Klare Worte vor der Wahl

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  • Berlin - 02.09.2013

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, nutzte seine Rede zum traditionellen Sankt-Michaels-Empfang knapp drei Wochen vor der Bundestagswahl, um den geladenen Politikern durchaus unbequeme Wahrheiten zu sagen.

Ob es um die Unterstützung für Familien und Alleinerziehende ging, um Flüchtlinge und Migranten oder um den Schutz des Lebens vom Anfang bis zum natürlichen Tod – Zollitsch schonte am Montagabend in der Katholischen Akademie in Berlin seine Zuhörer nicht. Auch Bundespräsident Joachim Gauck war gekommen.

So erlebten eine nachdenklich wirkende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und führende Vertreter der Regierungs- und Oppositionsparteien einen Oberhirten, der Trennendes und Schmerzliches eindringlich beim Namen nannte.

Gleich zu Beginn erteilte Zollitsch der Versuchung vieler Kirchenleute eine Absage, „sich in jeden gesellschaftlichen Diskurs einbringen zu wollen und im gesamtgesellschaftlichen und politischen Wettbewerb der Ideen auf eine gute, mehrheitsfähige Platzierung zu hoffen“. Stattdessen erinnerte er an die Rolle der Kirche, wie die Propheten des Alten Testaments Menschenwürde, Menschenrechte und Gemeinwohlorientierung einzufordern.

Papst Franziskus spricht auf Lampedusa mit Flüchtlingen. KNA

Zollitsch zitiert Papst Franziskus

Als habe der Papstwechsel in Rom ihm neuen Schwung gegeben, zitierte Zollitsch immer wieder Gesten und Worte von Papst Franziskus – sei es beim Zugehen auf die Flüchtlinge, sei es beim Eintreten für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft. Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und kinderreiche Familien angemessen zu unterstützen, sei kein Randproblem, sondern eine „grundsätzliche Frage der sozialen Gerechtigkeit“. Dafür, so der Vorsitzende in beinahe wahlkampftauglicher Sprache weiter, „steht der christliche Glaube und steht die Kirche ein, wenn sie sich politisch zu Wort meldet“. Im Einzelnen forderte Zollitsch eine finanzielle Besserstellung der Alleinerziehenden und eine Überprüfung des neuen Unterhaltsrechts, das sich oft nachteilig auf Alleinerziehende auswirkt.

Mit Blick auf Flüchtlinge und Asylbewerber erinnerte der Konferenz-Vorsitzende daran, dass das Bundesverfassungsgericht eine Neuregelung der sozialen Leistungen für diese Personengruppe gefordert habe. Darüber hinaus widmete Zollitsch – auch hierin ganz im Einklang mit dem neuen Papst in Rom – weite Teile seiner Ansprache der dramatischen Lage im Nahen Osten, dem Schutz der Flüchtlinge in der EU und der Lage der Christen in der islamischen Welt. Dabei erinnerte er auch an den Friedensappell des Papstes.

Die unbequeme Rolle der Kirche

Im innenpolitischen Teil seiner Rede benannte der Vorsitzende in aller Offenheit auch Punkte, in denen die katholische Kirche (zumal ohne Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland) in den vergangenen Jahren immer mehr die Rolle des einsamen Rufers in der Wüste übernommen hat: So etwa bei der Feststellung, dass die Gesellschaft auf Familien angewiesen sei, in denen Vater und Mutter Leben weitergeben. Oder bei der bitteren Bemerkung darüber, dass die Legalisierung der Auswahl von Embryonen wichtige ethische Einstellungen in der Gesellschaft verändere. Nicht immer sei die katholische Kirche mit den verabschiedeten Gesetzen einverstanden gewesen, erklärte Zollitsch. Aber das gehöre zur unbequemen Rolle einer Kirche, die den Auftrag habe, „die ethischen Grenzen aufzuzeigen, die sich aus unserem christlichen Menschenbild ergeben“.

Am Ende dankte Zollitsch all jenen Abgeordneten, die aus Alters- oder sonstigen Gründen nicht mehr dem Bundestag angehören werden. Seinen eigenen, im kommenden Frühjahr anstehenden Rückzug aus dem Amt des Bischofskonferenz-Vorsitzenden erwähnte er nicht ausdrücklich. Und dennoch war der lange Beifall der Berliner Polit-Prominenz nach der Rede Zollitschs auch ein Abschieds-Applaus für einen Mahner, der sich weit über die Grenzen seiner Konfession hinaus auf der politischen Bühne Respekt erworben hat.

Von Ludwig Ring-Eifel

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