Brücken bauen zwischen Christen und Juden

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  • Interreligiöser Dialog

Juden erlebten im „christlichen Abendland“ gute und schlimme Zeiten. Nach der Katastrophe der Schoa leitete das Konzil die radikale Wende der christlich-jüdischen Beziehungen ein. Es verurteilte die fast 2000-jährige unchristliche Judenfeindschaft der Kirche und erkannte in den Juden „unsere älteren Geschwister“.

Geschichte der christlich-jüdischen Begegnung

Im Römischen Reich galt das Judentum als „erlaubte Religion“, eine Duldung, woran sich auch durch die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im 4. Jh. nichts änderte. Über Jahrhunderte gab es gute Zeiten für die Juden, etwa vor ihrer Vertreibung aus Spanien oder ihrer Ausweisung aus den deutschen Städten – beides im 15. Jh. Doch selbst in friedlichen Perioden waren die Juden Außenseiter, nie Teil der Mehrheitsgesellschaft. Sie waren zwar geduldet und nützlich, aber nie geachtet wie etwa die antiken Dichter und Denker.

Schlimme Zeiten waren die häufigen blutigen Exzesse. Den „gottlosen“ Juden traute man alles zu: Brunnenvergiftung, Hostienschändung, Ritualmorde. Im Unterschied zum kämpferischen Islam waren die Juden nie eine militärische Bedrohung, sondern ein theologisches Ärgernis, weil sie sich konsequent weigerten, die doch offensichtliche Wahrheit des Christentums anzuerkennen. Deshalb habe Gott sie verworfen und statt ihrer die Kirche erwählt. Das zeigen die Portale gotischer Kathedralen: auf der einen Seite die siegreiche, von Gott erwählte Kirche, auf der anderen die besiegte, von Gott verworfene Synagoge.

Feierliche Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils am 11. Oktober1962 in der Peterskirche, die als Konzilsaula diente. KNA

Erst die Aufklärung brachte den Juden im 19. Jh. die hart erkämpfte bürgerliche Gleichstellung, die bald durch die Schoa ein jähes Ende fand. Die (un-)christliche Judenverachtung hatte die Abwehrkräfte der Kirche gegen die Judenvernichtung der Nazis wesentlich geschwächt.

Die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den Juden Nosta aetate Nr. 4 ist das kürzeste und mutigste Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils . Sie war auch die am meisten umstrittene Erklärung, die am Ende aber fast einstimmig verabschiedet wurde. In ihr heißt es: Das jüdische Volk darf nicht des Gottesmordes bezichtigt – es darf nicht als von Gott verworfen und verflucht dargestellt werden – Antisemitismus ist in jedem Fall verwerflich.

Mehr als alle anderen Päpste zusammen hat Johannes Paul II. durch klare Worte und deutliche Zeichen das Verhältnis der Kirche zu den Juden verbessert: durch das öffentliche Schuldbekenntnis zu Beginn des 3. Jahrtausends im Petersdom, seine Israelreise mit dem Gebet an der Klagemauer und die Prägung der theologischen Formel vom „nie gekündigten Alten Bund“. Franziskus, der eine lange Freundschaft mit Juden pflegt, setzt diese Linie entschieden fort.

„Das jüdische Volk darf nicht des Gottesmordes bezichtigt – es darf nicht als von Gott verworfen und verflucht dargestellt werden – Antisemitismus ist in jedem Fall verwerflich.“

Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim ZdK

Der Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist weltweit das einzige Gremium, in dem Juden und Katholiken seit Jahrzehnten in kontinuierlichem Austausch stehen und zu grundlegenden und aktuellen theologischen Themen gemeinsam Stellung nehmen. Ihm gehören zurzeit 15 jüdische und 17 katholische Mitglieder an.

Die ursprüngliche Zielsetzung der Mitgestaltung von Katholikentagen wurde inzwischen um andere Aufgaben erweitert:

  • Darstellung von Juden und Judentum in Verkündigung, Unterricht und Bildung
  • Erklärungen zur theologischen Grundlegung des Dialogs und zu aktuellen Kontroversen, etwa zur neuen Karfreitagsfürbitte des Papstes (2008)
  • Pflege internationaler Beziehungen durch Reisen mit dem Präsidium – nächstes Projekt: Jerusalemreise
  • Klausurtagungen zur Grundlagenreflexion – 2011 zur Bioethik

Initiativen und Aspekte heutiger jüdisch-christlicher Begegnung

Außer den offiziellen Erklärungen auf allen kirchlichen Ebenen, die inzwischen drei Bände füllen, sind in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als 80 regionale „Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ mit mehr als 20.000 Mitgliedern entstanden. Sie sind zusammengeschlossen im Deutschen KoordinierungsRat (DKR) , dem größten Mitglied im Internationalen Rat der Christen und Juden (ICCJ).

Hanspeter Heinz leitet seit 1974 den Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim ZdK. privat

Im Wissen um die historische Schuld und die bleibende Verantwortung angesichts der im deutschen Namen betriebenen Vernichtung jüdischen Lebens in Europa setzen sie sich aus biblischer Tradition ein für die Verwirklichung der Rechte aller Menschen auf Leben und Freiheit ohne Unterschied des Glaubens, der Herkunft und des Geschlechts.

Im Laufe der Geschichte standen ähnlich wie in unserem Gesprächskreis zeitweise erzieherische, dann wieder theologische oder politische Fragen im Vordergrund der Arbeit. Mit Erfolg traten die Gesellschaften ein für eine Revision des christlichen Religionsunterrichts und die Überwindung von Judenfeindschaft in Theologie, Kirche und Gesellschaft – wie jüngst zu der heftigen Beschneidungsdebatte und den gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden, Muslime und ihre Einrichtungen während des Gaza-Krieges.

Der Dialog zwischen Juden und Christen verlangt in Zukunft noch mehr nach dem gesellschaftlichen Engagement: für die durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion äußerst geforderten jüdischen Gemeinden oder für die brennenden Probleme der Sozial- und Bioethik.

 

Von Hanspeter Heinz

 

Stand: November 2014

Zum Autor

Hanspeter Heinz ist pensionierten Professor für Pastoraltheologie an der Universität Augsburg. Im Zentralkomitee der deutschen Katholiken leitet er seit 1974 den Gesprächskreis „Juden und Christen“.

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