„Dieser Papst praktiziert die Befreiungstheologie“

  • Bonn - 25.06.2014

Er ist Dichter, suspendierter katholischer Priester, Revolutionär und einer der berühmtesten Vertreter der Theologie der Befreiung : Ernesto Cardenal. Der 89-jährige Nicaraguaner ist derzeit zu Besuch in Deutschland und wurde am 25. Juni in Berlin mit dem Theodor-Wanner-Preis des Stuttgarter Instituts für Auslandsbeziehungen ausgezeichnet. Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche in Bonn sprach er über die Befreiungstheologie, Papst Franziskus und den Seligsprechungsprozess von Oscar Romero.

Papst Franziskus spreche nicht über die Befreiungstheologie, aber er praktiziere sie. „Er ist dabei, die Dinge im Vatikan auf den Kopf zu stellen“, so Cardenal mit Blick auf den Pontifex aus Lateinamerika. Genauer gesagt stelle er die Dinge, die verkehrt herum stünden, wieder zurück auf die Füße. Wie auch der brasilianische Theologe Leonardo Boff äußerte Cardenal die Hoffnung, dass viele der Befreiungstheologen, die in den 1980er Jahren vom Vatikan suspendiert wurden, durch Papst Franziskus rehabilitiert würden.

Hinsichtlich einer baldigen Seligsprechung des salvadorianischen Erzbischofs Oscar Romero zeigte sich der Theologe zuversichtlich. Der Prozess seiner Seligsprechung beruhe nicht darauf, dass Romero ein Wunder vollbracht habe, sondern er sei ein Kirchenmärtyrer. „Er ist bei der Verteidigung seines Glaubens umgebracht worden und ich kann mir vorstellen, dass Franziskus den Prozess seiner Seligsprechung sehr gerne vorantreiben wird“, erklärte Cardenal.

Ernesto Cardenal wurde 1925 in Nicaragua geboren. Er unterstützte in den 70er Jahren die sandinistische Revolution in Nicaragua, die 1979 zum Sturz des Somoza-Regimes führte. Danach wurde der Befreiungstheologe zum Kulturminister des Landes ernannt. Aufgrund seiner politischen Tätigkeit suspendierte ihn der Vatikan 1985 vom Priesteramt.

Nach dem Ende seines politischen Wirkens konzentrierte sich Cardenal wieder auf sein lyrisches Schaffen. 1988 gründete er mit Dietmar Schönherr das internationale Kultur- und Entwicklungsprojekt Casa de los tres mundos in Granada. In Deutschland wurde der Dichter vor allem durch seine Lese-Reisen mit der lateinamerikanischen Musikgruppe Grupo Sal bekannt. Mit dieser trat er auch am vergangenen Freitag bei einer gemeinsamen Veranstaltung der Missionszentrale der Franziskaner und der Evangelischen Johannesgemeinde in Bonn Bad Godesberg auf. (lek)

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