Im legendären Fußballtempel von Rio de Janeiro

  • Adveniat-Blog - 09.04.2014

Es gibt ein paar Träume, die möchte man gerne einmal in der Realität erlebt haben. Manche davon erfüllen sich natürlich nie, andere gehen auf einmal in Erfüllung. Und so sitze ich nun im Maracana-Stadion, diesem legendären Fußballtempel in Rio de Janeiro, wo am 13. Juli auch das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden wird.

Mein Platz ist im Bloco 123, mithin in jener Kurve also, die hier und heute von den rot-schwarz gekleideten Fans des Vereins Flamengo beherrscht wird. Sie trommeln und singen, einige tanzen. Manchmal wird es richtig laut. Ich verstehe die Sprache nicht, ahne aber doch, dass es jetzt auch um ein paar handfeste Schmähungen geht, die den anderen gelten, die auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions sitzen. Es sind die schwarz-weiß gekleideten Fans von Vasco da Gama.

An dieser Stelle weiß der Fußballinsider, dass hier gleich ein heißes Derby abgehen wird. Flamengo, das seine Anhänger überwiegend in den armen Vierteln hat, trifft im Finalhinspiel der Stadtmeisterschaft von Rio de Janeiro auf Vasco da Gama, das vorwiegend von portugiesischstämmigen Menschen unterstützt wird. Früher war das Maracana-Stadion stets proppevoll, wenn die Campeonato Carioca, die Stadtmeisterschaft von Rio also, ausgetragen wurde.

Im Maracana-Stadion beim großem Derby Flamengo gegen Vasco da Gama Kronenburg/Adveniat

Saftige Eintrittspreise

Doch heute sind nur gut 26.000 Zuschauer hierher gekommen, was vor allem daran liegt, dass sich viele die saftig erhöhten Eintrittspreise nicht mehr leisten können. Im Jahr 1950, als das Maracana-Stadion erstmals fertiggestellt war, passten 200.000 Menschen hinein. So viele und vielleicht sogar noch ein paar mehr erlebten hier am 16. Juli 1950 auch die WM-Niederlage Brasiliens gegen Uruguay. Das 1: 2 war damals eine nationale Katastrophe.

Die Brasilianer trugen nie wieder ihre weißen Trikots und fortan Gelb und Blau. In diesen Farben sind jetzt hier auch die Sitzschalen für 73.531 Zuschauer gefasst. Das Maracana-Stadion wurde inzwischen mehrfach umgebaut und zur kommenden WM noch einmal für 316 Millionen Euro piekfein hergerichtet.

Unten auf dem Rasen köpft Rodrigo gerade das 1:0 für Vasco. Eine korpulente Frau direkt vor mir springt auf und steckt wild fuchtelnd und fluchend zwei Stinkefinger in die Luft. Hunderte Flamengo-Fans beiderlei Geschlechts tun es ihr gleich. Nur zwei alte Farbige bleiben ganz stoisch sitzen. Haben sie hier vielleicht schon den Jahrhundertsturm mit Garrincha, Didi, Vava und Pelé gesehenen?

Aufgereizte Stimmung

Die Zeiten, als Zico und Ronaldinho für Flamengo und Romario und Bebeto für Vasco da Gama wirbelten, sind jedenfalls auch schon lange vorbei. Die besten brasilianischen Fußballspieler verdienen ihr Geld seit Jahren im Ausland. Dadurch sinkt das Niveau bei den heimischen Topvereinen. Wie zum Beweis liefern sich Flamengo und Vasco eine verbissene Keilerei ohne jeden spielerischen Glanz. Der Schiedsrichter verteilt acht gelbe und eine rote Karte. Was die Stimmung auf den Rängen anheizt. Ein Rastamannn schlägt neben mir jedes Mal wie besessen auf einen leeren Zuschauersitz. Auch die Stinkefinger haben Konjunktur.

Das Trommeln hört nie auf. Paulinho schafft in der Mitte der zweiten Halbzeit mit einem sehenswerten Weitschuss den Ausgleich für Flamengo. Danach passiert außer Rudelbildungen auf dem grünen Rasen nicht mehr viel. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte ziehen auf. Das Spiel ist aus. Über dem Maracana-Stadion kreist ein Hubschrauber. Er macht keine zivile Werbung. Ich fühle mich, als sei mein Traum aus. Und als sei ich in der Realität angekommen.

Von Hubertus Gärtner

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