Angst und ein offenes Herz

  • Reverse-Dienste - 11.03.2014

Seit Oktober letzten Jahres mache ich einen Freiwilligeneinsatz in Deutschland. Ich habe lange überlegt, was ich hier schreiben soll, und ich möchte mit einem Bibelzitat beginnen: „Und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen“. Diese Stelle von der Aussendung der Jünger bedeutet mir sehr viel, denn als ich aus Argentinien weggegangen bin, habe ich meine Freundin, meine Familie und vieles mehr zurücklassen müssen. Mitgenommen habe ich ein offenes Herz für die neue Kultur und neue Begegnungen.

Zum ersten Mal fliegen

Aber ich habe auch noch etwas anderes mitgenommen: Angst. Ich hatte wirklich sehr viel Angst davor, wie es sein wird in einem völlig anderen Land mit einer fremden Sprache. Vor meiner Abreise verbrachte ich zwei Tage in Buenos Aires mit meinem guten Freund Padre Juan. Wir tranken Matetee und ich war sehr schweigsam, als er mich fragte: „Wie geht es dir denn?“ Und als ich antwortete: „Juan, ich mache mir fast in die Hosen vor Angst, ich bin vorher noch nie geflogen und dann geht es gleich ans andere Ende der Welt!“, da meinte er: „Mach dir keine Sorgen, wenn das Flugzeug abstürzt, dann schließt du einfach die Augen, und wenn du sie wieder öffnest, bist du entweder im Paradies oder in der Hölle, je nachdem, wie du dich benommen hast.” Dann lachte er und sagte: „Du wirst schon sehen, alles wird gutgehen!“ Seit diesem Gespräch ist fast ein halbes Jahr vergangen und ich habe jeden Moment meiner Zeit hier in Deutschland bewusst gelebt und viel Neues entdeckt.

Mannheim entdecken

Mannheim ist eine große Stadt, es gibt hier viel mehr Menschen als in meiner Heimatstadt Orán. Zu Anfang war ich sehr erstaunt, wie viele Läden und Geschäfte es gibt und wie viel die Menschen kaufen. Ich habe auch beobachtet, wie eilig es die meisten haben. Sie richten die ganze Zeit die Aufmerksamkeit auf ihr Handy, sie steigen in den Bus ein mit dem Handy in der Hand. Aber trotzdem, wenn ich jemanden anspreche und etwas frage, antwortet derjenige ganz selbstverständlich, nimmt sich Zeit für eine Antwort oder eine Erklärung. Etwas anderes hat mich auch erstaunt: Wenn man eine Straße überqueren möchte, halten die Autofahrer an, auch wenn es keine Ampel gibt. Das ist in Argentinien nicht so, und als hier zum ersten Mal ein Auto für mich stehengeblieben ist, habe ich mich als Fußgänger sehr wichtig gefühlt.

Dario mit Freunden auf dem Belchengipfel (Schwarzwald) im Schnee. Jesuitenmission

Kirche ohne Jugend

Zu Hause in Argentinien habe ich in meiner Pfarrgemeinde mit Jugendlichen aus sehr armen Vierteln gearbeitet. Wenn ich hier in Mannheim zum Gottesdienst gehe, treffe ich wenige Jugendliche, so gut wie gar keine. Es hat mich sehr erstaunt, dass viele hier einen Freiwilligeneinsatz machen, ohne eine Bindung an eine Gemeinde oder andere Institution zu haben. Ich denke, dass die Kirche diesen Jugendlichen Räume öffnen müsste, damit sie nach der Rückkehr aus ihrem Einsatz mitarbeiten können, damit es nicht nur darum geht, sich für ein Jahr in dem einen oder anderen Projekt zu engagieren, sondern dieser Hilfe und dem eigenen Leben darüber hinaus einen Sinn zu geben.

Arbeit im Kinderheim

Als ich erfuhr, dass ich in Mannheim in einem Kinderheim arbeiten würde, dachte ich an das Kinderheim bei mir zu Hause. Als ich hier ankam, sagte man mir: „Du kommst in Gruppe 2.” Ich staunte, dass nur sieben Kinder in der Gruppe sind. Da habe ich gemerkt, dass die Einrichtung sehr gut ist, denn mit weniger Kindern kann man viel besser arbeiten. Ich bin sehr gerne mit den Kindern zusammen und sie vertrauen mir. Alle im Kinderheim sind sehr liebenswürdig und aufmerksam zu mir, immer bereit zu helfen und darum besorgt, wie es mir geht. Eines der schwierigsten Dinge für mich war zu sehen, wie Essen in den Müll geworfen wird. Ich war sprachlos und musste daran denken, wie meine Jugendlichen zu Hause oft den ganzen Tag nichts zu essen haben. Ich habe mittlerweile verstanden, dass das Hygiene-Vorschriften sind, die man beachten muss im Kinderheim, aber es macht mich nach wie vor traurig, Lebensmittel im Müll zu sehen.

Rollenwechsel

Die größte Freude für mich ist es, hier Freunde wiederzutreffen, die als Freiwillige in Orán waren. Jetzt haben sich die Rollen gewandelt, jetzt bin ich hier und darf ihr Leben mit ihnen teilen, ihre Familien und Kultur kennenlernen. Jeden Tag denke ich mir, dass Gott mich hierher geführt hat, das gibt mir immer wieder die Kraft, mich auf Neues einzulassen, die Kultur und die Sprache besser kennenzulernen und das, was ich zu Hause in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gelernt habe, weiterzugeben. Danke, dass ich ein Teil von euch sein darf und mich als Teil von euch fühlen darf!

Von Dario Rodriguez

Aus: weltweit - Das Magazin der Jesuitenmission. Osterausgabe 2014. Mit freundlichem Dank für die Abdruckgenehmigung an die Jesuitenmission.

© Jesuitenmission

Jesuit Volunteers

Dario verbringt im Rahmen des Programms „Jesuit Volunteers“ der Jesuitenmission seinen internationalen Freiwilligendienst in Deutschland. Mehr erfahren Sie auf

www.jesuit-volunteers.org