Entwicklung – globaler Wandel als Gemeinschaftsaufgabe

  • Entwicklungszusammenarbeit

Die „wahre Entwicklung muss umfassend sein, sie muss jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben.“ Diese Position aus der Enzyklika „Populorum Progressio“ (hier: Nr. 14) gab bereits Mitte der 60er Jahre die Richtung für ein christliches Verständnis von Entwicklungszusammenarbeit vor. Und sie ist immer noch (oder gerade: wieder) in hohem Maße aktuell. Denn ein Großteil dessen, was seither weltweit vor allem als öffentliche „Entwicklungshilfe“ oder „Entwicklungskooperation“ geschehen ist, ist diesem Leitsatz nicht gefolgt.

Die Aufmerksamkeit galt nicht jedem Menschen, sondern den Menschen in „Entwicklungsländern“, und sie galt nicht dem ganzen Menschen, sondern in erster Linie dem „homo oeconomicus“ und damit der Steigerung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit „unterentwickelter Länder“.

Diese Fokussierung ist nachvollziehbar. Armut als Massenphänomen stellt Länder mit niedrigem Durchschnittseinkommen vor andere Herausforderungen als reiche Industrienationen. Es geht nicht nur um Verteilung, sondern auch darum, die Mittel, die nötig sind, um die Grundbedürfnisse und Grundrechte der eigenen Bevölkerung an Nahrung, Bildung, Gesundheit etc. befriedigen zu können, erst einmal zu erwirtschaften. Dennoch: Der einseitige Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern mit geringem Pro-Kopf-Einkommen hat zu blinden Flecken in der Wahrnehmung geführt, die sich zunehmend als Hindernisse auf dem Weg zu einer umfassenden und ganzheitlichen Entwicklung zeigen.

In dem ganzheitlichen Entwicklungsverständnis der christlichen Kirchen ist die Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens kein Selbstzweck, sondern es geht darum, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, seine Potenziale für die Gestaltung seines Lebens und für das gemeinsame Wohlergehen einzubringen. Es geht um ein Leben in Würde, Freiheit und Verantwortung. Entwicklungszusammenarbeit besteht dann in dem gemeinsamen Bemühen, die Hindernisse beiseite zu schaffen, die ein solches Leben zu ersticken drohen. Durch die eigene Arbeit die materiellen Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben legen zu können, spielt dabei eine ganz zentrale, aber nicht die einzige Rolle. Es geht auch um gerechte Verhältnisse zwischen Männern und Frauen, um den Schutz von Schwachen und Minderheiten, um Sicherheit und verantwortungsvolle Regierungsführung, um politische Beteiligung, um faire zwischenstaatliche Beziehungen und um ein verantwortliches Verhältnis zur Schöpfung, als deren Hüter und Bewahrer der Mensch nach christlichem Verständnis eingesetzt ist.

In wichtigen Bereichen wie Grundbildung, medizinischer Versorgung und Einkommenssteigerung sind in den vergangenen Jahrzehnten trotz einer stark wachsenden Bevölkerung gerade in armen Ländern viele Verbesserungen erreicht worden. Trotzdem ist aber das Ziel einer umfassenden, ganzheitlichen Entwicklung weiterhin zahlreichen, teilweise auch neuen Gefährdungen ausgesetzt. Ihnen wirksam zu begegnen, erfordert in vielen Bereichen eine kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen Praxis von Entwicklungszusammenarbeit.

Ein Caritas-Mitarbeiter berät Kleinbauern in Indien.

Misereor

Wirtschaft versus Würde

So hat der bereits erwähnte einseitige Schwerpunkt auf Wirtschaftsförderung häufig Fehlanreize gesetzt und bestehende Machtgefälle weiter vergrößert. Für wirtschaftliche Großprojekte wie Staudämme oder zur Rohstoffgewinnung werden immer wieder Menschen zwangsumgesiedelt und ihrer Existenzgrundlage und kulturellen Verwurzelung beraubt. Ganze Länder geraten durch Schuldenspiralen in Abhängigkeiten und Notlagen, unter denen wiederum vor allem die Ärmsten zu leiden haben. Und die von außen verordnete Integration in globale Märkte führt häufig dazu, dass Großkonzerne ihre Macht ausspielen können, während lokale Kleinproduzenten und Kleinhändler verdrängt werden. Die Folgen einer solchen wirtschaftlichen „Entwicklung“ sind für die betroffenen Menschen und für die Umwelt oft fatal und haben dazu beigetragen, dass das Ansehen von Entwicklungszusammenarbeit insgesamt vielerorts gelitten hat. Wirtschaftliche Aktivitäten und Institutionen wieder in eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung einzubinden – diese alte Forderung der katholischen Soziallehre gewinnt unter den gegenwärtigen Bedingungen eines immer komplexeren und schnelleren globalen Kapitalismus neue Dringlichkeit.

Umwelt versus Entwicklung

Lange Jahrzehnte stand das Ziel von „Entwicklung“ fraglos fest: Die „unterentwickelten“ Länder („der Süden“) sollten zu den „entwickelten“ („dem Norden“) aufschließen. Bis heute prägt dieses Verständnis einer „nachholenden Entwicklung“ maßgeblich unser Denken und Handeln. Doch inzwischen ist längst klar geworden, dass eine solche Entwicklung ihre eigenen Kinder frisst. Denn der hohe Lebensstandard der früh-industrialisierten Länder beruht zu erheblichen Anteilen nicht nur auf der Ausbeutung anderer Menschen, sondern auch auf der Ausbeutung von Natur und Umwelt. Die erschreckende Erkenntnis, dass die ökologischen Kreisläufe der Erde, die die Grundlage unseres bisherigen Lebens bilden, zusammenbrächen, wenn alle Menschen so leben würden wie beispielsweise wir in Deutschland, führt zu der Notwendigkeit, Entwicklung anders zu denken. Es reicht nicht mehr, den „armen Süden“ durch nachholende wirtschaftliche Entwicklung an den „reichen Norden“ heranzuführen. Aus einer ganzheitlichen Perspektive, die auch die Umwelt einschließt, gilt vielmehr: Nord und Süd haben gemeinsam ein Problem und eine Verantwortung.

Dossier

Kirchliche Entwicklungsarbeit bedeutet, von den Menschen aus zu denken und zu handeln. Dies gilt sowohl in der Zusammenarbeit mit den weltkirchlichen Partnern, als auch in der politischen und Bildungsarbeit in Deutschland.


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Diesem neuen Blick versuchen die nachhaltigen Entwicklungsziele der Agenda 2030 oder auch das Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung gegenüber dem Klimawandel gerecht zu werden. Nicht nur Armutsbekämpfung, sondern auch der Reichtum, genauer: die bestehende Kopplung von Reichtum und Wohlstand an soziale und ökologische Ausbeutungsverhältnisse gehören auf die Agenda einer Entwicklung, die „jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben“ will (s.o.). Gerade mit Blick auf die schnell wachsenden Mittelschichten in den explodierenden urbanen Zentren Afrikas und Asiens ist das eine vorrangige Aufgabe. Welche Perspektiven eines globalen Zusammenlebens können wir entwickeln, das die Würde jedes einzelnen ebenso respektiert wie den Eigenwert und die Unversehrtheit der Natur?

Vielfalt versus Vereinheitlichung

Solche Perspektiven eines globalen Gemeinwohls zu entwickeln, geht nicht ohne Dialog. Entwicklung als globale Gemeinschaftsaufgabe bedeutet die Gleichberechtigung aller Beteiligten und die Bereitschaft zu wechselseitigem Lernen und gemeinsamer Verantwortung. Das Verständnis für die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und Potenziale ist ebenso wichtig wie das Bemühen, gemeinsame Zielvorstellungen zu entwickeln und Vereinbarungen zu treffen. Dieser Dialog ist bereichernd, kann aber auch anstrengend sein. In jedem Fall aber ist er unerlässlich, wenn Vielfalt nicht zum gleichgültigen Nebeneinander oder gewalttätigen Gegeneinander werden soll, und Einheit nicht zum Diktat der Mächtigen.

Gelegenheiten für aufrichtigen Dialog bieten sich zahlreich: von klassischen Projektpartnerschaften über Einzelkontakte und Netzwerke bis (nicht zuletzt) hin zur Migration. Ausgangspunkt und Grundlage ist die Anerkennung der Tatsache, dass wir alle der Entwicklung und des Wandels bedürfen und dass niemand dafür das fertige Rezept in Händen hält – oder, um es mit den Worten einer zeitgenössischen Enzyklika zu sagen, die Sorge, „die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen“ (Laudato Si´, Nr. 13).

Von Gregor Stoll, Misereor-Referent für Politik und Globale Zukunftsfragen.

Stand Mai 2018

© weltkirche.katholisch.de

Mehr zum Thema Entwicklung

Weitere Informationen zum Thema Entwicklung finden Sie beim Entwicklungshilfswerk Misereor.

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