Eisbrecher

  • Adveniat-Blog - 08.04.2014

Der Deutsche schluckt. Kurz bricht seine Stimme. Er muss sich sammeln. 75 Jahre ist Johannes Niggemeier und seit knapp 30 Jahren in Brasilien. Der Theologe aus dem Erzbistum Paderborn hat das Projekt AVICRES aufgebaut. Die portugiesische Abkürzung heißt „Gemeinschaft für das Leben, damit es wachse in Solidarität“. Erstaunlich, dass so jemand immer noch bewegt ist durch die Schicksale einzelner Mädchen, die von der Straße kommen. Geschlagen von den Eltern, vergewaltigt vom Stiefvater, losgeschickt zum Klauen, damit Geld da ist für Drogen.

Wir fragen Johannes Niggemeier, wie es ihm gelingt, die Kinder, die manchmal völlig verwahrlost ankommen, als Menschen zu sehen – Menschen mit eigener Würde, die gebrochen wurde von Erwachsenen. Einige Augenblicke vorher sind wir zusammen mit dem 75-Jährigen im Waisenhaus von AVICRES angekommen. Mehrere Mädchen nehmen Niggemeier in den Arm, drücken ihn lange und fest.

Die Szene mag ihm durch den Kopf gehen, als er um Worte ringt: Wie schafft er es, immer wieder eines der Mädchen aufzunehmen – anzunehmen? „Wie es gerade passiert ist. Dass ich ihr trotzdem zeige, dass ich sie lieb hab. Das gelingt dann mal. Oder immer wieder aushalten – auch aushalten, wenn du abgelehnt wirst. Ist doch klar, dass sie Widerstand leisten.“

Schnell hat er sich wieder gefangen, spricht nicht von sich, sondern von den jungen deutschen Praktikanten, die für ein Jahr im Waisenhaus von AVICRES mitarbeiten: „Für unsere Praktikanten ist es anfangs schwer, einfach nur bei den Kindern zu sein. Dann kommt manchmal: Die wollen mich ja gar nicht.“ Aber wenn das Eis mal gebrochen ist, fassen die Mädchen schnell Vertrauen. Ein neuer Alltag beginnt.

Von Burkhard Schäfers

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