„Es mangelte an allem“

  • Sankt Augustin - 02.04.2013

Noch nicht einmal zwei Jahre ist der jüngste Staat der Erde alt. Nach jahrzehntelangen Bürgerkriegen erklärte der Südsudan im Juli 2011 offiziell seine Unabhängigkeit vom Norden des Landes. Zurück blieb ein armes, vom Krieg gezeichnetes und zutiefst traumatisiertes Volk. Die Initiative „Solidarity with South Sudan“, kurz „Solidarity“, hilft den Menschen beim Wiederaufbau ihres Landes und wird dabei von 200 Ordensgemeinschaften aus aller Welt unterstützt. Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche berichtet Anne Carthy, Development Director bei „Solidarity“, von der Herausforderung, einen Staat aufzubauen, in dem es an fast allem mangelt.

Frage: Miss Carthy, wie kam es zu der Gründung der Initiative „Solidarity with South Sudan“?

Carthy: Den Anstoß für „Solidarity“ gaben die südsudanesischen Bischöfe im Jahr 2004. Auf einer Konferenz in Rom bat Joseph Abangite Gasi, damaliger Bischof der Diözese Tombura, die katholischen Ordensgemeinschaften um Unterstützung für sein Land. Denn es mangelte an allem: an Infrastruktur, Bildung, an einem funktionierenden Gesundheits- und Landwirtschaftssystem. Die Antwort auf den Hilfeschrei der südsudanesischen Kirche war beeindruckend: Neunzehn Ordensgemeinschaften machten sich auf den Weg in den Südsudan, wo sie als Krankenschwestern und Lehrer Unterstützung leisteten. Die Initiative ist seitdem immer weiter gewachsen. Inzwischen kooperieren wir mit über 200 Frauen- und Männerorden und vielen internationalen Hilfsorganisationen.

Frage: Was waren für den Südsudan die größten Herausforderungen auf dem Weg zur Unabhängigkeit?

Weltkirchliche Vielfalt: Gruppenfoto der Ordensleute, die im Südsudan im Einsatz sind. Paul Jeffrey

Carthy: Während sich der Großteil der Südsudanesen zum christlichen Glauben bekennt, ist der Sudan, der ehemalige Norden des Landes, mehrheitlich muslimisch geprägt. Viele Menschen denken daher, die Abspaltung des Landes sei religiös motiviert gewesen. Aber das Problem liegt viel tiefer: Seit Jahrzehnten wurde der Süden von der sudanesischen Regierung vernachlässigt. Die Politiker wandten sich ab und überließen das Land sich selbst. Die Folge: Im Süden gab es weder eine funktionierende Wirtschaft, noch Schulen, Krankenhäuser oder ausgebildete Fachkräfte. Sogar an Verkehrsstraßen mangelte es. 2005 verliefen gerade einmal 16 Kilometer Straße durch ein Land, das mit 600.000 Quadratmetern fast so groß wie Frankreich ist. Alles in allem lässt sich sagen, dass die fehlende Infrastruktur die größte Herausforderung beim Aufbau des neuen Staates ist. Inzwischen hat sich einiges getan, aber es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Beispielsweise fehlen derzeit immer noch 24.000 Grundschullehrer, um die 73-prozentige Analphabetenrate des Landes zu senken.

Frage: Bevor das Land unabhängig wurde, herrschte ein 22-jähriger Bürgerkrieg. Leiden die Menschen im Südsudan immer noch unter den Folgen dieses Krieges?

Carthy: Absolut. Während des Bürgerkrieges litten die Menschen unter extremer Gewalt, Frauen wurden missbraucht, Familien wurden auseinandergerissen, Männer und sogar Kinder wurden zum Militär geschickt. Mehr als 90 Prozent der Südsudanesen mussten aus ihrer Heimat flüchten – viele wurden sogar mehrfach vertrieben. Das geht nicht spurlos an den Menschen vorbei. Das Trauma in der Bevölkerung sitzt sehr tief. Aus diesem Grund ist die Arbeit von „Solidarity“ auch eine psychologische. Wir unterrichten beispielsweise Schüler, die extrem talentiert und zugleich zutiefst traumatisiert sind. In jeder unserer Einrichtungen arbeiten Ordensleute und Priester, die die Betroffenen psychologisch betreuen und ihnen dabei helfen, ihr Trauma zu überwinden.

Die Ausbildung von Kleinbauern hat Priorität im Südsudan. Hier das gemeinschaftliche Landwirtschaftsprojekt in Riimenze. Paul Jeffrey

Frage: Welche weiteren Hilfsprojekte gibt es für die Menschen im Südsudan?

Carthy: „Solidarity“ engagiert sich in vier Bereichen: Bildung, Gesundheit, Pastorales und Landwirtschaft. Insgesamt haben wir zwei Ausbildungszentren für Lehrer, ein Gesundheitsinstitut, in dem wir Krankenschwestern und Hebammen ausbilden, zwei Landwirtschaftsprojekte und ein Pastoralprogramm, das sich unter anderem auf Friedens- und Versöhnungsarbeit konzentriert, auf den Weg gebracht. Wir helfen den Menschen nicht nur bei der Berufsvorbereitung, sondern unterstützen auch diejenigen, die bereits berufstätig sind. Ein schönes Beispiel dafür ist eines unserer Landwirtschaftsprojekte, das wir kürzlich durchgeführt haben: Dabei ging es in erster Linie darum, die Menschen an ihre eigenen Fähigkeiten und das Potenzial ihres Landes zu erinnern. Denn viele der südsudanesischen Stämme sind Hirten, die in der Vergangenheit eine sehr enge Verbindung zu ihrem Land pflegten. Durch den Bürgerkrieg sind diese Fähigkeiten jedoch in Vergessenheit geraten. Wir sind dafür da, sie wieder zu reaktivieren.

Kurzum: Das, was „Solidarity“ tut, ist der Aufbau eines Staates, der noch in den Kinderschuhen steckt. Dafür muss man zwei Dinge gewährleisten: Institutionen aufbauen und Kapazitäten schaffen – eine große Herausforderung für uns alle.

Im Südsudan

  • leben 92 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze,
  • sind 73 Prozent der Bevölkerung Analphabeten,
  • stirbt eines von fünf Kindern, bevor es das fünfte Lebensjahr erreicht,
  • ist die Müttersterblichkeit eine der höchsten weltweit.

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Anne Carthy betreut seit zwei Jahren Koordination, Entwicklung und Finanzierung der Initiative „Solidarity with South Sudan“ weltkirche.katholisch.de

Frage: Welche Aufgabe haben Sie bei „Solidarity“?

Carthy: Ich koordiniere die Entwicklung und langfristige Finanzierung der Initiative. Meine Aufgabe ist, die Nöte der Menschen im Südsudan zu identifizieren und ihnen in der Welt eine Stimme zu verleihen. Daher arbeite ich in erster Linie von Europa aus. Ich vernetze mich mit den einzelnen Kooperationspartnern in Europa und den USA. In Deutschland erhalten wir beispielsweise sehr große Unterstützung – sowohl von den Missionsorden, wie der Steyler Ordensfamilie, als auch von Misereor, Missio Aachen, der Caritas und natürlich der Deutschen Bischofskonferenz. „Solidarity“ ist ein großes Gemeinschaftsprojekt, in dem katholische Organisationen aus vielen verschiedenen Ländern und Kontinenten zusammenarbeiten – das ist beeindruckend.

Frage: Was sind die größten Errungenschaften Ihrer Initiative?

Carthy: Man könnte sich jetzt die Zahl der Einrichtungen, die wir geschaffen haben, angucken oder die Summe an Krankenschwestern und Lehrern, die ausgebildet wurden – aber das steht nicht im Vordergrund. Wichtig ist die Tatsache, dass wir vor Ort sind, um das Leid und die Ängste der Menschen zu bezeugen und darauf eine Antwort zu geben, ihnen mit unserer Hilfe beizustehen. Möglich gemacht haben dies unter anderem auch die zahlreichen Ordensleute, die im Südsudan im Einsatz sind. Sie stammen aus 18 Ländern und sprechen 20 verschiedene Sprachen. Trotz dieser Unterschiede arbeiten alle mit viel Freude und Engagement zusammen. Dadurch ist „Solidarity“ wie ein eigener kleiner Mikrokosmos. Dieses internationale Beziehungsgeflecht ist eine große Errungenschaft, für die ich sehr dankbar bin.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

www.solidarityssudan.org

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