Mit Leidenschaft leben

  • Südsudan

Im September 2014 sind vier junge Männer ins Noviziat der Jesuiten in Nürnberg eingetreten, um die interne Ausbildung für ein Leben als Ordensmann zu beginnen. Ein halbes Jahr später sind noch zwei von ihnen übrig. Viele andere Orden in Deutschland haben noch weniger oder überhaupt keinen Nachwuchs. Stirbt das Ordensleben langsam aus?

Das Jahr der Orden

Papst Franziskus hat das Jahr 2015 zum „Jahr der Orden“ erklärt. „Die Gegenwart mit Leidenschaft zu leben und die Zukunft voll Hoffnung ergreifen“, sind für ihn dabei zwei Ziele. Trotz Nachwuchsproblemen in vielen Ländern sind Orden eine sehr wichtige Säule der Weltkirche. Über 700.000 Ordensfrauen und mehr als 180.000 Ordensmänner arbeiten weltweit in Pfarreien sowie in Bildungs- und Sozialeinrichtungen.

Hilferuf aus dem Südsudan

Eine Initiative, in der Männer und Frauen verschiedener Orden auf neue Art und Weise zusammenarbeiten, findet sich im Südsudan. Solidarity with South Sudan , Solidarität mit Südsudan, nennt sich das Projekt. „Den Anstoß für Solidarity gaben die südsudanesischen Bischöfe im Jahr 2004“, erzählt Anne Carthy , die als Direktorin für Entwicklung und Fundraising von London aus für „Solidarity“ arbeitet. „Die Bischöfe baten die katholischen Ordensgemeinschaften um Unterstützung für ihr Land. Denn es mangelte an allem: an Infrastruktur, Bildung, an einem funktionierenden Gesundheits- und Landwirtschaftssystem. Die Antwort auf den Hilfeschrei der südsudanesischen Kirche war beeindruckend: Neunzehn Ordensgemeinschaften machten sich auf den Weg in den Südsudan, wo sie als Krankenschwestern und Lehrer Unterstützung leisteten. Die Initiative ist seitdem immer weiter gewachsen. Inzwischen kooperieren wir mit über 260 Frauen- und Männerorden und vielen internationalen Hilfsorganisationen.“

P. Callistus stammt aus Sri Lanka. In der „Solidarity“-Initiative stoßen ganz verschiedene Kulturkreise aufeinander. Paul Jeffrey

Eine bestechende Idee

Die Idee hinter „Solidarity“ ist bestechend: Anstatt dass jede Ordensgemeinschaft ihr eigenes Projekt im Südsudan aufbaut, schließen sie sich zusammen und leben auch gemeinsam in ordensübergreifenden Kommunitäten. „Wir sind an fünf Orten im Südsudan: in Juba, Yambio, Wau, Riimenze und Malakal“, zählt Schwester Yudith Pereira Rico auf. Die zupackende Spanierin hält in Rom die Fäden der Initiative zusammen. „Wenn wir für unsere Projekte einen Lehrer, eine Ärztin, eine Hebamme, eine Verwaltungsfachkraft oder jemanden mit Erfahrung in der Landwirtschaft brauchen, schicken wir eine Mail an unsere Mitglieder, und die Orden, die jemanden schicken können, melden sich bei uns.“ In den Kommunitäten von „Solidarity“ stoßen ganz verschiedene Kulturkreise und Ordenstraditionen aufeinander: Schwestern aus Tansania, Myanmar, Vietnam, Kanada und Brasilien leben mit Ordensmännern aus Kenia, Indien, Sri Lanka und den USA zusammen. „Das ist für uns alle sehr bereichernd“, strahlt Schwester Yudith. „Natürlich brauchen einige etwas mehr Zeit, um sich einzugewöhnen. Wir hatten zum Beispiel einen Pater aus Indien, der nicht damit klar kam, sich selbst um seine Wäsche zu kümmern. Das war gar keine böse Absicht, sondern er war aus Indien gewohnt gewesen, dass so etwas selbstverständlich die Schwestern für ihn machen.“

Waffen und Gewalt

„Solidarity“ engagiert sich im Südsudan in vier Bereichen: Bildung, Gesundheit, Pastorales und Landwirtschaft. Es gibt zwei Ausbildungszentren für Lehrer, ein Gesundheitsinstitut, in dem Krankenschwestern und Hebammen ausgebildet werden, zwei Landwirtschaftsprojekte und ein Pastoralprogramm, das sich vor allem auf Friedens- und Versöhnungsarbeit konzentriert. „Die Situation im Land ist nach wie vor sehr instabil“, beobachtet Schwester Yudith, die erst kürzlich alle Projekte im Südsudan besucht hat. „Sowohl die Regierungspartei als auch die Armee sind in verschiedene Fraktionen unterteilt und alle haben sich wieder bewaffnet. Es ist im Südsudan so leicht an Waffen zu kommen, dass jede Streiterei auf der Straße mit einem Schusswechsel endet. Die politische Situation ist sehr komplex: während die Regierung Wahlen für den 30. Juni ausgerufen hat, halten die Opposition und die USA das für verfrüht, weil vereinbarte Schritte des Friedensprozesses noch nicht umgesetzt wurden. In drei Provinzen wird weitergekämpft und auch in anderen Regionen leidet die Bevölkerung unter fehlender Sicherheit. Alle fürchten neue bewaffnete Konflikte.“

Obwohl die Truppenstärke der UN-Mission im Südsudan seit den Unruhen im Dezember 2013 deutlich erhöht wurde, ist die Lage im Land immer noch instabil. Paul Jeffrey

Sehr instabile Lage

Die erst im Januar 2015 ausgehandelte Waffenruhe zwischen den Konfliktparteien ist durch verschiedene Rebellengruppen bereits wieder gebrochen worden. Dabei hatte der jüngste Staat der Welt am 9. Juli 2011 seine Unabhängigkeit nach 22 Jahren Bürgerkrieg mit so viel ausgelassener Freude und hoffnungsvoller Zuversicht gefeiert. Doch im Dezember 2013 führte ein politischer Machtkampf zwischen dem Präsidenten und seinem Vize-Präsidenten zu neuen Gefechten und einer Massenflucht. Fast eine Million Menschen suchten Zuflucht in Flüchtlingslagern. Hilfsorganisationen warnten bereits im April 2014, dass ausfallende Ernten zu einer dramatischen Hungerkrise führen werden.

Ein geplündertes College

Es sind schwierige Bedingungen, unter denen die Ordensleute von „Solidarity“ arbeiten. Aber sie geben nicht auf. Schwester Barbara schreibt im November 2014 von ihrer Rückkehr in das zerstörte Malakal: „Ich konnte nicht einmal die Straßen in der Stadt wiedererkennen, so zugewachsen ist alles, nur ein Pfad zwischen Gestrüpp und Trümmern ist geblieben. Unser College ist zerstört, alle Türen und Fenster sind zerbrochen und alles wurde mitgenommen, sogar die Solarpanel, Computer, Bücher und Möbel. Offensichtlich hatten Soldaten oder Rebellen hier Unterschlupf gefunden und es gab heftige Kämpfe. Auf dem Markt sah ich, dass einige unserer Bücher zum Kauf angeboten wurden. Wir haben eine Siedlung aus Bambus- und Zelthütten besucht, in denen Flüchtlinge untergekommen sind. Inmitten dieser unerträglichen Armut wurden wir so herzlich begrüßt und aufgenommen. Wir haben unter ihnen mindestens zehn unserer Lehrer wiedergetroffen. Die Leute sagen uns, dass sie beginnen, jegliche Hoffnung zu verlieren und dass wir sie nicht vergessen mögen. Wir haben viele weitere Flüchtlingslager besucht und wir werden Lehrer finden und ausbilden, damit sie in den Lagern unterrichten können. 60 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren können nicht lesen und schreiben. Und die meisten Frauen hatten ebenfalls nie eine Chance. Ja, es ist eine riesige Herausforderung, aber wir werden mutig vorangehen und unseren Fähigkeiten vertrauen.“

Zu den Projekten von „Solidarity“ zählt unter anderem die Ausbildung von Hebammen. Paul Jeffrey

Freude über Erfolge

Die anderen Projekte von „Solidarity“ waren nicht so stark von den jüngsten Gewaltausbrüchen betroffen wie das College zur Lehrerausbildung in Malakal. „In Wau haben unsere Krankenschwestern und Hebammen ihre Ausbildung erneut mit Top-Ergebnissen abgeschlossen“, freut sich Schwester Yudith, „und in Yambio am Lehrerinstitut gab es zwei Klassen an Absolventen. Dort werden wir die Kapazitäten erweitern. In Riimenze in dem Projekt der gemeinschaftlichen Landwirtschaft hatten wir eine gute Ernte und die Farm wächst. Darüber freuen sich alle in der Umgebung, denn die Familien sind Teil des Projektes. Es werden Erdnüsse, Mais, Hirse, Reis, Kürbisse, Bohnen, Linsen und Yucca angebaut und Familien können die Pflugochsen, Maschinen und die Mühle nutzen und lernen Methoden der Konservierung.“

Das Trauma sitzt tief

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Arbeit von „Solidarity“ ist die pastorale und psychologische Begleitung. Das Trauma in der Bevölkerung sitzt sehr tief. Während des Bürgerkrieges litten die Menschen unter extremer Gewalt, Frauen wurden missbraucht, Familien wurden auseinandergerissen, Männer und sogar Kinder wurden zum Militär geschickt. Mehr als 90 Prozent der Südsudanesen mussten aus ihrer Heimat flüchten – viele wurden sogar mehrfach vertrieben. „Das geht nicht spurlos an den Menschen vorbei“, sagt Anne Carthy. „Aus diesem Grund ist die Arbeit von „Solidarity“ auch eine psychologische. Wir unterrichten beispielsweise Schüler, die extrem talentiert und zugleich zutiefst traumatisiert sind. In jeder unserer Einrichtungen arbeiten Ordensleute und Priester, die die Betroffenen psychologisch betreuen und ihnen dabei helfen, ihr Trauma zu überwinden.“

„Wir werden bleiben“

In den fünf Projekten und Kommunitäten von »Solidarity« leben momentan 29 Ordensleute und drei Laien. Es ist beeindruckend, was sie gemeinsam aufgebaut und auch durchgestanden haben. Für alle ist klar, dass sie auch in Zukunft die Menschen im Südsudan nicht alleinlassen werden. „Der Südsudan braucht unsere Solidarität“, sagt Schwester Yudith. „Wir werden bleiben.“

Von Judith Behnen, Jesuitenmission

Quelle: weltweit. Das Magazin der Jesuitenmission. Ostern 2015 . Mit freundlichem Dank für die Genehmigung.

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