Die Jungfrau von Guadalupe

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  • Mexiko

Rund 20 Millionen Menschen besuchen jährlich ein Wallfahrtsheiligtum in einem Außenbezirk von Mexiko-Stadt. Die Entstehung des dortigen Gnadenbildes ist trotz zahlreicher Untersuchungen bis heute unerklärlich.

Die Basilika von Guadalupe ist der größte Wallfahrtsort der Welt. Das Heiligtum am Tepeyac-Hügel in einem Außenbezirk von Mexiko-Stadt besuchen jährlich rund 20 Millionen Pilger, mehr noch als den Petersdom in Rom oder den südfranzösischen Marienort Lourdes. Allein rund um den 12. Dezember, den Festtag der „Nuestra virgen de Guadalupe“, kommen rund fünf Millionen Menschen. Für das Verständnis der mexikanischen Religiosität spielt das Geschehen von Guadalupe eine Schlüsselrolle.

Der Überlieferung nach war Maria am 9. Dezember 1531 erstmals dem damals 57-jährigen Indio Juan Diego Cuauhtlatoatzin auf dem Tepeyac erschienen. Sie erteilte ihm in seiner eigenen Sprache den Auftrag, für den Bau einer Kirche auf dem Hügel zu sorgen, um hier den Menschen „Liebe, Hilfe und Mitgefühl“ geben zu können. Ortsbischof Juan de Zumarraga war skeptisch und verlangte Beweise.

Es gab weitere Erscheinungen am selben Ort, zuletzt am 12. Dezember 1531. Obwohl es Winter war, blühten auf dem Hügel unzählige „kastilische Rosen“, die bis dahin in Mexiko unbekannt waren. Juan Diego pflückte sie auf Anweisung Marias und brachte sie dem Bischof in seiner „Tilma“, dem klassischen aztekischen Poncho. Und als er den Poncho aufschlug, war laut Überlieferung auf dem Stoff das später verehrte Bild der Madonna von Guadalupe mit Gesichtszügen einer Mestizin sichtbar.

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Trotz aller Untersuchungen, die auch die antiklerikalen Machthaber in Mexiko seit Mitte des 19. Jahrhunderts veranlassten, ist bis heute unerklärlich, wie das Bild auf das Gewebe gelangt ist. Beobachter sehen in Details des Bildes – etwa in der Gestaltung der Kleidung, in den Augen, in dem ebenfalls abgebildeten Engel, Mond und Strahlen – diverse Zahlen- und Zeichensymbole. Zudem ist die „Morenita“ (Dunkelhäutige), wie die abgebildete Frau genannt wird, als Schwangere dargestellt.

Juan Diego wurde 1990 von Johannes Paul II. selig- und 2002 heiliggesprochen - als erster Indio der Kirchengeschichte. Der Seher ist eine Symbolfigur für die Verwurzelung der katholischen Kirche in Amerika. Seine Historizität gilt nach intensiven Untersuchungen durch eine vatikanische Historiker-Kommission als erwiesen.

Die Jungfrau von Guadalupe ist die Patronin Mexikos, von Nord- und Südamerika und den Philippinen, der Ungeborenen und der Indios. Die Verehrung ihres Gnadenbildes trug wesentlich dazu bei, dass sich die indianischen Völker Zentral- und Südamerikas zum Christentum bekehrten. Die mexikanische Madonna wird als „Brücke“ zwischen der von den Franziskanern evangelisierten aztekischen Kultur, dem iberischen Christentum und der Mestizen-Mischkultur gesehen.

Insgesamt gilt das Guadalupe-Ereignis heute als gelungenstes Beispiel für die Inkulturation der christlichen Botschaft in eine neue Umwelt.

Heute ist nicht nur in mexikanischen Kirchen, sondern auch in den Häusern und in der Alltagskultur des Landes das Bild der dunkelhäutigen Maria allgegenwärtig. Den ironisch gemeinten Ausspruch „Ich bin Atheist, aber Guadalupano“ griff Papst Franziskus zuletzt in einem Interview im Vorfeld seiner Mexiko-Reise auf, um das Ausmaß dieser Form der Marienverehrung hervorzuheben.

An der Stelle der Erscheinung am Tepeyac wurde zunächst eine kleine Kapelle errichtet, die nach dem Tod Juan Diegos zu einem wichtigen Pilgerort wurde. Später entstand am Fuße des Hügels ein eindrucksvoller Spätrenaissance-Bau. Als Mitte des 20. Jahrhunderts der Untergrund absank, musste die Basilika für Besucher gesperrt werden. Heute ist sie wieder zugänglich, wird jedoch nur noch als Museum genutzt.

Eine angrenzende neue Basilika, entworfen vom mexikanischen Architekten Pedro Ramirez Vazquez, wurde ab 1974 errichtet und 1976 geweiht. Der an ein „Zelt in der Wüste“ erinnernde Sakralbau bietet

40.000 Besuchern Platz und ist damit eine der größten Kirchen weltweit. Dies war zum Zeitpunkt der Errichtung auch deshalb von Bedeutung, weil es in Mexiko aufgrund einer streng antiklerikalen Gesetzgebung lange verboten war, Messen unter freiem Himmel zu feiern. Das Gnadenbild ist auf der Rückwand der Kirche angebracht. Um den Besucherandrang zu bewältigen, können sich die Gläubigen der „Tilma“ auf einer im Untergeschoss des Altarbereiches installierten mehrspurigen Rolltreppe für einige Sekunden nähern.

Dossier

 

In diesem Dossier werden die Glaubens- und Lebenswelt ausgewählter indigener Völker vorgestellt.


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