Bibelteilen – Lebensbegegnung mit dem Wort Gottes

  • Hannover - 18.02.2013

Den Gemeindeaufbau in Deutschland zu stärken ist eines der Themen beim ökumenischen Kongress Kirche hoch zwei vom 14. bis 16. Februar 2013 in Hannover. Der Missio-Diözesanreferent Dieter Tewes aus Osnabrück hat dazu in dem Workshop „Bibelteilen – Kennenlernen und Einüben“, eine Form der Liturgie und Gebetsschule, wie sie in Kleinen Christlichen Gemeinschaften (KCG) in Afrika, Asien und Lateinamerika üblich ist, vorgestellt.

Statt klassischer Bibelauslegung steht das Hören auf das Wort Gottes im Vordergrund. In dem spirituellen Prozess kommt es zu einer persönlichen Begegnung mit dem Wort Gottes innerhalb der Gemeinschaft, mit der ein Sendungsauftrag in die Gemeinde wie auch in die Gesellschaft verbunden ist.

Anders als in Bibelkreisen findet das Bibelteilen im Zentrum des Gemeindelebens statt. Diskussionen oder Vorträge über Bibelstellen werden bei dem Zusammenkommen vermieden. Wichtig ist nicht, wie genau das Wort zu verstehen ist, sondern was es für die jeweilige Person bedeutet. Durch das Hören auf die Bibelstelle und die Gedanken der anderen soll das Herz erreicht werden. „In dem, was der andere sagt, erfahre ich auch etwas, was mich bereichern kann“, gibt Tewes an die Workshopteilnehmer weiter. Dadurch kommt es zu einer lebendigen, nahezu körperlichen Begegnung mit Christus. Voraussetzung dafür ist jedoch, laut Tewes, „dass wir uns verlassen dürfen, dass Christus unter uns ist, weil er gesagt hat: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Bibellesen des Volkes

„So ist mit Bibelteilen folglich weder Auslegung, noch wissenschaftlicher Umgang mit der Bibel gemeint“, wie Missio-Diözesanreferent Dieter Tewes zusammenfasst, sondern: „Bibellesen des Volkes – dass ein ganz normaler, theologisch nicht vorgebildeter Mensch die Bibel aufschlägt und ein Wort liest und sagt, da spricht der Geist mich an.“

Der Missio-Diözesanreferent Dieter Tewes aus Osnabrück beim Workshop „Bibelteilen“ auf dem ökumenischen Kirchenkongress „Kirche hoch zwei“. Missio

In Zeiten von Priestermangel und immer größer werdenden Pfarreien bietet diese Form gerade für dezentrale Gemeinden der Pfarrei in Deutschland eine Möglichkeit, im Bibelteilen „den spirituellen Saft zu holen“, sagt Tewes. In der Begegnung mit Analphabeten in Afrika, Asien und Südamerika, die durch das Bibelteilen neuen Mut bekamen, hat Dieter Tewes positive Erfahrungen gesammelt. Auch liefen Gemeinden nicht länger der Gefahr entgegen, dass nur Hauptamtliche oder der Priester in Sachen Bibel den Ton angeben, so Tewes weiter.

„Bibellesen des Volkes – dass ein ganz normaler, theologisch nicht vorgebildeter Mensch die Bibel aufschlägt und ein Wort liest und sagt da spricht der Geist mich an.“

— Dieter Tewes, Missio-Diözesanreferent

Mit diesem partizipativen Ansatz sollen die Leute selber etwas für und mit ihrem Glauben tun. Auch Menschen ohne theologische Vorkenntnisse können und sollen auf die Frohe Botschaft Bibel schauen und etwas davon in ihrem Leben mitnehmen.

Kleine Christliche Gemeinschaften – Kirche vor Ort

Kleine Christliche Gemeinschaften (KCG) sind sozialräumlich organisierte Gruppen, die sich als Kirche vor Ort sehen. Sie schlagen nicht irgendeine Bibelstelle beim Bibelteilen auf, sondern oftmals das Evangelium vom kommenden Sonntag. Innerhalb der 7-Schritte-Methode des Bibelteilens, wie sie im Lumko-Pastoralinstitut in Südafrika entwickelt wurde, ist neben dem Wort Gottes der Sendungsauftrag der Gemeinde von großer Bedeutung. Der Handlungsauftrag soll dabei nicht aus dem Bibeltext hergeleitet werden, sondern aus ihm seine Inspiration, seinen Geist, finden und konkret auf die Realität angewendet werden.

Marcelo Cruz beim gemeinsamen Bibellesen mit seiner Familie. Escher/Adveniat

In Deutschland hat sich der Name „Kleine Christliche Gemeinschaften“ (KCG) verbreitet. Er hat aber weder mit der Größe der Gemeinde noch mit einer abgeschlossenen Gruppe zu tun, sondern steht für ein umfangreiches pastorales Modell, eine Substruktur in der Pfarrei, die mit der Gemeinde vernetzt ist und sich als Kirche versteht. Missio unterstützt diesen auf biblischer Spiritualität basierenden partizipativen Weg des Kircheseins in Afrika, Asien und Ozeanien. Denn er bietet die Möglichkeit, die Gemeinden angesichts knapper werdender personeller und finanzieller Ressourcen zu stärken. Vor allem aber sind KCG eine neue Art Kirche zu sein. „Damit sind die Kleinen Christlichen Gemeinschaften auch ein Weg der Zukunft in der Kirche bei uns in Deutschland“, resümiert Dieter Tewes.

Ein Bericht von Susanne Kruza

Kongress „Kirche hoch zwei“

Der ökumenische Kirchenkongress fand vom 14. bis 16 Februar in Hannover statt. Eine umfangreiche Dokumentation der Ergebnisse finden Sie auf der Webseite der Veranstaltung:

Kirche hoch zwei

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