Workshop für den Frieden

  • Zentralafrikanische Republik

Seit dem Staatsstreich im März 2013 ist die Zentralafrikanische Republik gespalten. Damals stürzte die Rebellenarmee Seleka den Präsidenten François Bozize. Dieser ist wie mehr als die Hälfte der Einwohner Christ – ebenso wie die sogenannten Anti-Balaka Milizen, die sich inzwischen zur Gegenwehr gegen die Rebellen gebildet hat. Die Seleka-Gruppe und ihr Anführer Michel Djotodia sind fast ausschließlich Muslime. Trotzdem betonen die Glaubensführer des Landes mit Nachdruck, dass es sich nicht um einen Religionskonflikt handelt . Vielmehr steckten Machtinteressen und der Streit um Ressourcen hinter den Kämpfen.

Um für den Frieden zu werben und die Internationale Gemeinschaft um Unterstützung zu bitten, reisten die drei höchsten Religionsführer des krisengebeutelten Landes, der Erzbischof der zentralafrikanischen Hauptstadtdiözese Bangui, Dieudonné Nzapalainga, Imam Omar Kobine Layama und Pastor Nicolas Guerekoyame-Gbangou, Anfang des Jahres nach Deutschland. Als Antwort auf diese Friedensmission haben sich nun Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz , des Internationalen Katholischen Missionswerk Missio und der Erzdiözese Köln ihrerseits auf den Weg in die Zentralafrikanische Republik gemacht. Mit dabei ist auch Nadim K. Ammann, Referent im Bereich Weltkirche der Erzdiözese Köln. In seinen Reiseberichten spricht er über die Situation vor Ort und über die Hoffnung, dass endlich Frieden einkehrt.

Teil 5: Der Workshop

Wir hatten uns ja schon daran gewöhnt, abends ohne Licht ins Bett zu gehen und früh aufzuwachen. Der staatliche Strom wird gegen 18:00 abgeschaltet. Im Zentrum gibt es einen Generator, den die Schwestern bis um 21:00 Uhr betreiben. Dann ist Nachtruhe. Wenn man nicht beim Licht der Taschenlampe oder im Kerzenschein arbeiten möchte, bleibt einem nichts anderes übrig als früh ins Bett zu gehen. Auf der anderen Seite hört man nachts die Pfingstgemeinden bis 3:00 Uhr morgens singen. So oder so ist man also früh wach. Am Mittwoch wurden wir jedoch von einem Gewitter geweckt. Es donnerte und blitzte. Man meinte, der Blitz würde direkt neben einem einschlagen. Wassermassen kamen vom Himmel herunter. Der ganze Platz war überschwemmt, so dass man erfinderisch sein musste, um von einem Gebäude zum anderen zu gelangen.

Dabei sollte heute ab 8:00 Uhr unser Workshop stattfinden. Nur spärlich kamen die Teilnehmer an. Ich fürchtete, dass es insgesamt nur Wenige sein würden. Um 10:00 Uhr waren aber doch über 40 Teilnehmer eingetroffen. Der Saal war voll.

Jung und Alt, Männer und Frauen, Christen und Muslime nahmen am Workshop teil. Ammann

„Siriri – Friede“

Wir begannen unter der Moderation der Kollegen von APTE mit einer Vorstellungsrunde. Dabei stellte jeder sich selbst und seine Arbeitsstelle vor. Viele nutzten die Gelegenheit, um deutlich zu machen, dass sie Frieden in ihrem Land wünschen und mit ihrem Netzwerk einen Beitrag dazu leisten wollen.

Im Anschluss an die Vorstellungsrunde bat Alexi Rusine die Teilnehmerin Clarisse, ein Lied zu singen. Es war ergreifend, als sie ein Friedenslied anstimmte und alle – Jung und Alt, Männer und Frauen, Christen und Muslime –gemeinsam mit dem Erzbischof das Lied sangen: „Siriri – Friede“.

Aktivitäten und Perspektiven

Nach einer kurzen Pause ging es mit der Vorstellung der Aktivitäten weiter. Vertreten waren die Kommission Justitia et Pax, Muslimische Jugend, Gläubige Frauen, das Netzwerk der NGOs für die Menschenrechte, die Diözesen Bossangoa, Bouar und Berberati, das Netzwerk „Glaube – Kultur – Erziehung“, die Evangelikale Allianz in Zentralafrika, Medien, Dynamik Frieden und Entwicklung. Sieben Absolventen verschiedener Friedensuniversitäten (UPAs) waren anwesend, die zu den genannten Gruppierungen gehören.

Viele der teilnehmenden Gruppierungen nutzen das Radio für ihre Programme, um Werbung zu machen und um für ihre Themen zu sensibilisieren. Einige arbeiten eng mit der Interreligiösen Plattform zusammen. Andere haben Kontakte zur Seleka und den Anti-Balaka. Einige sind in den Flüchtlingscamps aktiv, zum Beispiel die Gläubigen Frauen, die den muslimischen Frauen dort Unterstützung leisten. Auch auf akademischer Ebene gibt es Aktivitäten, wie beispielsweise die Seminare und Kolloquien der Menschenrechtsgruppen und des Kulturnetzwerks.

Im nächsten Schritt wurden in gemischten Gruppen die Perspektiven der Friedensarbeit ausgelotet. Dabei kamen die Themen „Sicherheit wieder herstellen“, „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ und „Frieden“ zur Sprache. Um diese Ziele zu erreichen seien Ausbildungsmaßnahmen notwendig – und zwar auf allen Ebenen: sowohl auf der Führungsebene als auch in den Dörfern. Auch sei eine bessere Zusammenarbeit zwischen den lokalen und den internationalen NGOs notwendig.

Teil 6: Bei den Salesianern und im Großen Seminar

Am letzten Tag unserer Reise in die Zentralafrikanische Republik konnten wir noch einige Einrichtungen besuchen. So fuhren wir beispielsweise zu den Salesianern. Im Konvent angekommen wurden wir von P. Léon empfangen, der aus Congo-Brazzaville stammt. In der Kommunität leben vier Salesianer. Der Salesianer-Pater berichtete, dass die Mission am 24. März 2013 von der Seleka überfallen wurde. Alle Fahrzeuge, PCs und Geld wurden damals entwendet.

Als die Anti-Balaka-Milizen am 5. Dezember 2013 in Bangui ihr Unwesen trieben, flohen viele Familien zu den Salesianern. 60.000 Menschen lebten damals auf 8 Hektar. Auch im Konvent wurden Leute untergebracht. Mit Hilfe der Salesianer aus Bonn und der USA konnte diesen Menschen geholfen werden. Nach zwei Wochen kamen Unicef, Ärzte ohne Grenzen und andere Hilfsorganisationen, um sich um die Kinder und Kranken zu kümmern. Eine Wasserversorgung und Latrinen wurden eingerichtet. Dem Danish Refugee Council (DRC) obliegt derzeit die Verwaltung des Camps. Das Programme Alimentaire Mondial (PAM) stellt Nahrungsmittel, die von der Organisation „Copy“ verteilt werden. Momentan befinden sich noch 2.000 Flüchtlinge auf dem Gelände. Sie leben unter großen Zelten, in denen notdürftig Abtrennungen und Moskitonetze angebracht sind. Privatsphäre gibt es nicht. Die Gewalt ist alltäglich. Nach 19:00 Uhr gehen die Patres nicht mehr raus. Schlägereien und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Das Sozialgefüge ist massiv gestört. Streitende werden nicht getrennt, Vergewaltigungen nicht verhindert. Die Flüchtlinge können noch nicht zurück, weil ihre Häuser zerstört sind oder die Sicherheit nicht gewährleistet ist. Viele waren Mieter und haben jetzt kein Geld mehr, um ihr Zuhause zu bezahlen.

Die Situation der Flüchtlinge im Camp ist erbärmlich. Ammann

Fehlende Gelder für die Schulen

Einige Anti-Balaka-Milizen haben darum gebeten, in die technische Schule aufgenommen zu werden. Aufgrund der großen Zahl der Flüchtlinge funktioniert diese momentan nicht richtig. Dabei wäre die Schule eine gute Möglichkeit, die jungen Menschen von der Straße zu holen. Einige der Anti-Balaka waren früher Schüler von Don Bosco und wollen zurück, andere melden sich neu. Bedingung zur Aufnahme ist jedoch die Abgabe der Waffen.

Aktuell fehlt es jedoch an Geldern, um die Schulen weiter zu betreiben. Unicef hat das Programm vor einer Woche beendet. Man hofft nun, dass die UN-Mission „MINUSCA“ helfen wird.

Im Flüchtlingscamp

Während wir das Camp besichtigten traf ein LKW mit Nahrungsmitteln ein. Das war eine große Freude für die Leute. Kinder rannten hinter dem Laster her. Die Situation der Flüchtlinge ist erbärmlich. Nach dem gestrigen Regen steht das Wasser zwischen den Zelten. Trotzdem wird in und vor diesen gekocht. Man lebt sehr eng zusammen. Die Kinder begrüßten uns mit Jubel und hingen in Trauben an uns. Im Camp gibt es auch Kleinhandel. Frauen verkauften Gebäck, Gemüse und Haushaltswaren.

Man kann nur hoffen, dass bald eine Lösung für diese Situation gefunden wird. Lange können die Flüchtlinge nicht mehr auf dem Gelände bleiben. Man muss auf jeden Fall eine permanente Installation verhindern.

Das Große Seminar

Nach einer kurzen Pause im Zentrum fuhr ich mit Abbé Frédéric von der Kommission Justitia et Pax nach Bimbo zum Großen Seminar. Da der Rektor, P. Edouard, krank war, wurde ich von P. Richard, dem Spiritual des Seminars, empfangen. Nachdem dieses im Jahr 2005 geschlossen worden war, bat man die Jesuiten und Dominikaner, sich um die Ausbildung der Seminaristen zu kümmern. Das Team wird von Dozenten der Universität unterstützt.

Derzeit ist ein Lehrbetrieb im Seminar allerdings nicht möglich. Am 5. Dezember 2013 flüchteten 15.000 Menschen dorthin. Wegen der großen Bibliothek und der Einrichtung selbst, hatten die Geistlichen die UN-Mission „MISCA“ gebeten, das Seminar zu schützen. So konnten es die Seleka-Rebellen nicht plündern. Der Eingang des Seminars wird nun von einem eigenen Selbsthilfekomitee bewacht. Alle Flüchtlinge, die dort Unterschlupf suchten, wurden auf Waffen durchsucht und registriert. Es gibt eine organisierte Lagerverwaltung. Das Camp selbst ist in Parzellen aufgeteilt, wovon jede einen Chef hat.

Durch diese Struktur wurde die Gewalt von Anfang an verhindert. Die Flüchtlinge leben auch in den Klassenräumen und Unterkünften der Seminaristen. Die Kapelle hat man wieder frei gegeben. Derzeit leben noch 8.000 Flüchtlinge dort.

Das Flüchtlingslager wurde in Parzellen mit jeweils eingem eigenen Oberhaupt aufgeteilt. So wird Gewalt innerhalb des Camps verhindert. Ammann

Der Betrieb des Seminars war nur dadurch möglich, dass man zu den Kongregationen in der Nähe umgezogen ist. Im kommenden Jahr soll der Unterricht wieder im Seminar selbst stattfinden. Dafür sollen die Flüchtlinge auf eine Seite des Seminars verlegt werden, so dass die Räumlichkeiten freigegeben werden.

Das Seminar hat derzeit 20 Seminaristen und 20 Seminaristen der Kongregationen, die jedoch in ihren Häusern wohnen. Aktuell gibt es drei Jahrgänge der Philosophie sowie das praktische Jahr. 2015 beginnt das erste Jahr Theologie.

Gespräch mit dem Kanzler von Bambari

Während des Gesprächs war der Kanzler von Bambari gekommen, der auch am Workshop teilgenommen hatte. Er berichtete, dass der Bischof von Bambari, Edouard Mathos, in Frankreich sei. Die Situation in seiner Diözese habe ihn mitgenommen. Am 7. Juli 2014 hätten die Seleka-Rebellen die 12.000 Flüchtlinge, die sich in der Kathedrale aufhielten, angegriffen. Alle seien daraufhin geflohen. Das Bischofshaus und die Kathedrale seien geplündert und drei Fahrzeuge angezündet worden. Die Seleka hätten dem Bischof angeboten, ihn im eigenen Lager zu schützen. Der Bischof habe dies verweigert und sei stattdessen im Bischofshaus geblieben. Deshalb sei er bis zum Schluss von der Seleka dort bewacht worden. Mittlerweile seien die Rebellen jedoch abgezogen.

Nach diesem interessanten Austausch besuchten wir das Sekretariat der Bischofskonferenz, der Caritas und weitere Kongregationen. Dabei legten wir einen kurzen Stopp bei den Kapuzinern ein, die ebenfalls Flüchtlinge untergebracht haben. Außerdem hielten wir bei den Franziskanern und wurden von P. Norman empfangen. Frère Raymond und P. Barnabe waren leider nicht da.

Die Franziskaner haben eine Gemeinschaft in Rafai in der Diözese Bangassou. Dort führen sie eine Pfarrei. Frère Raymond hat dort ein Jugendzentrum aufgebaut. Mit den dort ausgebildeten Jugendlichen wurde vor drei Jahren das Haus in Bimbo gebaut. Dieses ist sehr schön und sieht robust aus. Frère Raymond schwebt nun vor, ein solches Jugendzentrum auch in der Hauptstadt Bangui zu bauen, um Jugendlichen eine Ausbildung zu vermitteln. Dabei wird an eine ähnliche Struktur wie diejenige der Salesianer gedacht. Eine Absprache mit dem Bischof und den Salesianern scheint nötig zu sein.

Wir fuhren zurück zum Zentrum und nach einer kleinen Pause ging es dann zum Bischofshaus, wo uns der Erzbischof mit einem Abschiedsessen erwartete.

Fortsetzung folgt …

Von Nadim K. Ammann

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