Drei Tage wach: Abschied von Santa Cruz

  • Dortmund - 10.10.2013

Ja, es mag abgegriffen klingen, aber irgendwie ist es doch so: Man hat immer zu wenig Zeit. Besonders bitter: am schnellsten verfliegt sie natürlich, wenn es am schönsten ist. Oder wie der gute Bob Dylan mal formuliert hat: „Time is a jetplane, it moves damn fast.“ Meine zweieinhalb Wochen in Bolivien jedenfalls sind – zumindest subjektiv – besonders schnell vergangen. Dafür kann man vielleicht sagen, dass die Zeit irgendwie besonders voll, besonders intensiv war. Und typisch für Bolivien: voller Überraschungen, kleiner Katastrophen und Improvisation.

Was mir in Erinnerung bleibt: Die Ausflüge zum Geburtstag mit meinen Patenkindern Lucho und Hernan. Die gemeinsame Fahrt mit den Kindern und der Hausmutter Yasmin aus meinem Haus ins Freibad, wo wir einen tollen Tag verbracht haben. Die Einladung des Jugendorchesters Santa Cruz, das wir mit den Kindern vom Chor besuchten. Abende mit meinen Freunden Pancho, Fernanda und Christian; immer mittwochs bei der Reggea-Band von „420“ in unserem Stammlokal „Maratuelde“.

Aber auch Abende im Kinderdorf: gemeinsames Gitarre spielen, ungezählte Runden „Mensch ärgere Dich nicht“, zusammen ein Kapitel aus „Harry Potter“ lesen.

Ganz besonders improvisiert waren jedoch wohl meine letzten 72 Stunden in Santa Cruz, in denen ich aus Zeitmangel den Schlaf einfach mal weggelassen habe – 3 Tage wach zum Abschied also.

Ein Tag voller Überraschungen

Und gerade der letzte Tag sparte auch nicht an Überraschungen – positiven wie negativen. Zum Mittagessen war ich von den Mitarbeitern des Kinderdorfes eingeladen, von denen ich mich bei Suppe, Hühnchen und Obstsalat verabschieden konnte, mit dem Versprechen, so schnell wie möglich wiederzukommen. Danach ging es mit den Kindern vom Chor und dem Musiklehrer zu einem Sinfoniekonzert – das Jugendorchester Santa Cruz hatte uns eingeladen. Nicht nur die Kinder waren von dem, was die Jugendlichen zeigten, begeistert.

Als ich dann schließlich gegen Abend wieder ins Kinderdorf zurückkam, wollte ich mich nur kurz umziehen, um dann zum Abschiedsabendessen in mein Haus zu gehen.

Am Eingang wurde ich aber vom Bruder eines Mädchens empfangen, das früher in meinem Haus gelebt hatte, und das, wie er mir erzählte, nun in Schwierigkeiten war. Weil das mein letzter Abend war, bat ich ihn, mit uns zu essen und auch seine Schwester einzuladen.

Zwischen Freud und Leid

So wurde mir gerade in diesen letzten Tagen deutlich: Wo so viele Kinder auf engstem Raum zusammenleben, werden die Kontraste und Gegensätze besonders sichtbar; liegen Freude und Leid oft dicht beieinander.

Hier die Freude über das Baby im Haus, dort muss die Älteste das Haus verlassen. Die Freude darüber, dass sich ein schwieriges Kind gut eingelebt hat; die Verunsicherung, als dessen Vater und seine Ehefrau es nun adoptieren und damit aus der vertrauten Umgebung wieder herausreißen wollen. Und auch die unterschiedlichen Lebenswege der Jugendlichen, die das Kinderdorf verlassen haben: Jose Alfredo studiert internationale Beziehungen an der Universität, Alejandra* lebt mit ihrem Freund zusammen und ist schwanger; Luis* will sich für Forstwissenschaften einschreiben, seine Schwester Belen* hat die Schule abgebrochen und lebt in einer Holzhütte am 8. Ring mit ihrem Freund, einem Bandenmitglied.

„Vielleicht ist es gerade dieses ‚Zusammenleben von Widersprüchlichem‘, das in meinen letzten Tagen deutlich wurde – und das mich wieder hierhin zurückkommen lässt.“

Doch trotz all dieser Widersprüche und all der unterschiedlichen Personen, die bei meiner Verabschiedung dabei waren: Kinder und Jugendliche, Mitarbeiter vom Kinderdorf, der junge Mann vom Eingangstor, ein Vater mit seiner Frau, der seinen Sohn besuchte und ihn adoptieren möchte; die Hausmutter Yasmin und einige meiner Freunde aus Santa Cruz; trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wurde es ein wunderbarer letzter Abend – bis hin zum Pförtner, der um 3 Uhr nachts noch auf ein paar Gläser Wein vorbeischaute, um sich zu verabschieden.

Es ist schwierig, Ihnen und Euch, zu vermitteln, was für mich das Besondere in Bolivien und auch im Kinderdorf ausmacht. Vielleicht ist es gerade dieses „Zusammenleben von Widersprüchlichem“, das in meinen letzten Tagen deutlich wurde – und das mich wieder hierhin zurückkommen lässt.

Und wo die Widersprüche zu groß werden, gibt es manchmal Menschen wie die Mitarbeiter im Kinderdorf, die versuchen sie ein bisschen erträglicher zu gestalten – auch durch Eure Unterstützung!

Danke dafür und auch für Euer Interesse an meinem Blog.

!Hasta luego!

Von Lukas Lange

*Namen geändert

Mit der Gitarre im Gepäck nach Bolivien

12 Monate lang hat Lukas Lange als Missionar auf Zeit im Kinderdorf Padre Alfredo in Bolivien mitgelebt, mitgearbeitet und mitgebetet. Im September kehrte er für drei Wochen an den Ort zurück, der für ihn zu einer zweiten Heimat geworden war. Alle Reiseberichte auf einen Blick finden Sie hier:

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proyecto CD

Lukas Lange hat mit den Kindern des Kinderdorfes Padre Alfredo das Musikprojekt "proyecto CD" ins Leben gerufen. Wenn Sie seine Aktion unterstützen möchten, können Sie hier spenden:

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