Kirchen legen gemeinsame Studie zu Religionsfreiheit vor

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  • Berlin - 01.07.2013

In vielen Teilen der Welt werden Kirchen, christliche Gemeinschaften und einzelne Gläubige bedrängt, verfolgt und in ihren Grundrechten – insbesondere in ihrem Recht auf Religionsfreiheit – verletzt. Daran haben heute in Berlin der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, sowie der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Ludwig Schick, erinnert. Bei einer Pressekonferenz stellten Schindehütte und Schick den ersten „Ökumenischen Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit“ vor.

Der „Ökumenische Bericht“ wird von der Deutschen Bischofskonferenz und der EKD gemeinsam herausgegeben. Dieses ökumenische Zeugnis sei wichtig, so Erzbischof Schick, weil es der Wunsch beider Kirchen sei, bei diesem Thema gemeinsam zu handeln. „Das Unrecht, das Christen aufgrund ihres Glaubens erleiden, ist kein konfessionelles Thema. Wir möchten in der Öffentlichkeit deshalb mit einer Stimme sprechen.“ Mit der gebotenen Gründlichkeit und wissenschaftlich nachvollziehbaren Methoden werde die Einschränkung der Religionsfreiheit von Christen untersucht. Die Kirchen seien überzeugt, dass den betroffenen Mitchristen umso besser geholfen werden könne, „wenn wir die Situationen der Repression tiefer durchschauen und besser verstehen“, beschrieb Erzbischof Schick die Absicht des Berichts.

„Letzten Endes ist es aus unserer Sicht nicht entscheidend, wie viele Menschen genau wegen ihres christlichen Glaubens Opfer von Menschenrechtsverletzungen werden. Denn jeder einzelne Mensch ist einer zu viel!“

— Martin Schindehütte, Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
Eine religiöse Minderheit: Christen im Irak. KNA

Auf die Bedrohungssituation aufmerksam machen

Die katholische und evangelische Kirche in Deutschland hätten schon in der Vergangenheit immer wieder auf grundlegende Menschenrechtsverletzungen und brutale Gewalttaten gegen Christen in der Welt aufmerksam gemacht, unterstrich Bischof Schindehütte. Die jährlichen Fürbitten der evangelischen Kirche am Zweiten Sonntag der Passionszeit (Reminiszere) sowie der katholische Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen am 26. Dezember seien wichtige Aktivitäten in den Ortsgemeinden. Daneben setzten sich die Kirchen jenseits der Öffentlichkeit durch direkte Interventionen bei Botschaftern und Regierungen für die notleidenden Glaubensgeschwister ein. Mit dem erstmals vorgelegten Bericht wollten die Kirchen in Deutschland vor allem Öffentlichkeit und Politik auf die Bedrohungssituationen und Anfeindungen gegenüber Christen in der Welt aufmerksam machen. Bischof Schindehütte: „Letzten Endes ist es aus unserer Sicht nicht entscheidend, wie viele Menschen genau wegen ihres christlichen Glaubens Opfer von Menschenrechtsverletzungen werden. Denn jeder einzelne Mensch ist einer zu viel!“

Restriktionen der Religionsfreiheit haben zugenommen

Autor des „Ökumenischen Berichts“ ist Dr. Theodor Rathgeber. „In der Untersuchung werden die Zusammenhänge und Hintergründe dargestellt, die den Nährboden für Feindseligkeit oder gar Gewalt gegen Christen bilden. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass dort, wo die Situationen der Bedrängnis und die ihnen zugrunde liegenden Strukturen klarer erkannt werden, auch die Chance eines klugen politischen Engagements wachsen kann, das die Lage der Betroffenen wirklich verbessert“, so Rathgeber.

„Die Religion eint uns, sie teilt uns nicht“

Fotograf Andy Spyra berichtet von Leben und Alltag der Christen im Nahen Osten – und erklärt: Die Konflikte vor Ort sind nicht religiös bedingt.

weltkirche.katholisch.de

Deutlich werde in dem Bericht, dass die Restriktionen der Religionsfreiheit in den letzten Jahren sowohl durch Regierungshandeln als auch durch soziale Anfeindungen in Europa, dem Mittleren Osten, Nordafrika und der Sub-Sahara-Region zugenommen haben. Rathgeber zufolge befinden sich die meisten Länder mit stark negativen Veränderungen in der Sub-Sahara-Region. Europa und Amerika weisen hingegen die wenigsten Länder mit Restriktionen auf. Viele Länder mit sehr schlechten Bewertungen sind im Mittleren Osten und Asien zu finden, das heißt in Gebieten, in denen eine Religion Privilegien erfährt und andere ausgeschlossen werden. Die Länderbeispiele führen zu der Schlussfolgerung, dass sowohl von der Regierung als auch vom sozialen Umfeld ausgehende Beeinträchtigungen häufig Hand in Hand gehen und sich wechselseitig bestärken.

Auch nicht-christliche religiöse Minderheiten im Blick

Die Studie ordnet das Phänomen der Bedrängung und Verfolgung von Christen in den jeweiligen politischen, sozialen und juristischen Kontext sowie in die Auseinandersetzungen um Rechtsstaatlichkeit und den Schutz der Menschenrechte ein. Dies soll auch dazu beitragen, Stereotypen und Vereinfachungen zu vermeiden und gleichzeitig die Solidarität von Christen untereinander zu fördern. Auch gelangen nicht-christliche religiöse Minderheiten in den Blick. Dazu erklärte Bischof Schindehütte: „Für die christlichen Kirchen gibt es keine Alternative zum Eintreten für die Religionsfreiheit – und zwar für alle und an allen Orten. Ich kann nicht einfach für meine bedrückten Schwestern und Brüder beten und dabei all jene außen vor lassen, die ebenfalls aufgrund ihres Bekenntnisses Opfer von Menschenrechtsverletzungen werden.“ Auch Erzbischof Schick legte dar, dass den Kirchen aufgegeben sei, den ‚um Jesu willen‘ bedrängten Christen und allen zu Unrecht Verfolgten solidarisch beizustehen: „Gefordert ist unser Gebet. Aber auch der aktive Einsatz für die weltweite Verwirklichung der Religionsfreiheit ist Glaubenspflicht.“

Die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD unterstreichen in dem Bericht: „Wo Christen bedrängt werden, ist auch die Freiheit anderer religiöser Bekenntnisse unter Druck. Wenn wir durch diesen Bericht die Solidarität mit den verfolgten Mitchristen stärken, wollen wir allen nahe sein, deren Freiheit und Recht missachtet werden.“

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Auf einen Blick

Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) nennt in Kurzfassung wichtige Thesen und Zahlen der Studie.

Zu Einschränkungen der Religions- und Glaubensfreiheit allgemein:

  • Studien renommierter Forschungszentren weisen seit 2007 einen eindeutigen Trend nach, wonach Verletzungen des Rechts auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit beständig zugenommen haben.
  • In 64 Ländern sind erhebliche Einschränkungen der Religions- und Weltanschauungsfreiheit feststellbar. Da sich darunter Länder mit hoher Bevölkerungszahl wie China, Indien und Russland befinden, unterliegen rund 70 Prozent der Weltbevölkerung einem hohen oder sehr hohen Maß an Restriktionen.
  • Lediglich 4 Prozent der Staaten beschränken die Religionsfreihet per Verfassung.
  • Weltweit stieg die Anzahl der Länder von 147 auf 160, in denen Angehörige von Religionsgemeinschaften attackiert wurden, darunter Sikhs, Juden, Hinduisten, Animisten, Angehörige traditioneller afrikanischer oder chinesischer Religionen sowie Minderheiten wie die Ahmadiyya oder die Zeugen Jehovas.
  • In 157 Ländern schränken Gesetze die Religionsfreiheit ein oder verwehren sie. In 131 Länder ist das öffentliche Bekenntnis staatlicherseits eingeschränkt. In 38 Ländern wird der Religionswechsel vom Staat begrenzt.
  • Restriktionen bei der Ausübung des Glaubens sind in der Regel in ein Umfeld eingebettet, das allgemein von Einschränkung und Bevormundung geprägt ist.

Zu Restriktionen gegen Christen:

  • Dem Christentum gehört rund ein Drittel der Weltbevölkerung an. Es stellt in 158 Ländern oder rund zwei Drittel aller Länder eine relative Mehrheit. Demgegenüber leben etwa 10 bis 13 Prozent unter den Bedingungen einer religiösen Minderheit. Rund 80 Prozent der Christen in Minderheitensituation konzentrieren sich auf wenige Länder: China, Indien, Indonesien, Südkorea, Elfenbeinküste, Vietnam, Tschad, Ägypten und Kasachstan.
  • Christen wurden in 111 Staaten bedrängt und verfolgt. In 95 Ländern schränkten staatliche Akteure die Religionsfreiheit von Christen ein, während soziale Anfeindungen durch Mobs, Gruppen oder Individuen in 77 Ländern ausgewiesen wurden.
  • Auch der christliche Missionsauftrag kann zu Auseinandersetzungen führen. Dabei ist in rund der Hälfte aller Länder Missionierung ohne Probleme möglich. Ein absolutes Missionsverbot beschränkt sich auf sechs Prozent aller Länder.
  • Besonders gefährlich ist es laut Studie für Christen, wenn sie als Minderheiten nicht traditionell ansässig sind. Dann werde schnell der Verdacht laut, sie pflegten Kontakte zum Ausland und wollten Traditionen verändern.

Quelle: KNA

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