Juan Diego Cuauhtlatoatzin

  • © Bild: KNA
  • Mexiko

Als erster Ureinwohner Lateinamerikas wird Juan Diego Cuauhtlatoatzin („Sprechender Adler“) von der katholischen Kirche als Heiliger verehrt. Über das Leben des Mannes, dem nach der Überlieferung im Dezember 1531 vier Mal die Jungfrau Maria erschien, ist wenig bekannt. Daher wird seine Existenz von manchen Historikern angezweifelt. Nach den jüngsten Untersuchungen von Dokumenten aus dem 16. Jahrhundert – darunter eine Art Todesakte – durch eine vatikanische Historiker-Kommission gilt jedoch die Historizität Juan Diegos als erwiesen.

Juan Diego wurde 1474 als Mitglied des Volkes der Chichimeken geboren und erlebte als 45-Jähriger die beginnende Eroberung des Aztekenreiches durch die Spanier (1519-1521). Er war einer der wenigen Ureinwohner, bei denen die Mission der spanischen Franziskaner rasch Wirkung zeigte. 1524, drei Jahre nach dem Ende der blutigen Conquista, wurde er auf den spanischen Namen Juan Diego getauft. Am 9. Dezember 1531 hatte er auf dem Hügel Tepeyac nahe der heutigen Stadt Mexiko eine Marienerscheinung, über die Quellen aus dem 16. und 17. Jahrhundert berichten. Die Jungfrau Maria habe ihn in seiner Sprache angesprochen und sich ihm als die Muttergottes offenbart. Sie forderte ihn auf, dort eine Kirche zu bauen. An gleicher Stelle war bis zur Conquista die Göttin Tonantzin Cihuacoatl („Unsere liebe Mutter-Frau Schlange“) verehrt worden.

Rund 20 Millionen Menschen besuchen jährlich ein Wallfahrtsheiligtum in einem Außenbezirk von Mexiko-Stadt. Die Entstehung des dortigen Gnadenbildes ist trotz zahlreicher Untersuchungen bis heute unerklärlich.


Artikel lesen

Juan Diego trug die Botschaft dem Bischof Juan de Zumarraga vor, konnte sich aber zunächst nicht mit seiner Geschichte durchsetzen. Erst nach weiteren Erscheinungen und mehreren Wundern glaubte der Spanier dem Indio. Entscheidend war das wundersame Auftauchen eines Marienbildes auf dem Umhang Juan Diegos; es wurde später zum Mittelpunkt der Verehrung. Der Bischof ließ eine Kapelle auf dem Erscheinungshügel bauen. In Anlehnung an den gleichnamigen spanischen Wallfahrtort wurde die hier verehrte Muttergottes als „Virgen de Guadalupe“ bezeichnet.

Die bald einsetzende volkstümliche Begeisterung für das Marienbild wurde von der Kirchenhierarchie misstrauisch beobachtet. Sie entwickelte sich jedoch bald zum entscheidenden Faktor für die Verwurzelung des katholischen Glaubens in Mexiko und gilt heute als gelungenstes Beispiel für die „Inkulturation“ der christlichen Botschaft in eine neue Umwelt. Aus der kleinen Kapelle wurde nach dem Tod Juan Diegos (um 1548) ein bedeutender Marienwallfahrtsort.

Heute ist das mexikanische Guadalupe die meistbesuchte marianische Pilgerstätte der Erde; bis zu 20 Millionen Menschen kommen jährlich dorthin.

© KNA

Dossier

 

In diesem Dossier werden die Glaubens- und Lebenswelt ausgewählter indigener Völker vorgestellt.


Artikel lesen