Hunger: die unsichtbaren Ursachen

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  • Hunger und Armut

Sichtbarkeit von Armut und Hunger – das sind mediale Bilder von den Schauplätzen der Kriege und Naturkatastrophen, die schnell unsere Aufmerksamkeit erregen. Unsichtbar bleiben meist die komplexen und strukturellen Ursachen, die Menschen verwundbar machen und die zu dauerhafter absoluter Armut führen.

Obdachlose Frauen warten im Badbado Flüchtlingscamp in der somalischen Hauptstadt Mogadishu darauf, dass Nahrungsmittel verteilt werden. KNA

Wenn wir an Armut und Hunger denken, fallen uns zunächst Bilder ein, die uns in den Medien begegnen. Es sind Bilder von armen, hungernden und verzweifelten Menschen, die im Normalfall weit weg von Deutschland aufgenommen wurden. Meist sind auf diesen Bildern im Fernsehen oder in den Zeitungen viele ausgemergelte Menschen zu sehen, und meist sind es bestimmte Ereignisse, die diese Bilder hervorbringen.

Zum einen tauchen sie auf im Zusammenhang mit gewalttätigen Auseinandersetzungen und Krieg. Meist gehen Kriege mit Flucht und Vertreibung einher, so dass die Menschen sich nicht mehr selbst versorgen können und in überfüllten Flüchtlingslagern abhängig von externer Hilfe sind. Solche Bilder haben uns in den letzten Jahren vor allem aus Ostafrika erreicht. Zum anderen begegnen uns Bilder von Hunger, Not und Krankheit, wenn es zu Naturkatastrophen kommt. Bei großen Erdbeben, Überschwemmungen oder Dürren gehen Ernten verloren, die Versorgung bricht zusammen, und Menschen verlieren all ihr Hab und Gut. Hunger und Armut sind dann sichtbar für uns. Die Sichtbarkeit durch Bilder ruft unser Mitgefühl hervor – wir spenden und beten für die Menschen in Not.

Die unsichtbare Seite von Hunger und Armut

Hinter diesen Bildern steht jedoch auch eine andere Seite von Armut und Hunger. Die meisten Menschen, die an Hunger oder Mangelernährung leiden – man spricht von etwa einer Milliarde, die dauerhaft betroffen ist – bleiben unsichtbar für uns. Aber auch die Ursachen, die Menschen verwundbar machen und dazu führen, dass sie im Katastrophenfall hungern, bleiben meist im Dunkeln. Nicht nur Kriege oder Naturereignisse, sondern auch ein Krankheitsfall in der Familie oder der plötzliche Preisverfall oder Preisanstieg eines Agrarproduktes können solche menschlichen Katastrophen auslösen.

Landlose wie dieser Mann in Indien sind gezwungen, unter höchst prekären Bedingungen und für niedrige Löhne auf den Feldern Anderer zu arbeiten. P. Mollinga

Die tieferliegenden Strukturen erkennen und verändern

Dafür verantwortlich sind tieferliegende Strukturen, die den sicheren Zugang zu Nahrung verhindern. Denn pro Erdenbürger steht heute fast ein Drittel mehr Nahrungsmittel zur Verfügung als 1960 und die landwirtschaftliche Produktion wächst immer noch schneller als die Weltbevölkerung. Zentral ist daher die Frage, wer an diesen Ertragssteigerungen teil hat und davon profitieren kann. Die meisten der von Armut und Hunger Betroffenen sind paradoxerweise selbst Bauern, jedoch bewirtschaften sie Flächen von unter zwei Hektar. Sie sind deshalb so arm und verwundbar, weil sie weder selbst ausreichend Nahrungsmittel produzieren, noch genügend andere Einkommensquellen haben, um die fehlende Nahrung zuzukaufen. Viele miteinander verwobene Problemkomplexe bedingen diese Situation. Beispielsweise haben in den letzten Jahren immer mehr Menschen ihr Land gänzlich verloren, auch durch den Kauf oder die langfristige Pacht von Agrarflächen durch internationale Investoren („land grabbing“). Die stark mechanisierte und von einigen Großgrundbesitzern betriebene Landwirtschaft bietet ihnen in den allermeisten Fällen keine existenzsichernden Erwerbsmöglichkeiten, ihre Interessen finden kein Gehör.

Im Zeitalter von YouTube, Facebook, Twitter und Co. ist es schwierig, Aufmerksamkeit für die komplexen und "unsichtbaren" Ursachen von Armut und Hunger zu erregen. Um jedoch das Problem nachhaltig zu lösen, führt kein Weg daran vorbei, diese tieferliegenden Strukturen zu erkennen – und sie zu verändern.

Stand: September 2012

© Nadine Reis, Institut für Gesellschaftspolitik, Hochschule für Philosophie München

Welthungerbericht 2017

Laut des aktuellen Welthungerberichts der UN hungern weltweit 815 Millionen Menschen. Weitere aktuelle Zahlen und Statistiken finden Sie auf der Webseite der Welternährungsorganisation FAO:

www.fao.org

Die Welt ohne Hunger?

Bis zum Jahr 2030, also binnen einer Generation, soll der Hunger besiegt sein. Das ist das erklärte Ziel der Vereinten Nationen. Dieses Ziel wird aber nur Wirklichkeit werden, wenn kleinbäuerliche Produktionssysteme massiv gestärkt werden und ein grundlegender Wandel der Agrar- und Ernährungspolitik weltweit eintritt. Dafür setzt sich Misereor gemeinsam mit seinen Partnerorganisationen ein.

www.misereor.de