Die andere Seite der Goldmedaille

  • Peru - 11.10.2017

Ein bergbaukritisches Netzwerk unterstützt indigene Gemeinden in den Hochebenen Perus, ihren eigenen Weg zu gehen. Der Bergbau lockt mit vermeintlichem Wohlstand für alle. Die Realität sieht anders aus.

Peru ist für viele das Land der gewaltigen Anden, des Machu Picchus und der Menschen in buntgewebten Ponchos. Was viele nicht wissen: der Andenstaat ist einer der an metallischen Rohstoffen reichsten Staaten der Welt. Unter der Erde lagern riesige Vorkommen an Gold, Silber, Kupfer, Blei und Zink. Seit Jahren ringen Konzerne aus der ganzen Welt um den Abbau dieser Bodenschätze. Allerdings hat der Raubbau verheerende Auswirkungen auf Umwelt, Landwirtschaft, Gesundheit und das Zusammenleben der Bevölkerungen. Schwermetalle im Grundwasser, verseuchte Böden, Landvertreibungen und Bleivergiftungen von Kindern sind nur ein paar der Folgen des unstillbaren Hungers nach Rohstoffen. Im Jahr 2003 gründete sich das Netzwerk Red Muqui aus dem Anspruch, besseren Umweltschutz und mehr Mitbestimmungsrechte der vom Bergbau betroffenen Bevölkerung auf die politische Agenda zu bringen.

Derzeit besteht das Red Muqui aus 29 lokalen zivilgesellschaftlichen Organisationen auf nationaler Ebene. Diese bieten der indigenen Bevölkerung in elf Provinzen des Landes juristische Beratung und Begleitung an und bestärken sie darin, eigene Zukunftspläne zu entwickeln und Alternativen zu vorherrschenden Modellen von Entwicklung zu finden. „Ziel ist nicht, Lösungen vorzugeben, sondern Prozesse zu unterstützen, die von den Menschen in den ländlichen Regionen selbst kommen“, sagt Mattes Tempelmann, Mitarbeiter des Red Muqui. So soll vermieden werden, dass externe Vorstellungen von „einer besseren Welt“ indoktriniert werden. Denn dies passiert häufig, wenn Bergbauunternehmen in die entlegenen Regionen kommen und Arbeitsplätze und Wohlstand versprechen. Dass die goldene Bergbaumedaille aber auch eine Kehrseite hat, zeigt sich oft erst nach Jahren, wenn der Bergbau langfristig zu Armut, Ausgrenzung und Abwanderung führt. Cajamarca zum Beispiel ist eine der ärmsten Provinzen des Landes Peru, obwohl dort die größte Goldmine Lateinamerikas angesiedelt ist.

Unter der Erde lagern riesige Vorkommen an Gold, Silber, Kupfer, Blei und Zink.

M. Tempelmann

Im Rahmen des Projektes „Kommunale Agenden“, das von der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) finanziell unterstützt wird, arbeitet das Red Muqui mit indigenen Gemeinden in verschiedenen Provinzen des Landes zusammen. Die zweitägigen Workshops finden meist in entlegenen Dörfern statt, die von der Hauptstadt Lima aus nur mit dem Flugzeug oder in langen Busfahrten von bis zu 15 Stunden erreichbar sind.

Eine dieser sehr entlegenen Regionen ist die Gemeinde Chuschi bei Ayacucho im Zentrum des Landes. Chuschi liegt auf 4.500 Metern über dem Meeresspiegel, die Region ist karg und unwirtlich, das Leben hart. Die Menschen hier leben von der Viehwirtschaft, verkaufen die Wolle ihrer Alpakas und pflanzen Kartoffeln und andere Knollengewächse an. Sonstige Einkommen gibt es nicht, das Überleben der Menschen ist gerade gesichert. Die jungen Leute wandern zumeist in die größeren Städte ab, „wir schicken sie dorthin, um etwas zu lernen und hoffen dann, dass sie zurückkommen und Projekte starten im Dorf, Ökotourismus oder ähnliches“, sagt Maria, Bäuerin aus Chuschi. Aber die meisten jungen Erwachsenen kommen nicht wieder zurück in ihre karge Heimat. Zurück bleiben die Alten – eine beispielhafte Situation für viele entlegenene Regionen in den Hochanden, in denen es an Perspektiven fehlt.

Seminar von Red Muqui mit indigenen Gemeinden.

M. Tempelmann

Stattdessen kamen Bergbauunternehmen in die Region. Oberhalb der Gemeinde Chuschi, auf 5.000 Metern, lagern Gold und Kupfer unter der Erde. Bereits vor 15 Jahren haben interessierte nationale und internationale Unternehmen ihre Claims abgesteckt, das heißt, Konzessionen beantragt, die sie berechtigen, die Bodenschätze abzubauen. Das Land gehört weiterhin der Gemeinde – noch. Langfristig, und sobald die Metallpreise stimmen, könnten die Unternehmen intervenieren und sich den Zugang zu den Edelmetallen sichern. Das bedeutet, dass die Dorfbewohner ihr Land verlassen müssen. Manche tun dies freiwillig, weil sie Abfindungen erhalten; andere weigern sich, weil sie mit ihrem Land eng verbunden sind oder um die Nachteile des Bergbaus wissen. Zwar gibt es Gesetze und Normen wie die „Consulta Previa“, eine Vorab-Konsultation, nach der zwei Drittel der lokalen Bevölkerung einem Bergbauprojekt zustimmen müssen, bevor es realisiert werden darf. Damit sollen auch die Interessen der indigenen Bevölkerung geschützt werden – theoretisch.

Doch anstatt tatsächlich mit der indigenen Bevölkerung ins Gespräch zu kommen, hat die peruanische Regierung in den letzten Jahren durch mehrere Gesetzesänderungen die „Consulta Previa“ quasi ausgehebelt. Umwelt- und Sozialstandards im Bergbau wurden immer mehr aufgeweicht und Umweltvergehen kaum sanktioniert, um den Unternehmen den Zugang zu Land und Ressourcen zu erleichtern. Die Regierung Perus setzt auf den Export der Edelmetalle und hofft dadurch, die Wirtschaft des Landes zu stärken. Die Frage ist nur: welche Wirtschaft, und zu welchem Preis? Da es keine weiterverarbeitenden Industrien im Land gibt, werden nur kurzfristige Profite erzielt und keine langfristigen Veränderungen für die Bevölkerung geschaffen.

Das Ehepaar Eva und Mattes Tempelmann arbeitet gemeinsam in dem Netzwerk Red Muqui mit indigenen Gemeinden in Peru.

M. Tempelmann

Dort, wo sich Widerstand regt, reagiert die Regierung oft mit unerbittlicher Härte. In einem im Jahr 2014 veröffentlichten Bericht dokumentierte die peruanische Ombudsstelle (Defensoría del Pueblo) 135 aktuelle Umweltkonflikte, die hauptsächlich auf Bergbau- und Ölförderprojekte zurückzuführen sind. 270 Personen sind zwischen 2006 und 2016 bei Demonstrationen ums Leben gekommen, ein Drittel davon in Zusammenhang mit Bergbau. In den Medien werden Bergbaugegner mitunter als „Terroristen“ diffamiert.

Für die Menschen in Chuschi sind das ferne Geschichten. Ihr Leben kreist um die Tiere, die nächste Ernte, den nächsten Kälteeinbruch, das Wohlergehen der Familie. „Wir haben nicht viel hier in Chuschi“, sagt Julio, der im Dorf geboren und aufgewachsen ist. „Einige von uns möchten im Bergbau arbeiten, um gutes Geld zu verdienen.“ Vor allem die Ärmsten in der Region versprechen sich vom Bergbau ein besseres Leben. Andere in der Gemeinde stehen dem Bergbau kritisch gegenüber. „Wir müssen unser Land und unser Wasser beschützen“, sagt Héctor „denn wir leben hier von der Landwirtschaft.“ Nicht zuletzt ist das Quellgebiet um den Fluss Chicllarazo, der just im konzessionierten Gebiet entspringt, in Gefahr. Der Fluss garantiert die Trinkwasserversorgung und Bewässerung der Landwirtschaft und wird flussabwärts als Stausee für Stromerzeugung genutzt.

Mit dem Projekt „Kommunale Agenden“ will das Red Muqui die Gemeinde Chuschi stärken, eine eigene lokale Agenda zu erstellen, um ihre Stärken und Interessen zu kennen und nach außen vertreten zu können. Wie wollen wir leben? Was für Alternativen zum Bergbau sehen wir in unserer Region? Wie können wir diese durchsetzen? Das Red Muqui macht hier also vor allem präventive Arbeit: noch ist der Bergbau nicht in Chuschi angekommen, aber er hat seine Fühler bereits ausgestreckt.

Weitere Infos zum Projekt auf der Internetseite von Red Muqui und Comundo sowie auf im Blog von Eva und Mattes Tempelmann.

Von Eva Tempelmann

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