„Wochen, die ich nie vergessen werde“

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Jessica Marín verließ im Sommer vergangenen Jahres ihre Heimat im ecuadorianischen Cuenca, um sich ein Jahr lang in der Erzdiözese München-Freising als Freiwillige zu engagieren. Seit rund fünf Monaten arbeitet die 21-Jährige im Kindergarten St. Wolfgang bei Dorfen, einem kleinen Ort östlich von München. Kurz nach ihrer Ankunft im August 2013 haben wir sie zu ihren ersten Eindrücken befragt.

Frage: Wie hast du die ersten Wochen in Deutschland erlebt?

Jessica: Mit der Ankunft hat sich plötzlich so viel verändert; in einem anderen Land ganz von vorne anzufangen. Alle sprechen eine andere Sprache. Man kennt keinen. Es ist eine wichtige Erfahrung, an die ich mich immer zurückerinnern werde. In den ersten Wochen in München habe ich an einem Deutschkurs teilgenommen, was zunächst kompliziert war. Aber mit Geduld und Ausdauer habe ich mein Deutsch verbessert. Mit meiner Gastfamilie für die erste Zeit in München habe ich viele unvergessliche Momente erlebt – trotz der Sprachschwierigkeiten, da sie kein Spanisch können. Ich bin ihnen sehr dankbar, weil sie es geschafft haben, dass ich mich heimisch fühle, und immer aufmerksam waren, wie sie mich in allem unterstützen konnten.

Ich hatte ebenso die Möglichkeit, viele sehr freundliche Leute kennenzulernen, die mir für mein Freiwilligenjahr nur das Beste wünschten. Als ich die Sehenswürdigkeiten der Stadt erkundete, merkte ich, wie sehr sich Deutschland trotz seiner Geschichte mit dem Segen Gottes entwickeln konnte. Das Land ist so anders als Ecuador – in seiner Struktur, seinen Transportmitteln, dem Klima, dem Essen, der Kultur usw. Dies sind Wochen, die ich nie vergessen werde. Jeden Tag lerne ich etwas Neues, reich von Gottes Segen.

Frage: Wie wurdest du aufgenommen?

Jessica: Auf die beste Art und Weise. Seit dem ersten Tag waren alle Menschen um mich herum aufmerksam, hießen mich willkommen, wünschten mir nur das Beste und fragten besorgt nach, ob ich etwas Bestimmtes benötige. Sie gaben mir Zuneigung und Unterstützung. Dafür werde ich stets dankbar sein.

Frage: Welchen Eindruck hast du von deiner neuen Heimat?

Jessica: In Ecuador besuchte ich ein Vorbereitungsseminar für meinen Freiwilligendienst. Dort wurde uns die deutsche Kultur nähergebracht und Unterschiede zwischen beiden Ländern aufgezeigt. Als ich in Deutschland ankam, merkte ich, dass wirklich alles anders ist, zum Beispiel die Kultur der Leute und ihre Gewohnheiten. Aber ich lerne daraus. Es ist interessant und wunderschön, jeden Tag meine neue Heimat besser kennenzulernen.

„Der Austausch hilft dir als Person zu wachsen und das Leben auf eine andere Art und Weise zu sehen.“

— Jessica Marín
Jessica mit weiteren Freiwilligen und Padre Guido Murillo (rechts). Der Ecuadorianer ist seit September 2013 im Erzbistum München-Freising als Priester tätig. Erzbistum München-Freising

Frage: An welche Dinge musstest du dich erst gewöhnen?

Jessica: An das Klima und die Tag-Nacht-Zeiten. Am ersten Tag, als ich ankam, war es 19.00 Uhr am Abend und alles war noch hell! Außerdem ist das Essen ganz verschieden, aber es ist sehr lecker und vielfältig an Gerichten. Auch die Kirche ist hier völlig anders. Sie unterscheidet sich beispielsweise in der Spiritualität, in der Feier der Eucharistie; aber trotz der Verschiedenheit ist sie dieselbe Kirche.

Frage: Was war deine Motivation, als Freiwillige nach Deutschland zu gehen?

Jessica: Durch die erfahrungsreiche Pastoralarbeit mit den Jugendlichen in meiner Stadt wurde mir die Möglichkeit angeboten, einen Freiwilligendienst in einem anderen Land zu machen. Die Entscheidung war schwierig. Ich dachte darüber nach, was ich alles verlassen muss: die Familie, die Arbeit, die Freunde, usw. Aber ich habe es einfach in die Hand Gottes gelegt. Ich habe mir gesagt: Wenn es sein Wille ist, wird es geschehen.

Frage: Gibt es eine Anekdote, an der du die kulturellen Unterschiede zwischen Ecuador und Deutschland gemerkt hast?

Jessica: Ich habe viele Anekdoten erlebt – jeden Tag eine, weil hier alles so anders ist. Bereits am zweiten Tag in Deutschland musste ich zu meinem Sprachkurs. Wir warteten auf die S-Bahn und ich schaute, wo man die Tickets kauft. Schließlich kam die S-Bahn und ich wunderte mich die ganze Fahrt über, warum niemand am Eingang kontrollierte. Ich dachte mir, dass wir wohl beim Aussteigen zahlen müssen. Dann kamen wir an und gingen gleich zum Deutschkurs. Später wurde mir erklärt, dass man vor der Fahrt ein Ticket kauft und es verschiedene Arten von Tickets gibt, je nachdem, wohin man fährt. Da wird dir klar, dass es eine andere Kultur ist. Deutschland hat für alles ein elektronisches System und die Leute wissen immer, was sie zu tun haben.

Frage: Mit welchen drei Worten würdest du deinen Freiwilligendienst beschreiben?

Jessica: Liebe – Einsatz – Hingabe.

Frage: Wie wichtig ist für dich der Gedanke, dass der Freiwilligendienst keine Einbahnstraße sein darf?

Jessica: Wäre der Austausch nur einseitig, wäre es kein wirklicher Austausch. Nur ein Teil hätte die Möglichkeit, eine neue Kultur, neue Bräuche und Gewohnheiten kennenzulernen und neue Erfahrungen zu machen. Mit der Realisierung des Internationalen Freiwilligendienstes in beiden Ländern – Deutschland und Ecuador – vervollständigt sich die Partnerschaft, mit dem Effekt, dass die Jugendlichen beider Länder die Erfahrung des Freiwilligenprogramms innerhalb der Kirche hochhalten. Der Austausch hilft dir als Person zu wachsen und das Leben auf eine andere Art und Weise zu sehen.

Das Interview führte Sebastian Bugl.

Stand: September 2013

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