Entwicklung heißt: Potenziale fördern

  • Entwicklungszusammenarbeit

Kirchliche Entwicklungsarbeit bedeutet, von den Menschen aus zu denken und zu handeln. Was selbstverständlich klingt, erweist sich als anspruchsvolles Programm, das nichts an Aktualität verloren, sondern noch an Bedeutung gewonnen hat. Kirchliche Entwicklungsarbeit muss einzig und allein dem Menschen in seiner (verletzten) Würde als Ebenbild Gottes verpflichtet sein und seine Potenziale (an)erkennen und fördern.

Die zielführenden Fragen kirchlicher Entwicklungsarbeit müssen also lauten: Wie können Menschen, die arm, entrechtet und unterdrückt sind, in ihrer Handlungsfähigkeit gestärkt werden? Wie lassen sie sich dabei unterstützen, die Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen, wie sich darin bestärken, solidarisch die Verantwortung für sich, andere und ihre Umwelt zu übernehmen? Definiert man Armut nicht nur als materiellen Mangel, sondern auch als Verlust von Handlungsfähigkeit, wird die Herausforderung einer Armutsbekämpfung deutlich, die sich Selbsthilfe und Erkennen der vorhandenen Ressourcen und Fähigkeiten als programmatische Orientierung auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Stützpfeiler für gelingende Entwicklung sind:

1. die lokalen materiellen Ressourcen (beispielsweise Böden, Wasser, Biodiversität) und nicht Betriebsmittel, die man von außen zukauft;

2. Erfahrungen, Wissen und Neugierde der Menschen und nicht das externe Expertenwissen;

3. die Bereitschaft der Betroffenen, Verantwortung zu übernehmen, die Solidarität und die Hilfe untereinander. In der Entwicklungszusammenarbeit ist also das sehr sensible Wahrnehmen dessen gefragt, was schon da ist, um es zu unterstützen, zu fördern.

Vor allem aber hilft LAYA den Adivasis, sich von der unzuverlässigen und teuren staatlichen Energieversorgung zu lösen: Durch Hilfe beim Bau kleiner Wasserkraftwerke und Biogasanlagen. Oder durch Solarlampen, die die Bewohner günstig erwerben können werden. Pohl/Misereor

Wer aber – egal ob staatlich oder nichtstaatlich – Hunger, Armut, Ungerechtigkeit primär als Folge nicht vorhandener Ressourcen definiert, tut genau das Gegenteil. Solche Projekte schaffen im Wesentlichen Geld, Experten, Wissen, Technik, Material von außen heran und meinen, je mehr man heranschafft, umso besser ist es. Selten gelingt es, mit einer solchen Strategie Grundlagen für eine eigenständige und nachhaltige Entwicklung zu legen. Entwicklung ist ein Prozess, der von außen nur angestoßen und begleitet, aber nicht stellvertretend durchgeführt werden kann. Entwicklung ist immer schon da.

Kohärenz der Armutsbekämpfung

Ein Automatismus, wonach mehr Ressourcen von außen gleich mehr Entwicklung bedeutet, besteht jedenfalls nicht. James Shikwati, der kenianische Kritiker westlicher Entwicklungshilfe, hat daher sicherlich recht, wenn er die zerstörenden Wirkungen einer Hilfe benennt, die Menschen zu Bettlern degradiert, unkoordinierte Konzepte von außen aufzwingt, die primär von eigenen Sicherheits-, Wirtschafts- oder politischen Interessen geleitet ist und auch der Korruption Vorschub leistet.

Als Konsequenz darf nicht gleich die Einstellung sämtlicher Zusammenarbeit gefordert werden. Zweifellos aber gilt es, ihre Formen und Inhalte, auch das Verständnis von Entwicklung selbst zu verändern: Es geht nicht um Unterordnung von Entwicklung unter Wirtschaftsförderung oder ihre Instrumentalisierung im Kontext von Sicherheitspolitik, sondern um Kohärenz unter dem Primat der Armutsbekämpfung. So muss verhindert werden, dass beispielsweise die Außenwirtschaftspolitik zerstört, was die Entwicklungspolitik gerade mühsam aufbaut. Die westafrikanische Milchbäuerin, die mit ihren Produkten verzweifelt gegen importiertes subventioniertes Milchpulver aus der EU kämpft, weiß genau, was damit gemeint ist.

Zugleich muss es ein zentrales Ziel von Entwicklungszusammenarbeit sein, Transparenz und Bürgerbeteiligung zu fördern, Korruption zu bekämpfen und „gute Regierungsführung“ als unverzichtbare Voraussetzungen für armenorientierte Entwicklung zu etablieren. Modellhafte Ansätze müssen verbunden sein mit der Befähigung der Menschen, sich in Veränderungsprozesse einzubringen, damit die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen deutlich zu ihren Gunsten verändert werden.

Selbstkritik statt Allmachtsanspruch

William Easterly, der frühere Weltbank-Ökonom, hat in seinem Buch "Wir retten die Welt zu Tode" die Bedeutung von "Suchern" gegenüber den "Planern" in der Entwicklungszusammenarbeit beschrieben. Nehmen wir seine Mahnung ernst, bedeutet das zweierlei: immer neugierig und aufmerksam gegenüber dem Neuen und Unerwarteten zu bleiben und zugleich demütig die begrenzte Reichweite der eigenen Pläne und Konzepte in ihrer Einwirkung auf eine komplexe und komplizierte Wirklichkeit im Bewusstsein halten. Dies verlangt, den selbstkritischen Blick auf das eigene Geschäft zu bewahren und gesunde Skepsis zu behalten. Es verlangt allerdings auch, Fehler und Niederlagen zugeben zu können und sich sowohl dem Allmachtsanspruch als auch dem Unfehlbarkeitsgebot zu entziehen. Die Gefahr, dabei zu resignieren, ist ständig gegeben.

Aber unsere Partner und wir schöpfen gerade aus den Grundlagen unseres Glaubens, etwas, was uns fundamental von anderen Akteuren im Entwicklungsgeschehen unterscheidet. Entwicklungszusammenarbeit braucht diese Hoffnung und Zuversicht, braucht Visionen und Utopien (weit über die Millenniums-Entwicklungsziele hinaus), die sich auch durch Rückschläge und Frustrationen in ihrem Vertrauen auf Veränderung nicht erschüttern lassen.

Stand: Juli 2010

Dieser Beitrag ist Auszug des Artikels „Der Mensch im Mittelpunkt“, der in der Herder Korrespondenz (7/2010) erschienen ist. Denn vollständigen Beitrag können Sie hier als PDF herunterladen.

© Martin Bröckelmann-Simon, Misereor

Die Kooperation zwischen Kirchen und Staat

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