Brasilien – Weltmeister der sozialen Unterschiede

  • Adveniat-Blog - 14.04.2014

Wer in einer Woche etwa 20.000 Kilometer zurücklegt und dabei in den vier brasilianischen Millionenmetropolen Rio de Janeiro, Sao Paulo, Recife und Fortaleza Station macht, der muss am Ende wohl zwangsläufig ein wenig müde und erschöpft sein. So geht es nun auch mir, der ich in den vergangenen Tagen im Land des WM-Gastgebers unterwegs gewesen bin. Veranstalter der Pressereise war die katholische Hilfsorganisation Adveniat. Ihr Anliegen ist es, gerade vor dem Beginn der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft den Blick nicht nur auf Sport und Glamour, sondern auch auf die sozialen Probleme zu lenken, von denen es in Lateinamerika leider immer noch viel zu viele gibt.

Touristen, die in den Nobelvierteln der genannten Millionenstädte residieren und an den feinen Stränden von Rio spazieren gehen, ahnen oft überhaupt nichts von dem Elend, das schon ein paar Kilometer weiter beginnt. Ich durfte nun ein wenig hinter die Kulissen blicken und bin dankbar dafür. Brasilien kannte ich bislang nur aus der Literatur, den Nachrichten und den Tageszeitungen. Es wäre vermessen, zu glauben, dass man dieses gewaltige Land binnen weniger Tage vollständig erfassen könnte. Aber ich habe zumindest begriffen, dass es hier aus den unterschiedlichsten Gründen gewaltige soziale Unterschiede gibt. Die Mängel im Bildungs- und Gesundheitswesen und die Not und Armut weiter Bevölkerungsschichten sind überall zu spüren.

Extreme Kontraste kennzeichneten auch unsere Reise. Besuchten wir am Freitag in Fortaleza noch ein Heim für Kinder, die sexuelle Gewalt in ihren Familien oder auf der Straße erlitten haben, so konnten wir am Samstag das neue WM-Stadion berichtigen, das für umgerechnet 192 Millionen Euro umgebaut worden ist. Die deutsche Nationalmannschaft wird hier am 21. Juni gegen Ghana spielen. Die gut 64.000 Plätze für die Begegnung seien ausverkauft, 16.000 deutsche Fans würden erwartet, sagt Pressesprecher Ciro Camara. Wir durften den Rasen der neuen Arena und sogar die Umkleidekabine betreten. Wir durften uns auch in die noch leeren Entmüdungsbecken setzen.

Mein allgemeines Lebensgefühl hat das zwar nicht schlagartig verändert, aber zu Hause kann ich während der WM-Übertragungen nun vielleicht ein bisschen besser mitreden. Mein Kopf ist voll von Eindrücken. Schöne und traurige Bilder wechseln sich unentwegt ab. Vor meinem geistigen Auge tauchen immer wieder die kleinen Jungen auf, die in der Favela “Morro dos Prazeres” Fallrückzieher und andere Kunststücke auf einer Betonfläche üben. Ihr Spielgerät ist ein Lederball, der den Namen nicht mehr verdient. Er läuft nicht rund und besteht eigentlich nur noch aus Fetzen.

Jeder aus unserer Gruppe hatte ja kleine Geschenke mitgebracht. Nur einen neuen Lederfußball, den hatten wir alle vergessen. Sollte ich jemals wiederkommen, dann werde ich ihn aber mit Sicherheit im Gepäck haben.

Von Hubertus Gärtner

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