„Beste Erfahrung für’s Leben!“

  • Reverse-Dienste

Als erster Reverse-Freiwilliger im Erzbistum München-Freising kam Luis Toapanta 2012 nach Deutschland. Ein Jahr lang engagierte sich der Ecuadorianer in einer katholischen Kindertagesstätte und in einem Jugendhaus in Schliersee. Im August dieses Jahres kehrte er zurück nach Quito. Im Interview blickt der 23-Jährige zurück auf 12 aufregende Monate.

Frage: Wie hast du die ersten Wochen in Deutschland erlebt?

Luis: Die ersten Wochen waren unglaublich, da alles so neu war. Auf jeden Fall war es eine „andere Welt“ mit einer neuen Sprache und Kultur, einem anderem Essen, neuen Leute und Orten. Es war sehr interessant, die Hauptattraktionen Bayerns kennenzulernen.

Frage: Wie wurdest du aufgenommen?

Luis: Die Aufnahme war von allen Leuten, die ich kennen lernen durfte, sehr herzlich. Vom ersten Tag an haben sie mir ein Gefühl von einer Heimat gegeben. Das war sehr wichtig für mich, weil ich Vertrauen gefasst habe und vielleicht auch die Angst verloren habe, in einem so weit entfernten Land zu wohnen.

Frage: Welchen Eindruck hattest du von deiner neuen Heimat?

Luis: Zu allererst hatte ich den Eindruck in einer sehr fortschrittlichen Stadt mit viel Technologie zu leben, aber nie hätte ich gedacht, so viele Grünflächen zu sehen. München hat mir gefallen wegen seiner Parks, Plätze und Biergärten voll von Leben und mit Musik, die alle Gäste in Stimmung gebracht hat.

Frage: An welche Dinge musstest du dich erst gewöhnen?

Luis: Zunächst war es schwer, das so exakte, pünktliche und durchplante Transportsystem zu verstehen. Am schwersten war es wohl, mich an das deutsche, deliziöse Essen zu gewöhnen, das ich in Ecuador nun sehr vermisse.

Frage: Was war deine Motivation, als Freiwilliger nach Deutschland zu gehen?

Luis: An erster Stelle stand die Motivation, etwas von der großen Hilfe, die Deutschland meinem Land Ecuador bisher gegeben hat, zurückzugeben, indem ich meine Kultur zeigen wollte, die Traditionen und die Folklore der Ecuadorianer.

„Es ist wichtig, dass man diesen Freiwilligendienst nicht nur als Dienst, sondern auch als Zusammenleben und Teilen versteht.“

— Luis Toapanta
Luis (rechts) mit seinem Freund David, der ebenfalls seinen Freiwilligendienst im Erzbistum München-Freising absolviert hat. Erzbistum München-Freising

Frage: Gibt es eine Anekdote, an der du die kulturellen Unterschiede zwischen Ecuador und Deutschland gemerkt hast?

Luis: Einer der größten Unterschiede ist vielleicht das geordnete, systematische und durchgeplante deutsche Lebenssystem. In Ecuador ist dieses sehr schwer zu finden, da wir spontaner und ruhiger sind. Eine der weniger lustigen Geschichten erzählt von der Art und Weise in der S-Bahn zu reisen. Die meisten Fahrgäste lesen oder hören ihre Musik über Ohrstöpsel. Nur wenige Leute sprechen miteinander. Dagegen hören die Fahrgäste in Ecuador die Musik, die dem Fahrer gefällt. Wir sprechen alle miteinander, obwohl wir uns nicht kennen und nur die Schüler und Studenten lesen – und das auch nur, wenn sie Prüfungen haben!

Frage: Umgekehrt gefragt: Gibt es eine Anekdote, an der du gesehen hast, dass die Menschen gar nicht so unterschiedlich sind?

Luis: Nach den ersten Eindrücken und nachdem das Hindernis der Sprache etwas überwunden war, konnte ich einige Gemeinsamkeiten speziell zwischen Bayern und der Sierra in Ecuador entdecken. So verbindet uns die landwirtschaftliche Tätigkeit. Insbesondere erinnere ich mich an die Leonhardifahrt, eine Prozession zu Pferde, die ich mit meiner Gastfamilie angeschaut habe. Wieder zurück habe ich ihnen Filme unserer ecuadorianischen Version gezeigt, die „Desfile del Chagra“ genannt wird; auch mit Pferden und wirklich sehr ähnlich zur Leonhardifahrt. Es war für mich sehr überraschend, doch so ähnliche Dinge zu entdecken.

Frage: Mit welchem kurzen Satz würdest du deinen Freiwilligendienst beschreiben?

Luis: Beste Erfahrung für’s Leben!

Frage: Wie wichtig ist für dich der Gedanke, dass der Freiwilligendienst keine Einbahnstraße sein darf?

Luis: Es ist wichtig, dass man diesen Freiwilligendienst nicht nur als Dienst, sondern auch als Zusammenleben und Teilen versteht. Denn wenn man in einem anderen Land lebt, teilt man die jeweils eigene Kultur und auch nach der Rückkehr können wir so den eigenen Leuten besser darlegen, was wir dort, wo wir aufgenommen wurden, gelernt haben. Das ist wirklich das Schönste! Hinzu kommt natürlich die Tatsache, helfen und mitarbeiten zu können, um deutlich zu machen, dass die Unterschiede nicht entscheidend sind, wenn wir als einziges Ziel definieren, uns gegenseitig in der ein oder anderen Weise zu helfen, weil wir Geschwister in Jesus sind. Und das ist für die eine wie die andere Seite von Bedeutung.

Das Interview führte Sebastian Bugl.

Stand: September 2013

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