Verantwortungsgemeinschaft zwischen Nord und Süd

  • Lebensstil

Wer heute dem neuesten Modetrend folgt und entsprechend einkauft, erhält häufig eine Hochglanztragetasche, die neben der Marke auch das Wort „Lifestyle“ enthält. Eines der großen Aachener Autohäuser warb mit „Lifestyle“ für ein „Erlebnis-Wochenende mit Fahrzeugneuvorstellungen“.

Die Autovertretung hat vor allem obere Mittelklasse- und Oberklasse-Modelle und die sogenannten SUVs im Angebot. Der Hersteller hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit anderen deutschen Automobilproduzenten durch intensive Lobbyarbeit erreicht, dass die Bundeskanzlerin in der EU die Einführung schärferer Abgasvorschriften für die Begrenzung des CO2-Ausstoßes blockiert hat. Die Argumentation dabei war immer: Wirtschaftsstandort Deutschland, Arbeitsplätze und Technologieführerschaft.

Die Modetasche macht deutlich: Unser „persönlicher Lebensstil“ ist selten nur „persönlich“. Er ist längst Teil eines globalen Marktes, auf dem Anbieter zunächst still und leise unsere Gewohnheiten nachverfolgen und uns Bedürfnisse einflüstern, um uns dann umso lauter von der Notwendigkeit ihrer Produkte für unser Glück und Wohlergehen zu überzeugen. Erlebnis, Erfolg, Status, Zugehörigkeit, Sicherheit und Geborgenheit versprechen sie uns – wenn wir nur ihre Produkte zum Bestandteil unseres „persönlichen Lebensstils“ machen.

„Unser ‚persönlicher Lebensstil‘ ist selten nur ‚persönlich‘.“

Kurzlebiges Glück

Wir wissen um die Ironie und die Kehrseite dieses ständig wachsenden Ausstoßes materieller Glücksversprechen: Das „Glück“ der Konsumentinnen und Konsumenten ist noch kurzlebiger als die Produkte selber. Vor allem aber ist es häufig mit dem Unglück, dem Leiden unserer Mitmenschen und unserer Mitwelt erkauft, bis in die Zukunft hinein.

Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel Misereor

Die Rohstoffe und die Energie sind ja nur deshalb günstig genug für die Massenproduktion von Autos und vielen anderen Konsumgütern, weil am anderen Ende der Kette Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben und arbeiten müssen, weil Tiere als Input industrieller Nahrungsmittelerzeugung behandelt werden und weil natürliche Ressourcen unserer Erde übernutzt werden. Unsere weltkirchliche Arbeit stellt uns ständig Beispiele dafür vor Augen. Dieses System, diese Wirtschaft tötet – so hat es Papst Franziskus auf den Punkt gebracht.

Nicht akzeptabel dabei ist, dass dieses System ethische und Gerechtigkeitsfragen hintan stellt und Verantwortung kleingeschrieben wird. Es verschleiert Zusammenhänge zwischen Autos, Nahrungsmitteln, der Kleidung, den Finanzanlagen etc., die wir nutzen, und dem Sozialdum-ping sowie der Umweltzerstörung, die wir dafür in Kauf nehmen. Zu Recht fordern die katholischen und evangelischen Bischöfe in ihrer aktuellen Stellungnahme zur Wirtschafts- und Sozialordnung deshalb die „Erneuerung der Verantwortungskultur“. Als Christen sind wir überzeugt, dass Verantwortung für den anderen und für die Schöpfung unser Leben nicht schmälert sondern weiter und reicher macht. Im Bewusstsein der eigenen Grenzen gemeinsam Verantwortung füreinander und für Dritte zu übernehmen, bedeutet, sich in einen größeren Zusammenhang zu stellen, der die Enge dessen übersteigt, was jeder einzeln für möglich und machbar hält. Ohne diesen positiven Elan wird das Bemühen um globale Verantwortung in kleinlichem Verhandlungspoker oder Mutlosigkeit ersticken.

Grenzen überwinden

Umgekehrt kann dieser Elan helfen, Grenzen wie etwa die zwischen „entwickelten“ und „unterentwickelten“ Ländern zu überwinden, wenn deutlich wird, dass jedes Land und jeder Mensch nach seinen Möglichkeiten, aber auch nach seiner historischen Verantwortung beitra-gen kann – und dass jeder Beitrag gebraucht wird. Das betrifft die individuelle ebenso wie die gesellschaftliche Ebene. Beides gehört zusammen: die Frage, wie wir als einzelne und als Gruppen unseren Nahbereich gestalten, und das gesellschaftliche Ringen um Werte und Prio-ritäten, die den Rahmen für unser Leben als einzelne und als Gruppen bilden. Dabei geht es um große Themen: unser Verständnis von Freiheit und Gerechtigkeit, unser Verhältnis zur Schöpfung und zur eigenen Endlichkeit, um Hoffnungen und Ängste – letztlich um die Frage, wie wir leben wollen. Als Akteure der Weltkirche gehören wir in diese Debatten und in dieses Ringen hinein.

 

Von Pirmin Spiegel, Misereor

 

Stand: August 2014
Hinweis: Der Beitrag von Pirmin Spiegel ist erstmalig erschienen im Jahresbericht Weltkirche 2013 .

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Die Erd-Charta

Die Erd-Charta ist eine internationale Erklärung grundlegender ethischer Prinzipien für eine nachhaltige Entwicklung. Sie ist das Produkt eines weltweiten interkulturellen und interreligiösen Dialogs, an dem Hunderte von Organisationen sowie Tausende von Einzelpersonen über kulturelle, religiöse und geographische Grenzen hinweg beteiligt waren.

Die Erklärung ist Basis der Internationalen Erd-Charta-Initiative, ein weltweites Netzwerk von Menschen, Organisationen und Institutionen, die sich für die Anwendung und Umsetzung der Erd-Charta-Ethik einsetzen.

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