Besonders gefährdete Kinder

  • Kinderarbeit

Welche Kinder sind besonders gefährdet, als Kinderarbeiter missbraucht zu werden?  Gibt es Faktoren, die dies fördern, oder biografische Ereignisse, die einen Jungen oder ein Mädchen eher zum Kinderarbeiter werden lassen als andere?

Es sind vor allem Söhne und Töchter armer Eltern, die ihre Kindheit gegen einen Arbeitsplatz eintauschen müssen. Dabei gilt es zu beachten, dass Kinderarbeit nicht nur Folge von Armut, sondern gleichzeitig auch Armutsursache ist. Denn Kinderarbeit führt in der Volkswirtschaft eines Landes zu einem Überangebot an billigen Arbeitskräften und somit zu Niedriglöhnen. Die Arbeit von Kindern trägt also mittelbar zur Armut ihrer Eltern bei.

Kinder wiederum, die von klein auf arbeiten, anstatt Lesen und Schreiben zu lernen, sind meistens dazu gezwungen, auch den Rest ihres Lebens als Tagelöhner zu fristen oder andere einfache Tätigkeiten zu verrichten. Empirische Studien haben gezeigt, dass sich Kinderarbeit reproduziert: Ehemalige Kinderarbeiter schicken oft auch ihre eigenen Kinder arbeiten. Damit dreht sich die Abwärtsspirale aus Kinderarbeit, mangelnder Bildung und Armut scheinbar unaufhörlich weiter.

Armut ist nicht die einzige Ursache

Doch Kinderarbeit allein auf ökonomische Nöten zurückzuführen, greift zu kurz. Denn Kinderarbeit ist kein Phänomen, das nur in armen Bevölkerungsschichten auftritt. Im Gegenteil: Nach Berichten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) kommt Kinderarbeit auch in Haushalten vor, die im Ländervergleich ein besseres Einkommen haben. Einer Studie aus Peru zufolge stammen 30 Prozent der arbeitenden Kinder aus mittelständischen Familien. Nach einer UNICEF-Studie über Indien aus dem Jahr 1994 hatte ein Drittel der arbeitenden Kinder Eltern, deren Verdienst hoch genug war, um die Familie zu versorgen. In diesen Fällen diente das Einkommen der Kinder oft dazu, den Lebensstandard zu halten oder aber um Konsumgüter wie etwa einen Fernseher oder Fahrräder zu finanzieren.

Kinderarbeit ist keinesfalls auf die ärmsten Länder der Welt beschränkt, und die Armut eines Landes ist nicht allein Indikator dafür, wie viele Kinder zur Arbeit gezwungen sind: So kann der prozentuale Anteil an Kinderarbeit stark schwanken, obschon zwei Länder – gemessen an ihrem Bruttoinlandsprodukt – gleich aufgestellt sind.

Armut ist also sicherlich eine entscheidende Ursache für Kinderarbeit – aber eben nicht die einzige. Vielmehr ist es eine Gemengelage aus kulturell-sozialen und wirtschaftlich-strukturellen Faktoren eines Landes, die Einfluss darauf hat, ob Kinder arbeiten oder nicht.

In Indien arbeiten tausende Kinder unter ausbeuterischen Bedingungen in Steinbrüchen.

Kindermissionswerk

Kulturell-soziale Faktoren

Besonders Kinder marginalisierter oder sozial ausgegrenzter Gruppen sind häufig von wirtschaftlicher Ausbeutung bedroht. So werden schwere, gesundheitsgefährdende und als niedrig angesehene Arbeiten in vielen Ländern traditionell von Angehörigen unterer Schichten, ethnischer oder religiöser Minderheiten, Landlosen (Kleinbauern, die kein eigenes Land bewirtschaften können) und immer häufiger auch von Wanderarbeitern vorgenommen. In Südasien etwa arbeiten Kinder niedriger Kasten vielfach als Latrinenputzer. Kinder indigener Herkunft und dunklerer Hautfarbe mühen sich in Lateinamerika auf Plantagen ab. Solche Muster der sozialen Diskriminierung sind keinesfalls auf sogenannte Entwicklungsländer beschränkt. Auch in den USA sind die meisten Kinderarbeiter asiatischer oder lateinamerikanischer Herkunft.

In vielen Ländern Südostasiens zum Beispiel ist zudem die Schuldknechtschaft immer noch weit verbreitet. Hierbei vergeben Geldverleiher einen Kredit an Familien, die sich in einer Notsituation befinden. Um diesen Kredit zurückzubezahlen, wird die ganze Familie zwangsverpflichtet, für den Geldgeber zu arbeiten. Weil der Lohn jedoch so gering ist, haben die Kreditnehmer kaum eine Chance, das Geld je zurückzuzahlen. Im Gegenteil: Durch den Wucherzins wächst der Schuldenberg stetig an. Kinder dieser Familien übernehmen die Schulden ihrer Eltern nach deren Tod und werden so ebenfalls in die Sklaverei gezwungen.

In anderen Regionen sind es Traditionen, die die Ausbeutung von Kindern begünstigen. Ein Beispiel hierfür ist der Brauch des Vidomegon in Benin. In der Sprache der Ethnie der Fon bedeutet idomegon „Kind, das bei jemanden untergebracht ist“. Ursprünglich gaben Eltern ihre Kinder zeitweise zu Bekannten oder befreundeten Familien. Hier konnten sie Geld verdienen oder die Schule besuchen. Zunehmend wird diese Tradition allerdings ausgenutzt. Sogenannte Vermittler werben Kinder mit falschen Versprechen an. Viele finden sich in einer fremden Umgebung wieder, in der sie täglich als Haushilfen ausgebeutet werden. Nach einem ähnlichen Mechanismus funktioniert das Restavèk-System in Haiti. Als Restavèk bezeichnet man Kinder, die meist vom Land in die Stadt geschickt werden, um in fremden Haushalten als Dienstboten zu arbeiten – meist unentgeltlich.

Junge in einer Goldmine in Ghana.

Steffi Knoor/Kindermissionswerk

Wirtschaftsstrukturelle Faktoren

Kein ausreichendes oder mangelhaftes staatliches Bildungsangebot führt dazu, dass Kinder arbeiten gehen. So haben viele Länder wie beispielsweise Indien, Pakistan, Bangladesch oder große Teile des subsaharischen Afrikas weder ausreichend Schulen noch gut ausgebildete Lehrkräfte. Darüber hinaus führen die mangelnde Qualität der Ausbildung, harte Strafen, überfüllte Klassen und ohnehin miserable Berufsaussichten dazu, dass Kinder entmutigt die Schule abbrechen und stattdessen lieber zum Familieneinkommen beitragen. In Ländern, in denen der Schulbesuch außerdem die Haushaltskasse belastet, kommen viele Eltern zu dem Schluss, dass die Opfer, die sie für die Ausbildung bringen müssen, in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen. Anders als oft suggeriert, arbeiten die meisten Kinder nicht in der formellen Exportwirtschaft, fertigen also beispielsweise selten Kleidung in Fabriken oder fördern Rohstoffe. Stattdessen ist es vor allem die weite Verbreitung informeller Wirtschaftsformen, die Kinderarbeit begünstigt. Das ist nicht weiter überraschend: Schließlich ist der Bedarf an besonders billigen Arbeitskräften in der informellen Wirtschaft enorm. Häufig fällt die Wahl auf Kinder, auch weil sie einfacher zu beeinflussen sind als Erwachsene.

Kinder sind besonders in solchen Staaten gefährdet, zu Kinderarbeitern zu werden, in denen keinerlei oder unzureichende soziale Auffangnetze existieren. So müssen viele Kinder zum Einkommen der Familie beitragen, sobald ein Elternteil den Arbeitsplatz verliert oder etwa durch Invalidität unfähig ist, weiterhin einer Beschäftigung nachzugehen. Sind gleichzeitig zivilgesellschaftlich-demokratische Strukturen unterentwickelt oder nicht existent. Fehlt es zum Beispiel an einem funktionierenden Justizsystem und herrscht innerhalb der Exekutive Korruption und Machtmissbrauch vor oder profitiert sie gar selbst von ausbeuterischer Kinderarbeit, dann ist es unwahrscheinlich, dass ein Verbot der Kinderarbeit verfolgt und durchgesetzt wird.

Indisches Mädchen beim Teppichknüpfen.

Kindermissionswerk

Fallbeispiel Nepal

Ein Beispiel für die Verwobenheit dieser Faktoren ist Nepal: Anfang der 1990er-Jahre förderte der autoritäre Staatsapparat die Entstehung einer umfassenden Teppichindustrie. Betrieben wurden die neuen Produktionsstätten, die auf informelle Heimarbeit setzten, von Günstlingen der politischen Führung oder anderen Mitgliedern höherer Kasten. Aufgrund vetternwirtschaftlicher Strukturen hatten die Betreiber keinerlei staatliche Reglementierung oder Strafverfolgung zu befürchten. Das gleichzeitige Fehlen von Gesetzen zum Arbeitsrecht und zum Kindesschutz bei gleichzeitiger extremer Armut im ländlichen Raum, die allgemeine Segregation des Landes durch das Kastensystems und das Fehlen eines ausreichenden Bildungssystems führten dazu, dass jeder zweite Beschäftige in der Teppichproduktion ein Kind war. Die beschriebenen kulturell-sozialen und wirtschaftlich-strukturellen Besonderheiten oder Defizite treten immer dann besonders zutage, wenn es zu Krisensituationen kommt. Wie ein Katalysator treiben sie die Entstehung von Kinderarbeit an.

Katastrophen, Krankheiten und Konflikte

So wirkt sich das Fehlen sozialer Sicherungssysteme immer dann besonders negativ aus, wenn beispielsweise Naturkatastrophen ein Land heimsuchen. Viele Kinder sind dann gezwungen, die Schule abzubrechen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Gleichzeitig haben Kinderhändler leichtes Spiel. Sie versprechen den traumatisierten Familien, die Kinder in der Stadt gut zu versorgen. Besonders perfide wird es, wenn sie sich als Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ausgeben. Ein trauriges Beispiel ist wiederum Nepal: Viele Mädchen und auch Jungen wurden nach dem Erdbeben 2015 nach Indien verschleppt und in die Prostitution gezwungen. Nach Angaben der lokalen Hilfsorganisation Maiti Nepal wurden in den ersten acht Wochen nach dem Beben allein 200 Kinder an der Grenze aufgegriffen und damit gerettet. Jedes Jahr, so schätzt die Organisation, werden 16.000 Menschen illegal nach Indien geschmuggelt.

Ein weiterer Armutsfaktor sind Krankheiten wie Aids oder Ebola. Um das Geld für Medikamente aufzubringen oder den Tod des Haupternährers zu kompensieren, müssen Kinder häufig eine Arbeit aufnehmen. Auch bewaffnete Konflikte oder Bürgerkriege rauben Millionen Menschen die Existenzgrundlage und fördern Kinderarbeit. Als Waisen oder von ihren Eltern getrennt müssen sie auf sich allein gestellt für ihren Lebensunterhalt sorgen oder werden gar als Kindersoldaten rekrutiert.

Mädchen in einem Flüchtlingscamp.

KNA

Armutsfaktor Flucht

Flucht ist ein weiterer Armutsfaktor. Je länger sie andauert, desto wahrscheinlicher wird es, dass Kinder arbeiten müssen. So hat die Kinderarbeit in den Staaten entlang der Flüchtlingsrouten nach Europa entgegen dem globalen Trend nachweislich zugenommen. Nach einer Untersuchung des Kinderhilfswerks UNICEF von 2016 arbeitet die Hälfte der befragten Flüchtlingskinder mindestens sieben Stunden am Tag. Ein Drittel schuftet an allen sieben Wochentagen. Viele dieser Kinder sind erst fünf oder sechs Jahre alt.

Das Wissen, dass Kinderarbeit immer in einer Gemengelage aus kulturell-sozialen und strukturell-wirtschaftlichen Faktoren entsteht, hilft, sie zu bekämpfen und im besten Fall ihre Entstehung zu verhindern. Dabei gibt es nicht das eine Rezept zur Prävention oder Abschaffung von Kinderarbeit. Kindern, die etwa in der Folge eines Krieges gefährdet oder von Kinderarbeit betroffen sind, muss anders geholfen werden als solchen, deren Eltern und Großeltern bereits ihr Leben in Schuldknechtschaft gefristet haben. Nötig ist ein Bündel aus Maßnahmen seitens staatlicher und nichtstaatlicher Akteure, das gezielt auf die jeweilige Situation der betroffenen Kinder angepasst ist.

© Verena Roth, Redakteurin Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘

Xertifix – Natursteine ohne Kinderarbeit

Xertifix e. V. wurde 2005 von dem Misereor-Kinderrechtsexperten Benjamin Pütter gegründet. Der Verein vergibt ein Siegel für indische Natursteine, die garantiert ohne Kinder- und Sklavenarbeit hergestellt sind. Mehr über Xertifix erfahren Sie hier:

Xertifix: Natursteine ohne Kinderarbeit

Organisationen und Initiativen

Eine Übersicht über weitere Organisationen und Initiativen, die sich im Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit engagieren, können Sie auf der folgenden Seite einsehen:

Organisationen und Initiativen

Gesundheit für Kinder in Entwicklungsländern

Kinder, die unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in Steinbrüchen oder Bergwerken arbeiten müssen, tragen hohe gesundheitliche Schäden davon. Ihre nicht voll entwickelten Körper leiden besonders unter Belastungen wie Chemikalien, Lärm, schweren Lasten und zu langen Arbeitszeiten.

Auf einem rund 70-seitigen Dossier widmet sich das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ dem Thema Kindergesundheit. Beiträge von Fachleuten und Projektpartnern, Zahlen, Fakten und Projektbeispiele gewähren einen tieferen Einblick in das Schwerpunktthema der diesjährigen Sternsinger-Aktion: Kindergesundheit in Entwicklungsländern:

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