Solidarität mit bedrängten und verfolgten Christen

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  • Bedrängte Christen

Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung von Christen ist auf die politische Agenda zurückgekehrt. Für viele Menschen war sie zwar durch alle Zeiten hindurch von erschreckender alltäglicher Realität, doch Politik und Gesellschaft reagierten darauf lange Zeit nur zögerlich und zurückhaltend.

Die Verfolgung von Christen als öffentlich skandalisiertes Ärgernis stand in der Bundesrepublik noch lange im Bann des Ost-West-Konflikts. Insbesondere in den 1950er und 60er Jahren waren die Verfolgungssituationen unter den kommunistischen Diktaturen Ost- und Mitteleuropas angeprangert worden. Mit dem Ende des Kalten Krieges meinte man, auch dieses Thema entsorgen zu können.

Doch liegen die Ursachen gegenwärtiger öffentlicher Zurückhaltung auch tiefer, wie etwa in der Scham über Verfehlungen der europäischen Kolonialgeschichte, die vielerorts in einer sehr unheiligen Allianz von Imperialismus und Verbreitung des Christentums daher kam. Und zum dritten sei auf die eher allgemeine politische Wetterlage verwiesen, die dem Religiösen überhaupt nur eine geringe und vor allem abnehmende gesellschaftliche Prägekraft zugestanden hat.

In Deir Abu Hinnis findet jedes Jahr Ende Januar eine Prozession statt zu der Zeit, als der Legende nach Maria und Josef mit dem Jesuskind hier den Nil überquert haben sollen. Dabei fährt die Prozession auch mit Segelbooten über den Nil. Auf den bemalten Segeln ist ein Bild der Heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten zu erkennen. KNA

Das Verschwinden von Religion, in Europa festgemacht an abnehmenden Zahlen von Kirchenmitgliedschaft und Kirchgängern, wurde vorschnell als weltweiter Prozess des Rückzugs von Religion gedeutet. Im letzten Jahrzehnt hat sich hingegen mit überraschender Deutlichkeit gezeigt, dass diese Prognose nicht zutreffend war. Religion ist nach wie vor ein gewichtiges Element nicht nur individueller Weltdeutung sondern auch des Selbstverständnisses von Individuen, Gruppen oder gar Staaten.

Indem Religion auf der politischen Bühne wieder sichtbar geworden ist, geraten auch Auseinandersetzungen um die religiöse Gestaltung des Lebens wieder in den Blick – und damit die Frage nach der Freiheit von Religionsausübung und der Verfolgung von Menschen um ihres Lebens aus dem Glaubens willen.

Christenverfolgung und das Menschenrecht auf Religionsfreiheit

Unbestritten ist der Begriff der Christenverfolgung mit einer schweren historischen Erblast beladen. Er evoziert einerseits die Verfolgungen des frühen Christen unter den römischen Kaisern, die fester Bestandteil des europäischen Bildungskanons sind. Andererseits fällt der Begriff aber auch zu Recht im Kontext der Verfolgungen unter den religionsfeindlichen kommunistischen Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Von der Intensität und staatlich gelenkten Systematik, mit der Christen seinerzeit bedroht wurden, sind auch die Nachfahren kommunistischer Diktaturen etwa in China oder in Vietnam, trotz aller gegenwärtiger Probleme für Christen in diesen Ländern, heute weit entfernt. Ausgenommen davon mag lediglich Nord-Korea sein, das nach wie vor in stalinistischen Strukturen und Denkmustern zu verharren scheint.

„Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.“

— Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 18

Die Perspektive ist entscheidend

Klarer werden Verständnis und Beschreibung der Probleme, wenn nach der Verwirklichung freier und ungehinderter Religionsausübung gefragt wird. Nahezu alle Staaten dieser Erde haben sich verpflichtet, das Menschenrecht auf Religions- und Glaubensfreiheit umfänglich durchzusetzen. Damit wird die Perspektive gleichsam gedreht: Die Situation bemisst sich nicht nach dem Grad der Verfolgung oder Diskriminierung von Christinnen und Christen, sondern an den Möglichkeiten, das Recht auf freie Ausübung der Religion allein und in Gemeinschaft wahrzunehmen.

Eine solche Perspektive kann davor bewahren, in einen ‚Empörungswettlauf’ über Opferzahlen und Schwere von Verfolgungen zu verfallen. Denn jeder Mensch, der um seines Glaubens willen ausgegrenzt, bedrängt oder gar verfolgt wird, ist einer zuviel – gleichviel ob es sich um einen Christen, Moslem, Buddhisten oder den Angehörigen einer anderen Religion handelt. Zugleich gerät mit einer an der Religionsfreiheit orientierten Perspektive in den Blick, dass Diskriminierung von Christen nicht nur gepaart ist mit mehr oder minder starken Einschränkungen der Religionsfreiheit auch für Angehörige anderer Religionsgruppen, sondern zugleich auch mit weiteren Einschränkungen der Menschenrechte.

Im 700 Jahre alten Schmiedefenster des Freiburger Münsters finden sich prachtvolle Weihnachtsmotive. Das Bild zeigt die Flucht der Heiligen Familie vor Herodes aus Bethlehem nach Ägypten. KNA

Wird der Blick auf die Gewährleistung von Religionsfreiheit zu eng gezogen, so geraten diejenigen Christen aus dem Blick, die sich in vielen Ländern aus christlicher Überzeugung und gemäß dem Auftrag des Evangeliums an die Seite der Armen stellen – und bereit sind, ihr Leben für ihr Engagement einzusetzen. Besonders in Süd- und Mittelamerika geht Gewalt gegen Christen von solchen Gruppen aus, die um den Erhalt ihrer Privilegien fürchten und sich vom Einsatz aus dem Evangelium bedroht fühlen. Im Jahr 2011 wurden in Latein- und Südamerika 15 Priester, Ordensleute bzw. pastorale Mitarbeiter ermordet – mehr als doppelt so viele wie in allen anderen Erdteilen zusammen. Und auch die Zahl der Priester und Bischöfe, die wegen ihres christlichen Einsatzes für den Nächsten mit dem Tode bedroht werden, wächst Jahr um Jahr.

Religionsfreiheit gründet auf Menschenwürde

Das Recht auf Religionsfreiheit gründet wie alle Menschenrechte auf der Menschenwürde. Es ist durch vielfache Absicherung in den einschlägigen Dokumenten des internationalen Menschenrechtsschutzes garantiert. Die ausdrückliche Erwähnung der Religionsfreiheit in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) des Jahres 1948 weist auf die zentrale Stellung dieses Menschenrechts hin. Die konkrete Entfaltung der Inhalte des Rechts auf Religionsfreiheit folgt dann in Art. 18 der AEMR sowie in Art. 18 des internationalen Pakts über bürgerlich-politische Rechte und in den einschlägigen Kommentaren, den sogenannten General Comments .

Staat und Gesellschaft erkennen an, dass es ein unverbrüchliches und natürliches Recht der menschlichen Person gibt, eine Glaubens- und Gewissensüberzeugung zu haben und dieser individuell oder in Gemeinschaft mit anderen Ausdruck zu geben. Seitens der katholischen Kirche wurde in der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae der Überzeugung Ausdruck gegeben, dass die Wahrheit – also auch die Glaubenswahrheit – nur in Freiheit anerkannt werden kann, Glaube mithin Religionsfreiheit notwendig macht.

„Das Konzil richtet die Bitte an alle Menschen, dass sie sich vor Augen stellen, wie notwendig die Religionsfreiheit ist, besonders in der gegenwärtigen Situation der Menschheitsfamilie.“

— Dignitates humanae, Nr. 15

Der Staat als Adressat menschenrechtlicher Schutzansprüche

Adressaten der Menschenrechtskataloge sind zuerst die Staaten. Ihnen obliegt es, die Menschenrechte zu achten, zu schützen und schließlich für deren Gewährung Sorge zu tragen. Doch die Staaten bedürfen einer aufmerksamen Zivilgesellschaft, die die Erfüllung der sogenannten „Pflichtentrias“ immer wieder einfordert und gegenüber den Regierungen die Umsetzung anmahnt.

Die Menschenrechtskataloge stellen übrigens auch sehr klar heraus, dass das Recht auf Religionsfreiheit keineswegs unbeschränkt gilt. Einschränkungen der Religionsfreiheit sind jedoch stets begründungsbedürftig. So ist es dem Staat zugestanden, dort dem Vollzug religiösen Lebens Grenzen zu setzen, wo die öffentliche Ordnung gefährdet ist oder andere Grundrechte ihr entgegenstehen. Solche Einzelabwägungen sind hin und wieder zu treffen und werden in jüngster Zeit auch in der Bundesrepublik wieder öffentlich diskutiert. Man darf Einschränkungen aber nicht zu leicht fassen. Es bleibt in jedem konkreten Konfliktfall zu begründen, warum die Einschränkungen notwendig, dem Ziel angemessen (verhältnismäßig) sowie nicht-diskriminierend sind. Pauschalisierende Urteile sind eher problematisch. Dem Anspruch der Religionsfreiheit wird der Staat in jedem Falle dann nicht mehr gerecht, wenn die Beweislast umgekehrt und (eine bestimmte) Religion per se als Störung definiert wird.

Auftrag der Christen weltweit

Den Christen in unserem Land, die von ihren Freiheitsrechten relativ ungehindert Gebrauch machen können, kommt dabei insbesondere die Pflicht zu, die Bedeutung des Menschenrechts auf Religions- und Glaubensfreiheit wach zu halten. Es ist keine Selbstverständlichkeit, sondern muss vielerorts erst noch errungen oder gegen unzulässige Beschränkungen verteidigt werden. Wir können Regierung und Parlament unseres Landes bestärken, die Bedrängung und Verfolgung von Christen überall in der Welt anzusprechen und Veränderungen anzumahnen. Dabei können gerade wir Christen im weltweit gespannten Netz der Kirche genau auf das hören, was uns die Vertreter der Kirchen in ihren Ländern zu ihrer Situation berichten. Darüber hinaus ist unsere tatkräftige Unterstützung gefragt. In partnerschaftlicher Solidarität setzt sich beispielsweise Missio für bedrängte Ortskirchen ein. Auch das weltweite Netz der Justitia-et-Pax-Kommissionen eröffnet Räume praktischer Unterstützung von Glaubensgeschwistern, die in Not und Bedrängung leben.

Zugleich sind wir aufgefordert, uns auch geistlich mit den Schwestern und Brüdern in Bedrängnis zu solidarisieren. Dazu hat die Deutsche Bischofskonferenz eine Initiative ins Leben gerufen, die drei Elemente umfasst: ein Fürbittgebet, das allen Pfarrern zur Verwendung in den Gottesdiensten am 2. Weihnachtstag – dem Fest des Hl. Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers – empfohlen wird; eine Informationsbroschüre mit wechselnden Themen- oder Länderschwerpunkten zur Lage bedrängter oder verfolgter Christen; diese erscheint seit dem Jahr 2003 jährlich im Herbst und enthält neben Sachinformationen zu einem Beispielland auch geistliche Impulse; und schließlich eine vierteljährlich wechselnde Gebetsmeinung.

Es ist uns aufgegeben, den andernorts „um Jesu willen“ (vgl. Mt 5,11) bedrängten Christen und allen zu unrecht Verfolgten solidarisch beizustehen. Gefordert ist unser Gebet. Aber auch der tätige Einsatz für die weltweite Verwirklichung der Religionsfreiheit ist eine Verpflichtung, die uns aus der Verbundenheit im Glauben erwächst.

Stand: Dezember 2012

© Daniel Legutke, Deutsche Kommission Justitia et Pax

Deutsche Kommission Justitia et Pax

Die Deutsche Kommission Justitia et Pax (Gerechtigkeit und Frieden) ist eine Art „Runder Tisch“ der katholischen Einrichtungen und Organisationen, die im Bereich der internationalen Verantwortung der Kirche in Deutschland tätig sind.

Justitia et Pax erarbeitet kirchliche Beiträge zur Entwicklungs-, Friedens- und Menschenrechtspolitik Deutschlands. Mit Parlament, Regierung, Parteien und gesellschaftlichen Kräften wird ein ständiger Dialog in diesen Fragen geführt. Darüber hinaus entwickelt Justitia et Pax Konzepte für die internationale Arbeit der Kirche.

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