Die Kinder von Bahngleis 6

  • Indien - Salesianer Don Boscos

Sie hausen auf Bahnsteigen, müssen betteln, stehlen oder Kinderarbeit verrichten und gehen nicht in die Schule: Unfassbar viele Kinder leben in Indien auf der Straße. In Delhi bietet ihnen Don Bosco die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

Mit schnellen und sicheren Schritten läuft Dev* über die Schienen. Barfuß. Die kleinen dreckigen Füße des Zwölfjährigen umschließen die metallenen Streben, auf denen eben erst ein Zug quietschend seine Fahrt beendet hat. Balancieren muss Dev nicht, er kann seine Hände lässig in den Taschen der viel zu großen und schmuddeligen Jacke lassen, die er von einer Hilfsorganisation bekommen hat. Dev geht diesen Weg mehrmals jeden Tag. Er lebt auf dem Bahnhof. 

Seit 2012 ist Dev am Bahnhof von Neu Delhi, mal hat er sein Lager auf Bahnsteig 6, mal auf Bahnsteig 9, immer zusammen mit seiner Clique. „Mein Freund Anil ist dabei und dann noch weitere Jungs“, erzählt Dev, der von Zuhause weggelaufen ist, weil sein Vater ihn geschlagen hatte. Nun hält er sich ebenso wie seine Freunde mit dem Sammeln von leeren Flaschen über Wasser. Die Jungs laufen durch die Züge, fragen Passagiere auf den Bahnsteigen und durchwühlen den Müll. Dann verkaufen sie die Flaschen an Geschäfte. „Ich verdiene 200 bis 300 Rupien am Tag.“ Das sind rund drei bis vier Euro.

Unfassbar viele Kinder und Jugendliche, überwiegend Jungs, leben auf den Straßen und Bahnhöfen Delhis. Genaue Zahlen sind nicht zu bekommen. Don Bosco Ashalayam in Delhi kümmert sich in verschiedenen Bereichen um Straßenkinder und ist pro Jahr mit mehr als 4.000 Kindern im Kontakt.

Jungs werden als billige Arbeitskraft ausgebeutet, Mädchen werden Opfer von Zwangsprostitution

Seit 2012 lebt Dev auf dem Bahnhof in Delhi. Don Bosco Mitarbeiter kümmern sich um den Zwölfjährigen.

Simone Utler/Don Bosco Mission Bonn

Die meisten der Jungs sind von Zuhause abgehauen. „Häufig ist es so, dass die Großstadt eine besondere Faszination auf sie ausübt“, erzählt Vater George Nadackal, der Direktor von Ashalayam, über die Illusion, mit der viele Jungs in die indischen Megastädte kommen. „Wenn sie einmal an den Bahnhöfen gelandet sind, beginnt das Elend für sie.“ Die Jungs hängen rum und betteln, sie suchen Essen, Schutz vor der Polizei und einen Platz zum Schlafen. „Und sie werden als billige Arbeitskraft ausgebeutet, beispielsweise in Tee-Häusern, wo sie Geschirr spülen. Es gibt einfach viele Menschen, für die sei eine leichte Beute sind“, sagt Vater George.

Die meisten Jungs landen und leben am Bahnhof von Neu Delhi. „Darum sind wir dort auch besonders präsent“, so der Ashalayam-Direktor. Insgesamt acht Mitarbeiter sind auf den Straßen der Stadt im Einsatz, außerdem bringt die Polizei Kinder, die sie aufgegriffen hat, in das Heim oder die Jungen wurden aus der Kinderarbeit befreit. „Mädchen sehen wir selten auf den Straßen, sie werden eher Opfer von Menschenhändlern und Zwangsprostitution.“

Vater George sitzt in seinem Büro im Haupthaus von Ashalayam. Das dreigeschossige Gebäude in Form eines V steht in Palamgaon, einem bürgerlichen Stadtteil im Südwesten Delhis. Hier leben derzeit rund hundert Jungen. Einige von ihnen spielen im Hof Basketball, Fußball und Cricket, einer fährt auf Rollschuhen umher.

Die Geschichte von Vijay

Der zehnjährige Vijay* legt den Basketball zur Seite, setzt sich auf die Treppe vor dem Haupteingang und erzählt von seinem Weg nach Ashalayam. „Ich war mit meiner Familie im Wald zum Holz sammeln. Dann waren plötzlich alle weg“, erinnert sich Vijay. Er hat lange geschwungene Wimpern, einen großen Leberfleck auf der linken Wange, sein linker Schneidezahn ist abgebrochen. Wenn er erzählt, knetet Vijay seine Hände und blickt nach unten. Wo sein Zuhause ist, kann er nicht sagen. Und auch nicht, in welchem Wald er seine Familie verloren hat: „In einem Wald eben.“

Vijays Schatzkiste: Der Spind im Schlafraum in Ashalayam enthält alles, was dem Zehnjährigen wichtig ist.

Simone Utler/Don Bosco Mission Bonn

Orientierungs- und hilflos stromerte Vijay damals herum, kam irgendwann am Bahnhof an. „Ich war so hungrig. Eine Frau gab mir eine Banane und etwas Wasser, auf kleinen Märkten habe ich mir Obst geklaut.“ Also beschloss Vijay zu bleiben, tat sich mit ein paar anderen Jungs zusammen und suchte sich für die Nächte Unterschlupf in leeren Häusern oder unter Brücken. Dann wurde er aufgegriffen und nach Ashalayam gebracht. Das war 2011.

„Am Anfang habe ich viel geweint. ‚Wo hat man mich hierher gebracht? Warum bin ich hier?’, habe ich mich oft gefragt.“ Einmal ging er mit einem Jungen zusammen zur Schule, der schon öfter weggelaufen war. Die beiden hauten ab, wurden aber schnell wieder gefasst. Inzwischen fühlt er sich wohl in Ashalayam. Er geht in die vierte Klasse, hat Freunde gefunden. „Ich finde es toll, dass ich hier Essen bekomme und schlafen kann. Doch ich vermisse auch meine Familie.“ Vijay hat zwei ältere Schwestern, einen jüngeren Bruder, aber keinen Kontakt. „Es liegt auch keine Vermisstenmeldung vor“, sagt Vater George.

Jedes Kind, jeder Jugendliche, der aufgriffen wird, muss dem Child Welfare Committee gemeldet werden. Prinzipiell versuchen die Salesianer, die Familien der Straßenkinder zu finden und diese dorthin zurückzubringen. Im Jahre 2013/14 konnten 450 Kinder in ihre Familien zurückkehren.

Chance auf ein gutes Leben

Wenn das nicht gelingt, bekommen die Kinder und Jugendlichen in Ashalayam eine Chance auf ein gutes Leben. Drei Väter und zwei Brüder arbeiten hier, bieten den Jungs Unterkunft und Essen, außerschulische Aktivitäten wie Sport, Spielen, Malen, Zeichnen und Talentwettbewerbe – und natürlich die Möglichkeit zur Schule zu gehen. „Unser Hauptziel ist, die Jungs in eine Beschäftigung zu bringen und ihnen Selbstvertrauen beizubringen, damit sie ein selbstständiges Leben führen können“, sagt Vater George.

Arun hat den Sprung in ein neues Leben geschafft. Die Salesianer haben ihm eine Ausbildung ermöglicht, jetzt arbeitet er als Fotograf.

Simone Utler/Don Bosco Mission Bonn

Arun* ist ein Beispiel für eine Erfolgsgeschichte. Der 22-Jährige lebt seit 2000 in Ashalayam, hat das College abgeschlossen, arbeitet in einem Unternehmen für E-Commerce als Fotograf und verdient rund 15.000 Rupien (rund 215 Euro) im Monat. Er lebt in dem Hostel, das die Salesianer auf der gegenüberliegenden Straßenseite für junge Männer über 18 Jahre betreiben.

Arun hat eine Familie, doch als die Mutter vor einigen Jahren krank wurde, brachte der Vater ihn zu einem entfernten Verwandten in Punjab. Der Verwandte hat Arun geschlagen, er wollte nach Hause zu fahren, nahm aber den falschen Zug und landete in Delhi. Vier Tage lang lebte Arun auf einem Bahnsteig, hatte kein Wasser, kein Essen. Dann kamen Mitarbeiter von Don Bosco und fragten ihn, ob er mitkommen wolle.

Die Salesianer fanden seine Familie, doch er konnte trotzdem bleiben. „Wenn ich nicht hierher gekommen wäre, hätte ich niemals studieren können. Wir sind insgesamt acht Personen in der Familie und  leben in einem kleinen Dorf mit hundert Häusern. Das durchschnittliche Tageseinkommen liegt dort bei 100 Rupien. Keiner geht dort zur Schule.“ Arun und sieben weitere junge Männer schlossen im Jahr 2013/14 erfolgreich ihre Ausbildungen und Studien ab, unter anderem in den Bereichen Hotel-Management, Multimedia, Journalismus, Bank- und Finanzrecht, Politikwissenschaft und Grafikdesign.  

Der zwölfjährige Dev hingegen sieht die Chance nicht, die ihm ein Leben in Ashalayam bieten würde. Er sieht nur, dass man in so einem Haus nach Regeln leben muss, dass man sich in eine Struktur einfügen muss, nicht so in den Tag hineinleben kann wie auf dem Bahnhof. Aber immerhin geht er manchmal zum Unterricht einer anderen Hilfsorganisation in einem Raum in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Und vielleicht erkennt er eines Tages die Möglichkeiten von Bildung.

Von Simone Utler

*Namen der Kinder geändert

 

Quelle: Don Bosco Magazin 4/2015. Mit freundlichem Dank für die Genehmigung.

 

Stand: August 2015

www.strassenkinder.de

© Don Bosco Mission Bonn

Hilfe für Straßenkinder in Indien

Don Bosco Ashalayam kümmert sich in Delhi um Kinder, die auf der Straße oder in Slums leben, um Kinder, die nicht zur Schule gehen können, und um Kinder in Notsituationen. Die Salesianer bieten ihnen eine ganze Reihe an Unterstützungen und Betreuungen, damit die Kinder eine Chance auf ein normales Leben und eine Ausbildung bekommen. Angefangen vom Straßenkontakt reicht das Angebot über ambulante Hilfen und Schutz bis hin zu Erziehung und Ausbildung. Seit 1997 betreiben die Salesianer das Haus Ashalayam in Palamgaon, das 2007 als Heim für Jungen von 6 bis 18 Jahren staatlich registriert wurde. Außerdem gibt es das Shelter Home Okhla, das in einem anderen Teil Delhis als lokaler Kontaktpunkt für Jungen dient. Es gibt auch ein Haus für Mädchen, das von den Don Bosco Schwestern betrieben wird und in dem derzeit 25 Mädchen sind.

Zwei Organisationen - ein Ziel

Gleich zwei Organisationen, die den weltweiten Zentren der Salesianer Don Boscos zur Seite stehen, haben ihren Sitz in Bonn: Don Bosco Mondo und Don Bosco Mission.

Als Einrichtung der Salesianer Don Boscos vertritt Don Bosco Mission Bonn die internationalen Anliegen des Ordens in Deutschland. In der Entwicklungsarbeit fokussiert sich Don Bosco Mission ganz besonders auf gefährdete Jugendliche und Straßenkinder und kooperiert intensiv mit katholischen Hilfswerken.

Don Bosco Mondo hingegen ist eine rechtlich selbstständige Nichtregierungsorganisation. Sie konzentriert sich auf Bildung, berufliche Ausbildung, Nothilfe und die Vertretung der Rechte von Kindern und Jugendlichen weltweit.

In mehr als 130 Ländern der Welt ist Don Bosco aktiv, um Straßenkindern neue Perspektiven zu schaffen. Erfahren Sie mehr über die Arbeit und die Straßenkinderprojekte von Don Bosco in Kenia, Kolumbien oder Peru:

www.strassenkinder.de

 

Die Salesianer Don Bocos gründen sich auf den italienischen Geistlichen Johannes Bosco (1815–1888). Der Priester nahm sich vernachlässigter Jugendlicher im beginnenden Industriezeitalter an.

 

Die erste deutsche Niederlassung entstand 1916 in Würzburg, die Deutsche Provinz mit Sitz in München wurde 1935 gegründet. Sie erstreckt sich heute auch auf die Schweiz und zählt rund 280 Mitglieder. (KNA)

Zum 200. Geburtstag von Don Johannes Bosco haben die Salesianer eine Aktions-Webseite eingerichtet. Hier finden Sie alle Informationen zu den Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.

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