Kirche im Kleinen – Kirche ganz groß

  • Basisgemeinden / Kleine Christliche Gemeinschaften

Am Anfang war das Wort, das Wort Gottes. Alles, was als „Basisgemeinde“ bzw. „Kleine Christliche Gemeinschaft“ bekannt wurde, begann damit, dass sich Katholiken in priesterlosen Gemeinden zusammenfanden, um miteinander Gottes Wort zu lesen, es hörend anzunehmen, wirken zu lassen und aus der Heiligen Schrift heraus zu beten, mit einem Wort: die Bibel miteinander zu teilen. Den Anfang macht Gottes Wort bis heute – das Wichtigste zu Beginn! Mit der Schriftlesung eröffnen Basisgemeinden und Kleine Christliche Gemeinschaften ihre Zusammenkünfte; am Ende gibt ihnen ein Schriftwort Ausrichtung in den Alltag. Die Freude an Gottes Wort ist die Wurzel dieser Gemeinschaften.

Basisgemeinden in Lateinamerika

Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre entstanden so Gemeinden neuen Typs (spanisch: Comunidades Eclesiales de Base; portugiesisch: Comunidades Eclesiales de Base; abgekürzt: CEB): sowohl in ausgedehnten Landpfarreien, wo der Pfarrer viele seiner Gemeinden nur am Patronatsfest zu besuchen pflegte, als auch in den wuchernden Elendsvierteln der Ankunftsstädte, wo sich Millionen von Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben ansiedelten und „ordentliche“ Pfarreien erst Jahre später errichtet wurden.

In den Gottesdiensten und Versammlungen der Basisgemeinden fanden die Armen und die Geringgeschätzten zur Sprache, dort gewannen „kleine Leute“, oft ohne Schulbildung aufgewachsen, das Selbstbewusstsein der Kinder Gottes. Sie lernten, in der Öffentlichkeit nicht länger den Kopf zu senken und stumm zu bleiben. Sie antworteten auf die alten Fragen des Glaubens: Gott hat sein Volk aus Ägypten befreit und in seinem Sohn uns alle erlöst. Rettet er auch heute? Jesus Christus ist der Bruder der Armen. Wo begegnen wir ihm hier und heute? Was heißt „Reich Gottes“? Sie fragten so, dass ihr Alltag nicht außen vor blieb: Wie können wir einen gerechten Preis für unsere Ernte erzielen, eine Wasserleitung in die Favela legen, unseren Kindern den Schulbesuch ermöglichen?

Adveniat Aktion 2012: Bolivien - Marcelo Cruz

Julian Marcelino Cruz Alarcón -- Bolivien

Peter Theisen

Motoren der Volksbewegung

So wurden die Basisgemeinden zu einem der Motoren der Volksbewegungen, die Lateinamerika veränderten: in Brasilien, in Zentralamerika, in den Bistümern im Süden Perus, in Bolivien und – bis zum „Lateinamerikanischen 11. September“, dem Putsch am 11. September 1973 – in Chile. Denn die Basisgemeinden begannen, nach den Strukturen von Ausbeutung und Unrecht zu fragen. Daraufhin bezichtigten die Militärregime sie, „Kommunisten“ zu sein – ein Vorwurf, der Verfolgung rechtfertigen sollte. Die Kirche der Basisgemeinden wurde zu einer Kirche der Märtyrer.

Widerspruch erfuhren die Basisgemeinden auch aus Teilen ihrer Kirche. Mancher Bischof stieß sich an ihrem Selbstbewusstsein. Tatsächlich sahen sich einzelne Basisgemeinden als „die wahre Kirche“ und „Basis“ in Abgrenzung von „denen da oben“. So wurden sie mancherorts verpflichtet, die „Basis“ im Namen zu streichen und einen Ersatzbegriff zu akzeptieren, oder gar verboten. Die Mehrzahl der lateinamerikanischen Bischöfe hingegen weiß die Basisgemeinden zu schätzen.

Vielfalt der Basisgemeinden

Wie viele es gibt, ist ungewiss. Denn es gibt keine allseits zutreffende Definition, was als Basisgemeinde gilt und was nicht. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Mitgliedschaft, ihres kirchlichen und gesellschaftlichen Engagements und ihres Selbstverständnisses. Manche „Basisgemeinde“ ist die „nur“ innerkirchlich tätige Stadtviertelgemeinde. Andere betonen ihren Anspruch, die Gesellschaft zu verändern. Zwar liefern sie in einer Zeit, in der Selbstdarstellung und Selbstvermarktung (der „Auftritt“) mehr zählen als unspektakuläres Mitwirken in einer Gruppe, keine Schlagzeilen mehr. Doch gerade ihre evangelische, vom Evangelium geprägte Einfachheit macht das Glaubenszeugnis der Basisgemeinden so kostbar. Sie bleiben ein Geschenk der Kirche in Lateinamerika an die Weltkirche.

Kleine Christliche Gemeinschaften in Afrika und Asien

Entscheidend für die Kirche im afrikanischen Kontinent war die Entstehung von Kleinen Christlichen Gemeinschaften, die zu Beginn der 70er Jahre in Ostafrika, seit 1975 dann auch verstärkt in Südafrika beobachtet werden konnte. In diesen Kleinen Christlichen Gemeinschaften realisiert sich die Kirche als Familie Gottes, in der Christen zu einer spirituellen, partizipativen und solidarischen Gemeinschaft zusammenwachsen.

Wesentlich zum Aufbau und zur Verbreitung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften in Afrika hat das südafrikanische Pastoralinstitut Lumko beigetragen, an dem Oswald Hirmer und Fritz Lobinger wirkten. Sie entwickelten die sieben Schritte des Bibel-Teilens , eine spirituelle Form der Bibellektüre, die weltweit in Kleinen Christlichen Gemeinschaften praktiziert wird.

Die Bibel ist das Herz der Gemeinden, sie ist die Quelle, nicht ein spiritueller Impuls unter anderen. Escher/Adveniat

Nachdem das Modell der Kleinen Christlichen Gemeinschaften in zahlreichen Ländern Afrikas erfolgreich aufgegriffen worden war, luden die asiatischen Bischöfe Oswald Hirmer im Jahr 1990 zu ihrer Vollversammlung nach Bandung in Indonesien ein. Beeindruckt von dem in Afrika entwickelten basiskirchlichen, spirituellen Ansatz sprachen sich die Bischöfe dafür aus, das pastorale Modell auch in Asien einzuführen und formulierten die Vision, „die Kirche in Asien muss eine Gemeinschaft von Gemeinschaften werden“ (Bandung 1990). In den Folgejahren wurde der Ansatz der Kleinen Christlichen Gemeinschaften in vielen Ländern Asiens erfolgreich eingeführt. Er veränderte das Gesicht der Kirche: Christen treffen sich in ihrer Nachbarschaft, lassen sich von biblischen Texten ansprechen und suchen miteinander nach Wegen, den Glauben miteinander zu leben. Schätzungen gehen davon aus, dass heute weit mehr als 300.000 Kleine Christliche Gemeinschaften in Asien existieren.

Perpektive für Kirche in Deutschland

Seit dem Jahr 2000 stellt Missio den in Afrika und Asien entwickelten Pastoralansatz auch in Deutschland vor. In zahlreichen deutschen Diözesen haben sich Christen auf den Weg gemacht, dieses veränderte Gesicht von Kirche kennenzulernen. Milroy Fonseka, der nationale Beauftragte für das basisgemeinschaftliche Pastoralprogramm in Sri Lanka, schrieb dazu: „Ich bin davon überzeugt, dass dieses Pastoralprogramm auch in anderen kulturellen Kontexten das Gesicht der Kirche verändern kann. Die Wurzeln des Programms liegen in Afrika, in Asien hat sich die Pflanze weiterentwickelt. Doch auch in Europa können die Kleinen Christlichen Gemeinschaften der Kirche eine neue Blüte schenken.“

Stand: Dezember 2012

© Michael Huhn, Adveniat, und Klaus Vellguth, Missio Aachen