Gutes Zusammenleben

  • Lebensstil

Vom Ende der Utopie schrieb Herbert Marcuse, 1967, angesichts des enormen technischen Fortschritts. Das Ende der Geschichte kündigte der japanisch-amerikanische Denker Francis Fukuyama an, als er zu Beginn der 90er Jahre den Zusammenbruch des sozialistischen Imperiums erlebte und besonders die nordamerikanische Demokratie mit den Prinzipien des Liberalismus und der Marktwirtschaft auf der Siegesstraße wähnte. „Alternativlos“ war das Unwort des Jahres 2010. Es gebe eben keine Alternativen mehr. Angesagt ist das Ende einer jeden Utopie!

Da scheinen Technologie, Kapitalismus, Konsum und Ungleichheit das letzte Wort zu haben. Ist das das Ziel unseres Erdplaneten? Sehen so die Erfüllung und die Sehnsucht der Menschheit aus? Bleibt es bei den sozialen Asymmetrien, die einerseits enorme Gewinne ermöglichen und andererseits die Elendsviertel wachsen lassen? Haben eine übersteuerte Technologie, ein einseitiger neoliberaler Kapitalismus und eine erweckte Konsumsehnsucht die Utopie einer „anderen möglichen Welt“ in die Ecke gedrängt und ihr den K.O.-Schlag versetzt? Schnelligkeit, Buntheit, Neuheiten, Fülle! Benötigen wir mehr? Unsere Augen sehen eine Warenfülle, die unsere Hände nicht einmal alle berühren können.

Elendsviertel in Kalkutta Schwarzbach/Misereor

Ruf nach Achtsamkeit

Gleichzeitig regt sich Unbehagen und ein wachsendes Gespür von Grenzerfahrungen. Fragen werden lauter und ein Rufen wird unüberhörbar, das sich nicht zufrieden gibt mit den riesigen und betäubenden Konsumangeboten. „Stopp“ steht auf vielen Schildern und Plakaten dieser Tage, die ein einfach so Weitergehen und Weitermachen nicht akzeptieren, sei es in der Wirtschaft, der Politik, den Fragen der Nachhaltigkeit und des Klimas. Für die Grenzenlosigkeit bezahlen besonders die Armen, weltweit. Die alte Unterscheidung zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden gilt nicht mehr. In jedem Land spiegelt sich die auseinandergehende Schere zwischen Armut und Reichtum wider.

Da ist ein immer wieder neues Mahnen gegen die maßlose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und ein Ruf nach Achtsamkeit gegenüber unserem Planeten wie auch unserer eigenen Kräfte. Die Anzahl der Menschen wächst, die diese Tragödie wahrnehmen und sich zu Botschaftern und Botschafterinnen unseres Erdplaneten machen. Neue Gedanken und Worte werden geboren: „Rechte der Erde“, „Güter für alle“, „Nichtprivatisierung von Wasser und Luft“.

„Die Lebensfähigkeit, Vielfalt und Schönheit der Erde zu schützen, ist eine heilige Pflicht.“

— Erdcharta
Nargis Khatoon, Tanzlehrerin bei T-SHED in Kalkutta Schwarzbach/Misereor

Da sind Frauen, die ihre eigene Würde und ihre Möglichkeiten einklagen, um mitzubauen an anderen Arten von Beziehung, ohne Machismus und Ausbeutung vom Körper. Sie wollen und bringen ihre eigene Originalität ein, ohne eine eher männliche Logik zu kopieren.

Da sind die auf viele Arten von einem würdigen Leben Ausgegrenzten, die in nichtmenschlichen Verhältnissen leben, zu früh sterben, weder Gesundheitsvorsorge noch adäquaten Zugang zu Krankendiensten kennen, die mit Aasgeiern um Essenreste auf den Müllhalden streiten, die sich sehnen nach einer Welt ohne ausgrenzenden Egoismus und fehlende Solidarität.

„Warum nicht eine Welt im Horizont haben, die nach einer anderen Logik denkt?“

Eine Welt, in der die Armgemachten nicht in ihren Ohnmachten bleiben, sondern in der Sorge tragen füreinander, Geschwisterlichkeit und Solidarität Maßstäbe und Prioritäten des Zusammenlebens sind.

Misereor - gegen Hunger und Krankheit in der Welt!

Misereor - wir laden sie ein „anders zu sehen“. Unsere Geschichte ist noch nicht an ihr Ende gekommen und der aktuelle Zustand unserer Erde ist nicht alternativlos!

Misereor - Sich von Not und Unrecht von Leidenden weltweit berühren lassen und eine Position beziehen an der Seite der Armen. Immer noch gibt es Widerstand im Begreifen, dass es lediglich eine Menschheit gibt, ein gemeinsames Haus, eine Mutter Erde.

Welchen Planeten wollen wir? Welche Menschheit können wir sein? Welches Leben können und wollen wir leben? Welches Zusammenleben peilen wir an? Welche Art von Fortschritt denken wir? Von einem brasilianischen Bischof lernte ich, dass Gott einen Traum hat. Dieses Traumes wegen erschuf Er das Universum; dieses Traumes wegen ist Er einer von uns geworden, Jesus von Nazareth. Im biblischen Wort „Gottesreich“ wird dieser Traum Gottes deutlich.

„Das Gottesreich ist keine Utopie; es ist mehr als eine Utopie!“

Eine Utopie endet im Horizont der Geschichte. Das Gottesreich bringt ein „schon jetzt“ solcher Utopien und ein „noch nicht“ von ihnen zusammen. Das „schon jetzt“ erlebten und erleben wir in der Radikalität und Schönheit dessen, worum es Jesus und in seiner Nachfolge ging. Jesu Passion, sein Lebensinhalt, seine Überzeugung, Kraftquelle und sein Lebensziel: Dass Gottes Reich zum öffnenden Weg für uns wird. Dass das Samenkorn des Lebens und die befreiende Lebenskraft zum Durchbruch kommen. Dass die Einfachheit eines Lebensstils zum Ferment einer anderen möglichen Welt wird. Dass gerade den Armen und Leidenden das Leben zu einer guten Nachricht wird. In den Seligpreisungen und der Bergpredigt (Mt 5-7), in der sogenannten Weltgerichtsrede (Mt 25), in der Antrittsrede Jesu (Lk 4) werden das „noch nicht“ der Utopien sichtbar, weil noch zu viel an Platz für Ausgrenzung, übermäßige Anhäufung, Herrschaft gegeneinander, Machtmissbrauch, Krieg und Zerstörung aktuell sind.

Jesus ermutigt uns, Utopien voranzubringen und sagt allen Lebensfülle zu, die sich in diesem Geiste engagieren: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist“ (Mt 25,34). Dann werden alle Utopien (das, was noch nicht Platz hatte) Platz und Raum haben, in der größeren Liebe und Gerechtigkeit Gottes.

Stand: September 2012

© Pirmin Spiegel, Misereor

Die Erd-Charta

Die Erd-Charta ist eine internationale Erklärung grundlegender ethischer Prinzipien für eine nachhaltige Entwicklung. Sie ist das Produkt eines weltweiten interkulturellen und interreligiösen Dialogs, an dem Hunderte von Organisationen sowie Tausende von Einzelpersonen über kulturelle, religiöse und geographische Grenzen hinweg beteiligt waren.

Die Erklärung ist Basis der Internationalen Erd-Charta-Initiative, ein weltweites Netzwerk von Menschen, Organisationen und Institutionen, die sich für die Anwendung und Umsetzung der Erd-Charta-Ethik einsetzen.

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