In der roten Zone

  • Santa Cruz de la Sierra - 01.10.2013

Fast ein Jahr habe ich in Santa Cruz gelebt, und trotzdem muss ich zugeben, dass ich einige Ecken einfach noch nicht kenne. Besser gesagt: Vermutlich kenne ich noch nicht einmal 50 Prozent der Stadt. Das liegt zum einen daran, dass Santa Cruz in einem rasanten Tempo wächst, weil immer mehr Menschen auch aus dem Hochland auf Arbeitssuche hierher kommen. Schon jetzt zählt die Metropole mehr als 2,3 Millionen Einwohner. Andererseits hat es vielleicht aber auch mit der Sicherheit zu tun.

Das reiche Stadtzentrum bildet den Kern von Santa Cruz. Wie der Stamm eines Baumes wächst die Stadt dann in Ringen: Das Kinderdorf liegt am vierten Ring, in einer Gegend, die man – für bolivianische Verhältnisse – wohl als Mittelschicht bezeichnen kann. Doch schon am sechsten von mittlerweile zehn Ringen – so wurde uns Freiwilligen empfohlen – sollte man sich als Europäer nach Möglichkeit nicht aufhalten: zu groß sei das Risiko überfallen und ausgeraubt zu werden. Ab dem achten Ring beginne die „zona roja“, die rote Zone von Santa Cruz: Armut, Gewalt, Kriminalität. So zumindest die – sicher etwas übertriebene – Warnung damals, die auf mich zumindest ihre Wirkung hatte.

Der Plan 3000

Entsprechend überrascht war ich dann trotzdem als mich Karin, eine deutsche Sozialarbeiterin, in ihr Projekt in den Plan 3000 einlud, einem Gebiet zwischen dem siebten und achten Ring. Überzeugt zu kommen, hat mich am Ende nicht nur die Versicherung von Karin, dass es absolut sicher sei, sondern gerade auch ein Satz von einer Mitarbeiterin im Kinderdorf, der mir in Erinnerung geblieben ist: „Wenn du das wahre, das arme Santa Cruz sehen willst, musst du in den Plan 3000 fahren.“

„La Rotonda“, der Markt von Plan 3000. Lukas Lange

Gemeinsam mit Karin fahre ich also mit dem Bus stadtauswärts, während man durchs Fenster beobachten kann, wie sich das Stadtbild verändert: die herrschaftlichen Gebäude im Stadtzentrum im Hinterkopf, sehe ich, wie die Häuser immer kleiner und einfacher und schließlich mehr zu Wellblechhütten werden. Wie der Bus nicht mehr über Asphalt, sondern über Schotter und schließlich Lehm rollt. Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich wird selten so deutlich sichtbar wie hier.

Der Plan 3000 ist wie eine eigene Stadt innerhalb der Stadt. „La rotonda“, der überfüllte Markt aus kleinen Hütten, ist zugleich Wahrzeichen und Eingang in das Gebiet, in dem Hunderttausende Menschen leben. Ein zweites Merkmal: der Müll, der auf den Straßen allgegenwärtig ist.

Besuch in der Ciudad de la Alegria

Inmitten dieser chaotischen Trabantenstadt kommt einem die „Ciudad de la Alegria“ fast paradiesisch vor: Sauber ist es hier und es gibt noch viel Weite und Natur. Ein spanischer Jesuit hatte das riesige Areal vor knapp 30 Jahren gekauft und dort die „Ciudad de la Alegria“, die Stadt der Freude, gegründet, die die verschiedensten Einrichtungen beherbergt: ein Kinderdorf, eine Residenz für junge Studenten aus der Provinz, eine Theaterschule, eine Tourismusschule, eine Sportschule, ein Schwimmbad als sanitäre Einrichtung für den Plan 3000 und ein Tagungshotel, dessen Einnahmen das Projekt mitfinanzieren.

Die Sportschule in der Ciudad de la Alegria. Lukas Lange

Die einzelnen Einrichtungen sind eng miteinander verbunden, aber dennoch eigenständig: Karin und die anderen Freiwilligen arbeiten an den verschiedensten Stellen mit. Durch den Schwerpunkt auf Bildung und Gesundheit kann die „Ciudad de la Alegria“ immer wieder Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem Viertel eine Perspektive bieten.

Ganz wichtig dabei: Dass alle Bewohner innerhalb ihrer Möglichkeiten mithelfen; durch kleine Monatsbeiträge für die Unterkunft oder durch Mitarbeit im Hotel oder im Schwimmbad. Nicht nur, dass das Projekt sich so zu unglaublichen 40 Prozent selbst finanzieren kann, es scheint auch, dass die Bewohner seinen Wert noch mehr zu schätzen wissen und sich als Teil des Ganzen sehen.

Mit vielen neuen Eindrücken geht es auf den Heimweg. Vielleicht habe ich Santa Cruz mit seinen vielen Gesichtern ein bisschen besser kennengelernt.

Von Lukas Lange

Mit der Gitarre im Gepäck nach Bolivien

12 Monate lang hat Lukas Lange als Missionar auf Zeit im Kinderdorf Padre Alfredo in Bolivien mitgelebt, mitgearbeitet und mitgebetet. Nun kehrt er für drei Wochen an den Ort zurück, der für ihn zu einer zweiten Heimat geworden war. Alle Reiseberichte auf einen Blick finden Sie hier:

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