Eine Erfolgsgeschichte

Wie leben Kleine Christliche Gemeinschaften in Asien? Wie praktizieren Basisgemeinden in Lateinamerika ihren Glauben? Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka und Missio-Präsident Prälat Klaus Krämer berichten von ihren Erfahrungen.

„Die Kirche muss Heimat geben“

 

Frage: Herr Prälat Klaschka, die so genannten kirchlichen Basisgemeinden in Lateinamerika bildeten im vergangenen Jahr den Schwerpunkt der Aktion von Adveniat. Mit der erklärten Absicht, dass konkrete Erfahrungen dieser Basisgemeinden Anregung und Ermutigung für die deutsche Ortskirche geben können und sollen. Welche Bedeutung haben denn heute diese Basisgemeinden in der lateinamerikanischen Kirche selbst?

Klaschka: Nach dem Zweiten Vatikanum und insbesondere bei den Vollversammlungen des lateinamerikanischen Bischofsrates in Medellín, Puebla, Santo Domingo und Aparecida bekräftigte die lateinamerikanische Kirche immer wieder das Anliegen, näher am Leben der Menschen sein zu wollen, stärker an der Basis präsent zu sein. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil war die ganze Pastoral ja stark auf das Zentrum sehr großer Pfarreien konzentriert. Von seinem Hauptsitz aus organisierten die Pfarrer das Leben in der Pfarrei, die seelsorglichen Aufgaben. Nach dem Konzil kam es in der Kirche in Lateinamerika zu einem missionarischen Aufbruch unter der Frage, wie sich die Botschaft Jesu Christi näher zu den Menschen bringen lässt. Die Schlagworte seinerzeit hießen: heraus aus den Pfarrhäusern, die Kirche muss dort sein, wo sich das Leben der Menschen abspielt. Die letzte Bischofsvollversammlung 2007 im brasilianischen Marien- Wallfahrtsort Aparecida kommt zu dem Schluss, dass die Basisgemeinschaften eine wertvolle Erfahrung der Kirche in Lateinamerika darstellen, die man weiter kommunizieren und weiter verfolgen soll. Die Basisgemeinden sind also seit 50 Jahren ein wesentlicher Bestandteil der lateinamerikanischen Kirchengeschichte.

 

Frage: Worin besteht demnach das Besondere und Einzigartige an den Basisgemeinden?

Klaschka: In den Basisgemeinden fühlen sich die Gläubigen persönlich angesprochen, als einzelne Personen wahrgenommen. Dagegen stehen Erfahrungen etwa mit den katholischen Massen-Liturgien bis Mitte der sechziger Jahre. In den Basisgemeinden machen die Gläubigen dagegen die Erfahrung, dass sie sich in kleinen Gemeinschaften austauschen können, über ihren Glauben wie über ihr Leben. In diesem Glauben beurteilen sie zusammen ihren konkreten Lebenskontext, fragen, welche Richtung sie künftig ihrem Leben geben sollen – unabhängig davon, ob man beispielsweise reich oder arm ist.

 

Frage: Die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umstände haben sich in Brasilien wie in den meisten lateinamerikanischen Staaten deutlich verändert, verglichen mit den siebziger und achtziger Jahren. Was bedeutet dies für die Basisgemeinden heute?

Klaschka: Die Kernspiritualität der Basisgemeinden hat sich erhalten: wie man die Wirklichkeit sieht auf dem Hintergrund des Wortes Gottes; wie sie die Bibel lesen, um diese auch im konkreten Leben vor Ort fruchtbar werden zu lassen; wie man in der Wirklichkeit zu handeln versucht, aus dem Glauben heraus, in Kirche und Gesellschaft Verantwortung übernimmt; wie sie den Glauben aber auch feiern, wie man das Leben ins Gebet nimmt. Das alles hat sich bis heute durchgetragen. Natürlich sind die Strukturen in Lateinamerika nicht mehr die der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre. Es gibt in Lateinamerika keine Militärdiktaturen mehr, wir haben – mit Ausnahme des Sonderfalls Kuba – überall zivile Präsidenten, überall Demokratie, wenn auch fragil in vielen Ländern. Politische Machtwechsel durch Wahlen sind möglich, politische Konstellationen ändern sich, wobei auch noch starke Oligarchien weiter bestehen. Der Reichtum der Basisgemeinden wirkt aber in allem weiter, insbesondere bei den Menschen, die sich engagieren.

 

Frage: Auf welche Reaktionen stoßen Sie oder sind Sie bei ihren Partnern in Lateinamerika gestoßen mit der Entscheidung, die Erfahrungen der Basisgemeinden zu einem Schwerpunktthema für eine Adveniat-Aktion zu wählen?

Klaschka: Wir haben von unseren Partnern keine kritischen Nachfragen gehört. Auch nicht, als wir vor zwei Jahren die so genannten „Delegados de la Palabra“, also die Laien-Prediger und Wortgottesdienst-Leiter zum Schwerpunktthema unserer Jahresaktion gewählt haben. Vielleicht gibt es ja gelegentlich auch stillschweigendes Dulden, wohl aus einer gewissen finanziellen Abhängigkeit heraus. Das Entscheidende aber ist, dass die Kirche in Lateinamerika weiß, dass Adveniat ihre Erfahrungen ernst nimmt. Und die Erfahrungen der Basisgemeinden werden überall in der Kirche in Lateinamerika ernst genommen, auch wenn sie nicht überall auf Zustimmung stoßen, sondern auch auf kritische Fragen, auf Ablehnung. Mit der Wahl des Schwerpunktes Basisgemeinden haben wir uns in einem konkreten pastoralen Kontext positioniert. Und so haben wir die Entscheidung auch kommuniziert: Adveniat greift die Optionen, die die Kirche in Lateinamerika selbst getroffen hat, besonders die vorrangige Option für die Armen auf. Diese Option für die Armen aber hat sich wesentlich pastoral verwirklicht in den Basisgemeinden.

 

Frage: Was könnte die deutsche Ortskirche gerade aus den Erfahrungen kirchlicher Basisgemeinschaften in Lateinamerika lernen?

Klaschka: Angesichts der derzeitigen Entwicklungen hier in Deutschland, dass nämlich immer größere Pfarreien geschaffen werden, haben wir uns gefragt: Wie kann – so hat es der Münsteraner Theologe Jürgen Werbick treffend formuliert – die Kirche vor Ort bleiben; so dass Menschen zueinanderfinden, sie ihren Glauben teilen, über diesen miteinander auch sprechen, sich selbst angenommen wissen und in ihrem nachbarschaftlichen Engagement gestärkt werden. Ein Impuls hierfür können da die Erfahrungen der Basisgemeinden in Lateinamerika sein. In diesem Anliegen haben wir uns mit dem Missionswerk Missio zusammengetan und ausgetauscht, denn Missio kann ähnliche Erfahrungen mit den so genannten Kleinen Christlichen Gemeinschaften aus dem asiatischen und afrikanischen Raum einbringen. Gemeinsam veranstalteten wir Mitte Januar zu diesem Themenbereich auch einen großen Kongress . Wichtig ist dabei, dass es nicht um ein Modell oder Konzept geht, das es zu kopieren gilt, sondern eben um konkrete Erfahrungen aus der Weltkirche, die zu einem Impuls für die deutsche Ortskirche werden können.

 

Frage: Wird Ihr Impuls auch aufgenommen? Werden in Deutschland in absehbarer Zeit Basisgemeinden entstehen?

Klaschka: Es wird lange brauchen, bis dieser Impuls Frucht trägt, aber er muss gegeben werden. In Deutschland wird es nach meiner Überzeugung in 15 Jahren etwas ähnliches wie Basisgemeinden geben, wobei es ein paar wenige auch schon heute gibt. Die Religionslehrerin, der Laientheologe, engagierte Christen und Christinnen überhaupt werden sich zunehmend fragen, wo und wie sie ihren Glauben noch leben können, weil sie sich von ihrer Pfarrei beziehungsweise der Pfarreizentrale sozusagen nicht mehr richtig begleitet wissen. Entsprechend werden sie Initiativen ergreifen. Deshalb ist es wichtig, schon jetzt solche Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Priester und Bischöfe müssen sich umgekehrt fragen, wie sie solche Entwicklungsmöglichkeiten schaffen und begleiten können. Denn hinterher zu klagen, in solchen Entwicklungen hätten sich Gläubige abgekoppelt, geht nicht. Unser Glaube will leben, und er lebt nicht nur durch die Hierarchie. Der christliche Glaube lebt durch seine Praxis und durch den Austausch miteinander. Alle sind getauft und gefirmt und wir müssen endlich ernst nehmen, dass alle Getauften auch den Heiligen Geist empfangen haben. Das ist doch der Kern des Gedankens von einem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen, wie ihn das Konzil aufgegriffen und noch einmal breit ausgeführt hat. In dieser Richtung müssen wir uns alle in Deutschland noch bewegen, nicht nur die Hierarchie. Dabei können wir eben viel lernen von den Erfahrungen in anderen Ortskirchen dieser Welt.

 

Frage: Sehen Sie für ein solches weltkirchliches Lernen den Boden in Deutschland, in Diözesen und Gemeinden schon bereitet? Wie ist es überhaupt um das weltkirchliche Bewusstsein in der Kirche in Deutschland bestellt?

Klaschka: Solches Lernen fällt uns schon noch schwer. Wenn ich hier von Mexiko erzähle, dann heißt es immer gleich: Ja schön, aber bei uns ist alles anders, Deutschland ist nicht Mexiko. Und das stimmt natürlich, wir leben den Glauben in einem anderen Kontext. Aber wir müssen uns auch öffnen, um in der Kirche weltweit Lern-, Glaubens- und Weggemeinschaft zu sein, wie es die Bischöfe in ihrem Missionswort Allen Völkern sein Heil im Jahr 2004 formuliert haben. Die Kirche in Deutschland und in Europa ist nicht mehr nur Gebende, wie sie es lange in ihrer Kirchengeschichte war, hingesandt zu anderen. Wir befinden uns heute in einer Situation, wo wir bereit sein müssen, von anderen Ortskirchen zu lernen: Auch was es heißt, den Glauben zu leben, Kirche zu sein, Zeugnis zu geben.

 

Das Gespräch führte Alexander Foitzik (Herder Korrespondenz)

 

Dieses Interview wurde in Auszügen der Dezember-Ausgabe der Herder Korrespondenz (66; 12/2012) entnommen:
www.hk-on.de

„Kleine Christliche Gemeinschaften sind eine Erfolgsgeschichte“

 

Frage: Prälat Krämer, Sie haben auf Ihren Reisen nach Asien und Afrika viele verschiedene Kleine Christliche Gemeinschaften kennengelernt. Welche Unterschiede gibt es von Land zu Land?

Krämer: Das Leben in den Kleinen Christlichen Gemeinschaften ist sehr stark vom jeweiligen nationalen und kulturellen Kontext geprägt. Mentalitäten spielen eine große Rolle. Während die Kleinen Christlichen Gemeinschaften in Afrika sich sehr stark am Modell des Clans orientieren, ist das Leben in den Kleinen Christlichen Gemeinschaften Asiens meditativer geprägt. Doch manchmal gibt es auch innerhalb eines Landes mitunter deutliche Unterschiede. Während in den meisten Kleinen Christlichen Gemeinschaften Indiens beispielsweise nur Christen zusammenkommen, gibt es auf dem indischen Subkontinent andere Gemeinschaften, die sich bewusst auch für Hindus und Buddhisten geöffnet haben.

 

Frage: Welche Begegnung ist Ihnen im Zusammenhang mit Kleinen Christlichen Gemeinschaften ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Krämer: Im April 2009 hatte ich die Gelegenheit, mit einer Delegation der Deutschen Bischofskonferenz nach Südkorea zu reisen, um dort den pastoralen Ansatz der Kleinen Christlichen Gemeinschaft in dem asiatischen Land kennenzulernen. Beeindruckend fand ich, mit welchem Selbstverständnis uns Christen in den Diözesen Suwon und Jeju begegneten. Sie sagten: „Unsere Sendung sehen wir darin, die erkalteten Glaubenden wieder zu erwärmen (…). Wir wollen missionarisch sein, auf die Menschen in unserem Wohnumfeld zugehen, Beziehungen knüpfen und helfen, wo wir gebraucht sind.“

 

Frage: Haben Sie Gemeinschaften getroffen, in denen diese partizipative Form von Kirche besonders erfolgreich praktiziert wird? Welche Erfolgsgeschichten haben Sie erlebt?

Krämer: Insgesamt kann man weltweit von einer Erfolgsgeschichte der Kleinen Christlichen Gemeinschaften sprechen. Allein in Asien geht man davon aus, dass in den vergangenen 20 Jahren über 300.000 lebendige kirchliche Basisgruppen entstanden sind. Beeindruckt hat mich, was eine junge Christin aus Sri Lanka formulierte, nachdem sie den Weg zu einer Kleinen Christlichen Gemeinschaft gefunden hatte: „Früher waren es ausschließlich die Priester, von denen die Kirche geprägt wurde. In den Kleinen Christlichen Gemeinschaften haben wir eine neue Art kennengelernt, Kirche zu sein. Wir alle gehören zur Kirche. Wenn wir uns aktiv einbringen, geben wir der Kirche ein neues, junges Gesicht.“

 

Frage: Welche konkreten Aspekte des basisgemeinschaftlichen Modells können für das Gemeindeleben in Deutschland übernommen werden?

Krämer: Ich glaube, dass wir auch in Deutschland prüfen sollten, mit welchen für unseren Kontext notwendigen Veränderungen die Kleinen Christlichen Gemeinschaften ein Modell darstellen, um in Deutschland auf zukunftsfähige Weise Kirche zu sein. Wichtig erscheint mir, dass die Kleinen Christlichen Gemeinschaften eine Möglichkeit darstellen, als Kirche vor Ort präsent zu sein. In ihnen realisiert sich die Communio-Struktur der Kirche. Darüber hinaus steht das Wort Gottes in beeindruckender Weise im Mittelpunkt des Lebens der Kleinen Christlichen Gemeinschaften. Die persönliche Begegnung mit Jesus Christus ist das Zentrum, von dem die Sendung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften ausgeht. Ich bin mir sicher, dass gerade die Christus- bzw. Bibelzentrierung sowie der Sendungscharakter der Kirche auch für die Zukunftsfähigkeit der Deutschen Ortskirche von entscheidender Bedeutung sind.

 

Stand: Dezember 2012