Rede, ist zumeist der „Menschenschmuggel“ gemeint. Die äußerst restriktiven Einreisebestimmungen fast aller Industriestaaten einschließlich der Europäischen Union zwingen viele Menschen (beispielsweise aus Syrien oder Eritrea) dazu, die Dienste von Schleusern in Anspruch zu nehmen, um Schutz vor Gewalt oder Verfolgung zu suchen. Deren „Dienstleistung“ ist üblicherweise mit hohen Kosten verbunden, die allzu oft in einem krassen Missverhältnis zur „Qualität“ stehen. Das Versprechen, die Menschen sicher nach Europa zu bringen, entpuppt sich vielfach als leer und die vermeintlichen Helfer erweisen sich als gewissenlose Verbrecher, die Menschen auf völlig untauglichen Booten über das Meer schicken. Etwa 20.000 Menschen haben so in den letzten Jahren allein im Mittelmeer ihr Leben verloren. Wenn beides – Menschenhandel im Sinn der internationalen Konventionen – und Flüchtlingsschicksal zusammenfällt, ist die Situation besonders dramatisch. Opfer von Menschenhandel sind ebenso wie Flüchtlinge in ihrer besonderen Lage in hohem Maße verletzlich. Eine Kombination beider Phänomene kann ein ohnehin schlimmes persönliches Schicksal nahezu unerträglich machen.

„Opfer von Menschenhandel sind ebenso wie Flüchtlinge in ihrer besonderen Lage in hohem Maße verletzlich.“

Hilfenetzwerk über nationale und religiöse Grenzen hinweg

Was können wir als Kirche tun, um zu helfen? Da ist zunächst einmal die unmittelbare Not der Betroffenen, die es zu lindern gilt. Weltweit setzen sich Christen für die Opfer von Menschenhandel ein und leisten in Krisensituationen konkrete Hilfe. In Deutschland geschieht dies vor allem durch die Beratungsstellen von Solwodi und der Caritas . Die Hilfswerke unterstützen die Menschen in den Herkunftsländern und tragen so zur Bekämpfung von Menschenhandel bei. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei die Information und Beratung der (potentiellen) Opfer von Menschenhändlern.

Gemeinsamer Austausch über das Abschlussdokument im Plenum. weltkirche.katholisch.de

Zusätzlich zu dieser karitativen Hilfe bringt die Kirche auf allen Ebenen ihre Erfahrungen in die öffentlichen und politischen Diskussionen um diese Themen ein. Die Perspektive der Opfer muss Eingang in Politik und Gesetzgebung finden! Ein Beispiel für die Beteiligung der Kirche an der öffentlichen Debatte ist die Abschlusserklärung der Jahrestagung Weltkirche und Mission (29. Mai 2013), die in der letzten Ausgabe des „Geteilten Mantels“ abgedruckt war. Die Jahrestagung hat auch einen wichtigen Impuls zur Vernetzung der in Deutschland in diesem Handlungsfeld tätigen kirchlichen Organisationen und Initiativen gesetzt. Das Sekretariat der Bischofskonferenz hat die Aufgabe übernommen, eine koordinierende Arbeitsgruppe einzurichten und zu begleiten.

Auf der Ebene der Weltkirche hat sich der Heilige Stuhl an einer religionsübergreifenden Initiative mit der muslimischen Al-Azahr-Universität in Kairo, der Anglikanischen Kirche und einer australischen Stiftung zur Gründung eines „Global Freedom Network“ beteiligt , die „alle Gläubigen und ihre Religionsführer, alle Regierungen und Menschen guten Willens“ einlädt, ihre Anstrengungen gegen den Menschenhandel zu bündeln. Diese Initiative ruft zum Gebet auf und hat darüber hinaus konkrete Handlungsvorschläge gemacht. Unter anderem wird die Überprüfung von Versorgungsketten und Investitionen auf Formen von Menschenhandel angemahnt.

Bewegung in der politischen Diskussion

In Deutschland ist während der letzten Monate Bewegung in die politische Diskussion gekommen. Es gibt Anlass zu hoffen, dass nennenswerte Verbesserungen erreicht werden können. Die Regierungsparteien haben in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, den Schutz der Opfer von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung und Zwangsprostitution zu stärken. Sie wollen nicht nur das Aufenthaltsrecht stärken, sondern auch eine „intensive Unterstützung, Betreuung und Beratung gewährleisten“. Auch das Prostitutionsgesetz soll unter dieser Maßgabe überarbeitet und behördliche Kontrollmöglichkeiten, die dem Schutz der Frauen dienen, (wieder) eingeführt werden. Die Integrationsminister der Bundesländer haben diese Initiative aufgenommen und fordern den Bund auf, endlich die Richtlinie der EU zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels und zum Schutz seiner Opfer (vom April 2011) und das Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung des Menschenhandels (in Kraft seit Februar 2008) in deutsches Recht umzusetzen. Auch sie setzen sich für einen Auf- und Ausbau von Beratungsstrukturen ein.

Realismus und ein langer Atmen

Trotz all dieser Initiativen, trotz aller Hoffnung auf Fortschritte müssen wir realistisch bleiben. Die Bekämpfung des Menschenhandels ist ein langwieriger Prozess. Allzu viel Geld wird hier auf Kosten der Opfer verdient, allzu viel kriminelle Energie ist im Spiel. Moralische Appelle und gesetzgeberische Maßnahmen werden keinen schnellen und endgültigen Erfolg bringen. Trotzdem und gerade deswegen sind wir den betroffenen Menschen schuldig, in unseren Bemühungen nicht nachzulassen. Langer Atem und immer neue diesbezügliche Initiativen sind notwendig.

Von Ludwig Schick,
Erzbischof von Bamberg und Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz

Aus: Der Geteilte Mantel. Ausgabe 2014. Mit freundlichem Dank für die Abdruckgenehmigung.

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