Foul gegen das Favela-Volk

  • Adveniat-Blog - 09.04.2014

65 Jahre ist sie alt, 54 davon hat sie in Buraco Quente verbracht. Jetzt muss Terezinha Sousa weg. Als letzte Bewohnerin der Favela, denn die war der Einspurbahn im Weg, die demnächst das Morumbi-Stadion mit dem Rest der Mega-Metropole São Paulo verbinden soll.

Jetzt wird das Stadion des FC São Paulo zwar doch keine WM-Spielstätte, wie ursprünglich geplant, aber die Bahn kommt trotzdem und alle ehemaligen Nachbarn sind längst an den äußersten Stadtrand verschwunden. „Die letzten werden die ersten sein“, sagt die alte Dame und lächelt tapfer. Dann rollen ihr doch die Tränen übers Gesicht. Ihre fünf Kinder sind in diesen Wänden groß geworden, sie hat hier die wichtigsten Momente erlebt. Wenn bald die Bulldozer alles niederreißen, werden sie auch Terezinhas Erinnerungen in Schutt und Asche legen.

84.000 Reais hat die Regierung ihr als Entschädigung versprochen. Ob sie das Geld jemals ausgezahlt bekommt, bezweifelt sie. Aber selbst wenn, wäre es empörend wenig, sagt Terezinha. Damit könnte sie sich keine würdige neue Bleibe finanzieren. Jahrzehntelang war sie hier einfach Tete von nebenan – was soll jetzt aus ihr werden? Auf jeden Fall wird sie im Fußball-Traumland Brasilien eines von Tausenden „Fußballopfern“ sein.

Jeder würde verstehen, wenn die kleine Frau mit den tiefen Furchen auf der Stirn stinksauer wäre. Wenn sie der Fußball-WM die rote Karte zeigen, Spieler und Spiele einfach ignorieren würde. Aber so tickt Terezinha nicht. Sie wird, so sagt sie, der Selecao trotz allem die Daumen drücken.

Von Hilde Regeniter

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